Realitätsflucht

Seit Donnerstag läuft die Berlinale. Ein Streifzug durch die Stadt der Wichtigkeit.

Regisseur Aki Kaurismäki (l) und Schauspieler Sherwan Haji (r) werfen sich in Pose.

Regisseur Aki Kaurismäki (l) und Schauspieler Sherwan Haji (r) werfen sich in Pose. Bild: Britta Pedersen/Keystone

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Am Freitagmittag rufe ich bei Grill Royal an – «alles ausgebucht», heisst es gleich. Später in der Paris Bar. Ein Mann in Eile: «Tut mir leid, Berlinale, Ausnahmezustand!» – Ende. Selbst im Westen der Stadt herrscht der so­genannte Ausnahmezustand, denke ich, und die seltene Zeit im Jahr, in der die Berliner Taxifahrer nur schlechte und nicht sehr schlechte Laune haben.

Seit Donnerstag laufen in Berlin die 67. Internationalen Filmfestspiele. Es ist ein Publikumsfestival, 400 Filme werden in Kinos in der ganzen Stadt gezeigt. Irgendeine Zeitung macht immer den Titel: «Grosses Kino». Dieses Jahr war es der Tagesspiegel. Die leichteren Zeitungen beraten die Leser, wo sie die Promis sehen können – im Lift der grossen Hotels. Ich empfehle: Café Einstein an der Kurfürstenstrasse. Die seriösen Zeitungen versuchen, etwas zwanghaft, einen roten Faden im Programm zu finden. Die FAZ meinte, auffällig an der diesjährigen Berlinale sei «die Anzahl der Ausstattungsfilme mit politischem Touch». Der politische Touch ist sowieso wichtig an der ­Berlinale.

«Ein Gespenst geht um ...», schrieb Festivaldirektor Dieter Kosslick. Er meinte auch US-Präsident Donald Trump, der zwar «nur ein Homunculus» sei, aber alles ausradieren wolle, «wofür die Berlinale steht». Trump – Ground Zero der Berlinale?

Aber natürlich wird nicht nur über Politik diskutiert, sondern auch über «Glanz und Glamour», der in die Hauptstadt eingezogen sein soll. Tatsächlich ist Berlin keine Glamour-Stadt, nicht einmal an der Berlinale. Das hat auch mit dem Potsdamer Platz zu tun, wo der ganze Glamour eigentlich stattfinden sollte. Es ist eine gesichtslose Allerweltsgegend: das Sony-Center, die Arkaden – die natürlich keine Arkaden sind –, Hotel-Komplexe. Niemand verbringt seine Zeit am Potsdamer Platz. Ausser vielleicht während der Berlinale.

Kritiker tragen schwarz

Aber auch die Restaurants, von denen es heisst, da sei der Glamour zu finden, sind natürlich keine glamourösen Lokale und ganz sicher keine noblen. In der Paris Bar sind die Kellner frech, im «Borchardt» nachlässig, und im Grill Royal wackelt der Tisch. Heisst: Irgendetwas entspricht immer und mit grösster Sicherheit höchsten Ansprüchen nicht. Das wiederum ist auch sehr befreiend. Man kann in dieser Stadt nie underdressed sein. Im Gegenteil: Ein Hemd ist oft zu viel. Auch an der Berlinale.

Kritiker tragen schwarz, musste ich feststellen. Ich aber trug eine braune Jacke. Ein Anfängerfehler. Selbst braun ist an der Berlinale zu bunt. Abgesehen von der Farbe unterscheiden sich die Filmkritiker aber doch sehr. Asiatische Kritiker, von denen es an der Berlinale sehr viele gibt, sind Hipster wie aus dem Katalog: schwarze Schlabberhose, weisse Turnschuhe und irgendeine verrückte Frisur. Zum Beispiel: Alles rasiert, aber oben ein kleiner Pilz. Tokyo Boys. Manche tragen während der Vorstellungen einen medizinischen Gesichtsschutz. Ich fand das erst ein wenig übertrieben, bis das Gehuste in den trockenen Sälen losging. Die deutschen Kritiker sind oft schlecht durchlüftete Gestalten, in muffigen Winter­jacken. Kritiker aus Russland wiederum sind meist Frauen, und vielleicht die glamourösesten Erscheinungen an der Berlinale überhaupt.

Zwei grosse Erlebnisse

Daneben gibt es zwei schöne Erlebnisse an der Berlinale. Das erste ist: Man schaut sich Filme an, über die es noch keine Meinung gibt. Man sitzt also in Kinosälen mit einer nur sehr vagen Vorstellung davon, was auf einen zukommt. Noch kein Mensch hat diesen Filmen Sterne gegeben: Niemand hat sie empfohlen, niemand vor ihnen gewarnt. Die Filme sind noch nicht durch Kritiker versichert, es sind Wagnisse, ohne Rezeptionsgeschichte. Das zweite schöne Erlebnis ist, dass sich dies am nächsten Tag schon geändert hat.

