Werden die Oscars zur Anti-Trump-Show?

Meryl Streep bei den Golden Globes bewies: Flammende Appelle befeuern Preisverleihungen. Wer bei den Oscars das politische Feuer entfachen könnte.

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Michael Moore hat es getan. Der Dokumentarfilmer hat einen amtierenden US-Präsidenten an einer Oscarshow direkt angegriffen. Nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen im Irak sprach er 2003 als frischgebackener Gewinner von einem «fiktiven Amtsinhaber» und rief: «Shame on you, Mr. Bush.» Das Publikum tobte, buhte, applaudierte – und die einsetzende Musik vertrieb den Zornigen von der Bühne.

Wird am 26. Februar 2017 im Dolby Theatre von Los Angeles jemand «Sie sollten sich schämen, Mr. Trump» rufen? Der neue US-Präsident wird dann einen Monat im Amt sein und – so ist anzunehmen – zahlreiche Angriffsflächen bieten, die von der liberalen Hollywoodgemeinde dankbar aufgenommen werden könnten. Polterer Michael Moore dürfte allerdings kaum Gelegenheit dazu erhalten. Meryl Streep jedoch hat, in ihrer Rolle als falsch singende Sopranistin in «Florence Foster Jenkins», eine reale Chance für eine Nominierung und damit für eine Präsenz an der Gala.


Die Schauspielerin mit der Rekordzahl von 19 Oscar-Nominierungen (nur der gewählte US-Präsident hält sie für «überschätzt») hat mit ihrer klugen und doppelbödigen Rede bei den Golden Globes, in welcher der Name Trump kein einziges Mal fiel, den Ton gesetzt. Sie hat damit für viel Wirbel gesorgt – und der serbelnden TV-Show willkommene Publicity beschert. Auch die Oscars leiden seit Jahren unter sinkenden Quoten. Die Frage ist aber, wie viel Politik die Produzenten der Show zulassen wollen.

Frank Sinatra entschuldigte sich

Politik war bisher an den Oscars nicht gern gesehen. Als Marlon Brando 1973 seinen Preis nicht abholte und an seiner Stelle eine Frau namens Sacheen Littlefeather auf die Bühne schickte, um auf die Nöte der amerikanischen Ureinwohner aufmerksam zu machen, wurde diese gnadenlos ausgebuht. Und als Bert Schneider 1975 einen Oscar für den Vietnam-Dokumentarfilm «Hearts and Minds» gewann und ein Telegramm des nordvietnamesischen Botschafters vorlas, entschuldigte sich Frank Sinatra als Moderator später in der Show «für jede politische Anspielung in diesem Programm».

Gut möglich, dass 2017 politische Anspielungen gar gefördert werden. Die Produzenten haben zwar gesagt, sie würden die Show dieses Jahr straffen. Aber das kündigen sie – erfolglos – immer an. Die Frage ist nur: Wer könnte das politische Feuer entfachen?

Leonardo DiCaprio wird als bester Darsteller vom letzten Jahr ziemlich sicher auf der Bühne stehen, um seinem Nachfolger die Statue zu überreichen. Er hat immerhin 2016 seinen Triumph in «The Revenant» genutzt, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen («Er ist real und findet jetzt statt»). Auch Natalie Portman gab auf der Oscarbühne bereits politische Statements von sich und brandmarkte 2012 den Begriff «illegaler Immigrant». Dieses Jahr hat sie Chancen, als beste Darstellerin eine Rede zu halten – und das erst noch für die Rolle als Präsidentengattin «Jackie».

Viele Filme mit brisantem Inhalt

Überhaupt, schaut man die Liste der Filmfavoriten an, fällt auf, dass viele davon brisante Inhalte haben, die sich auf der Bühne leicht in Statements ummünzen lassen: Es geht um härtere ökonomische Bedingungen («Manchester By the Sea», «Hell or High Water»), Rassendiskriminierung («Loving», «Moonlight», «Hidden Figures»), die Rechte Homosexueller (noch einmal der Golden-Globe-Gewinner «Moonlight»).

Am Ende steht und fällt aber jede Show mit ihrem Moderator. Klar, machte Jimmy Fallon bei den Golden Globes auch seine Trump-Witzchen («Die Abstimmung wurde überwacht von Ernst & Young & Putin»). Aber Oscar-Gastgeber Jimmy Kimmel pflegt in seiner Late-Night-Show einen schärferen Humor. Und wenn man davon ausgeht, dass auch das Private politisch ist, hat er bereits einen Anfang gemacht: Er enthüllte, er verdiene als Moderator mickrige 15’000 Dollar – und das auch nur, weil es wohl illegal sei, gar nichts zu zahlen.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2017, 20:06 Uhr

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