Thomas Arslans Film «Helle Nächte», ein sogenanntes Roadmovie, beschrieb der Tagesspiegel als «traumatisierende Seherfahrung». Und weiter schrieb der Kritiker: «In den ersten Minuten wurde kein Wort gesprochen. Nach zwei Stunden schaute ich auf die Uhr, da waren erst 20 Minuten um.» Die Unschuld währt nur kurz, dann kommen die ätzenden Kommentare. Auf die Schöpfung folgt Vernichtung, selten Krönung.

Während diesen elf Tagen werden in Berlin Filme ähnlich verhandelt wie das Theater in den Zwanzigerjahren: Es geht um fast alles. Im Kino sitzt eine ­Kritikerin neben mir und ärgert sich über einen «Wischiwaschi-Mist-Satz» im Tagesspiegel, über den Film «The Dinner». Ihr Kritikerkollege hebt sogleich zu einem Lob auf den verstorbenen Literatur-Kritiker Marcel Reich-­Ranicki an: «Der hat klar geschrieben, auf den Punkt!» Gute alte Zeit. Die Kritikerin ist einverstanden und sagt: «Und nicht so Wischiwaschi-Mist-Sätze.»

Der Satz im Tagesspiegel lautet: «Aber die Rasanz sorgt immerhin dafür, dass Movermans Moritat zur selbstgefälligen Moralpredigt eines demokratischen Juste milieu dann doch nicht taugt.» Oren Moverman, übrigens, ist der Regisseur des Films.

Weil Berlin die «Stadt der Wichtigkeit» ist (Hans Magnus Enzensberger) und an diesen Berliner Tagen alles noch sehr viel wichtiger ist, wird über etwas Bedeutsames kaum geredet. Fast niemand geht ins Kino zum Politisieren.Eher geht man ins Kino, um die Welt und das eigene Leben zu vergessen. Der Gang ins Kino ist immer auch eine kleine Flucht. Und selbst wenn die Filme schwer sind, ist es eine Erleichterung, für ein paar Stunden nicht die eigenen Probleme haben zu müssen, sondern die anderer Menschen.

Nur schon deshalb ist ein Filmfestival für eine Stadt eine grosse Erleichterung. Menschen in Kinos vergessen sich selber und sind freundlichere Menschen. Aber natürlich lauert auch im Kino überall die Realität: Wenn im Saal das Licht ausgeht, furzen manche Kritiker noch ungehemmter, andere fangen an zu knabbern. Aber manchmal ist all das ausgeblendet und dann kann man sich verlieren. Im Film «Django» (zweieinhalb Sterne), mit dem die Berlinale eröffnet wurde, sagt der von den Nazis verfolgte Musiker Django Reinhardt seiner Geliebten: «Lass uns ins Kino gehen und ein bisschen träumen.»

Geoffrey Rush als Giacometti

400 Filme! Sie können hier nicht alle behandelt werden, und ich will mich deshalb hauptsächlich auf zwei beschränken: Sie laufen in der Wett­bewerbsreihe, haben einen Bezug zur Schweiz und können mit gutem Gewissen empfohlen werden.

Mein persönlicher Favorit (viereinhalb Sterne): «Final Portrait» von Stanley Tucci, mit Geoffrey Rush als Maler Alberto Giacometti. Rush sieht ihm zum Verwechseln ähnlich. Er spielt ihn als einen wunderlichen alten Mann. Ohne Rhythmus. Ein grosser Zweifler mit riesenhaftem Selbstbewusstsein. Weniger Geniesser als Verschlinger. Ohne jeglichen Bezug zu Geld. Wie er im Bistro Eier und Schinken verspeist und dazu zwei Gläser Rotwein und zwei Espressi runterstürzt – allein deshalb sollte man diesen Film gesehen haben.

Er ist ein Kabinettstück und spielt hauptsächlich im Pariser Atelier von Giacometti, 1964, kurz vor seinem Tod. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte: Giacometti malt ein Porträt von James Lord (Armie Hammer). Drei Stunden Zeit würden ihm genügen, kündigt er diesem an. Tatsächlich kommt er zu keinem Ende. Sobald es ansatzweise fertig sein könnte, greift er unter Gejammer und Gefluche zu einem grauen Pinsel, um das Porträt zu übermalen und aus dem Gedächtnis neu aufzubauen. Der Film reflektiert die Kunst selbst, vor allem das kunstimmanente Problem des Fragmentarischen: Nie ist etwas fertig. Entweder, weil der Moment, um etwas zu beenden, schon verpasst wurde. Oder, weil man noch nicht so weit ist.

Geoffrey Rushs schauspielerische Leistung ist gewaltig: Er spielt eine Clown-Figur, kauzig, fahrig, humorig, dabei mit riesenhaften Abgründen. Früher habe ihm die Vorstellung, Frauen zu vergewaltigen und zu töten, beim Einschlafen geholfen. Den Tod fürchtet er nicht, er macht ihn neugierig. Am liebsten würde er verbrennen – das sei doch «interessant».

Bruno Ganz als Esoteriker

Neben dem Giacometti-Film leuchtet bisher vor allem «The Party» von Sally Potter. Wenn Feminismus immer so wäre wie dieser Film, dann würde ich mich vielleicht Feminist nennen. Die Männer im Film sind pathetische Frösche, die Frauen allesamt interessante Figuren: Glänzen mit Ironie, Geist und Komik. In «The Party» treffen sich sieben Akademiker in London – alle so um die sechzig, sozialdemokratisches Milieu –, um Janets Ernennung zur Ministerin im Schattenkabinett zu feiern. Kein anderer Film an der Berlinale hat ein solches Star-Aufgebot: Patricia Clarkson, Cherry Jones, Emily Mortimer, Cillian Murphy, Kristin Scott Thomas, Timothy Spall und Bruno Ganz.

Der Schweizer spielt einen Heiler aus Deutschland, ein «pain in the ass», der sich mit Esoterik und Allerweltsweisheiten in die Wohnzimmer-Debatte einzubringen versucht. Meist unter­brochen von seiner Partnerin (Patricia Clarkson): «Shut up, Gottfried!» Die Party endet nach kurzer Zeit mit einem Geständnis von Janets Gatten und führt in eine kollektive Vergangenheitsbewältigung in giftigen Dialogen.

Bei der anschliessenden Pressekonferenz im Hotel Grand Hyatt war auch Bruno Ganz anwesend, eher missmutig, wie es schien. Sein Gesicht war der Kontrast zur allgemeinen Euphorie nach der Vorstellung. Regisseurin Sally Potter nannte die Schauspieler «amazing people» und pries die «magic of colaboration». Ganz schenkte sich Wasser ein und kratzte sich am Rücken. Später wollte man von ihm wissen, ob er – die grosse Filmlegende – in der Figur des Gottfried als Schauspieler etwas Neues ausleben konnte? «Es war nur ein Film», sagte Ganz auf Englisch, «ich habe das Skript gelesen, und ich mochte es sehr, darum habe ich mitgemacht.»

Madame Merkel

Wer Ganz Fragen stellt, muss sich gefasst machen, leicht dümmlich zu wirken. Später sagte Ganz, auf die positive Art seiner deutschen Figur angesprochen: «Ich wollte Madame Merkel glücklich machen.» Kurz lachte er und zeigte eine Reihe weisser Zähne, die in seinem alten, furchigen Gesicht etwas zu weiss wirken. Und was ist das politische Statement? Sally Potter: «Es ist so wichtig, im privaten und im öffentlichen Leben die Wahrheit zu sagen.»

Entlang der Alten Potsdamer ­Strasse, beim Potsdamer Platz, ist diese Tage ein kleines Film-Dorf entstanden, und wenn die Sonne scheint, wirkt es gar nicht so unfreundlich: Kritiker, Schauspieler und Star-Spekulanten gehen ihrer Wege. Ein Häufchen steht permanent vor dem Hinterausgang des «Hyatt», um die Schauspieler nach den Pressekonferenzen abzufangen. Das Glück in der Kälte dauert oft nur drei Sekunden: So lange brauchen Schauspieler vom Ausgang bis zur Limousine.

Für Gesprächsstoff in Berlin sorgte bisher vor allem der Besuch von Richard Gere («Ein Mann für gewisse Stunden»). Er kam zum Auftakt der Berlinale, traf seine langjährige Freundin Claudia Roth (von den Grünen) und Angela Merkel. Der Kanzlerin brachte Buddhist Gere eine persönliche Nachricht seines Freundes, des Dalai Lamas. Richard Gere ist der Einzige, der wirklich wegen Politik an der Berlinale war.

Claudia Roth meinte nach dem Treffen: «Er sieht schon Bombe aus.» Merkel kommentierte Geres Aussehen nicht. Im Film «The Dinner» (drei Sterne) spielt Gere einen bekannten amerikanischen Politiker. Sein Sohn begeht mit einem Cousin ein tödliches Verbrechen: Die beiden zünden eine obdachlose schwarze Frau an und filmen die Tat. Bei einem Nachtessen in einem Luxus-Restaurant beraten die Eltern der Kinder, was zu tun ist. Gere, der Politiker, ist der Einzige am Tisch mit Haltung, Verstand und Mitgefühl. Ein Trump-Antipode, vielleicht. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.02.2017, 10:40 Uhr

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