Kultur
«Aida» mit zwei Baukränen und einem Elefanten
Von Anna Kardos, Bregenz. Aktualisiert am 24.07.2009
Am Schluss ging das Studiolicht an. Amneris kauerte im Wasser, ihr Ballkleid mit einem einfachen Schleier bedeckt, und sang «Pace t'imploro, salma adorata» – Frieden erflehe ich für dich, geliebter Toter. Grosse Gesten hatten da keinen Platz, alles Spektakuläre war verbannt. Ein intimer Moment, einer der Echtheit auch – und man atmete auf. Gerade zuvor waren nämlich Aida und ihr geliebter Radames in einem Boot sterbend durch die Lüfte entschwebt, zwei Baukräne hatten gigantische Fragmente der New Yorker Freiheitsstatue quer über die Bühne gehievt, der Bodensee hatte Feuer und Wasser gespien. Und wem das noch nicht genug war, den erfreute Bühnen- und Kostümbildner Paul Brown mit einem bronzefarbenen Riesenelefanten, auf dessen Nacken der siegesbekränzte Radames thronte.
Die Technik hilft der Musik
Giuseppe Verdi hat sich im Alter immer dagegen gewehrt, als Musiker bezeichnet zu werden: «Io sono un uomo di teatro!» Vom Szenischen, nicht von der Musik allein wollte er seine Werke verstanden wissen. Ein Glück für die Bregenzer Seebühne. Denn die Musik hat es hier nicht immer leicht, obwohl ihr mit allen Mitteln der Technik unter die Arme gegriffen wird. Ein immenses und ausgeklügeltes System berechnet genauestens, wann welcher Sänger wo steht, und mischt die einzeln aufgenommenen Klänge so ab, dass die Lautsprecher dem Publikum eine virtuelle Räumlichkeit suggerieren. Trotzdem können die Sänger einander über die riesige Bühne hinweg nicht direkt hören, und auch den Dirigenten sehen sie nur über Bildschirme.
Aufeinander einzugehen, ist also schlicht nicht möglich, obwohl mit Carlo Rizzi ein Dirigent die Wiener Symphoniker leitete, der sonst durchaus ein sensibler Sängerbegleiter ist. So aber behält die Musik stets etwas von der Ästhetik einer «minus one»-CD, von der der Orchesterpart fixfertig herunterdudelt und zu der man in den heimischen vier Wänden die Stimme des Solisten spielen darf. Diese Ästhetik gehört zur Seebühne einfach dazu, genauso wie die Tatsache, dass nicht alle Sänger gleichermassen mit ihr klarkommen.
Ägyptischen Prinzessinnen aus Georgien
Iano Tamar als Amneris, der der berührend stille Moment am Schluss gehört, kommt damit klar. Die tollsten ägyptischen Prinzessinnen kommen offenbar aus Georgien. Tamar zumindest glückt an diesem Abend die Quadratur des Kreises. Einerseits ist da die gnadenlose Intimität eines Mikrofons, das jeder Sänger im Gesicht trägt und das beinahe jeden Hauch, noch die kleinste Unsauberkeit den 7000 Zuschauern verrät. Und andererseits ist da die tatsächliche Entfernung, in der diese 7000 sitzen. Auf Nähe und Ferne zugleich müssen die Sänger agieren können, Intimität mit grosser Distanz verbinden. Iano Tamar gelang beides, plastisch und bravourös.
Die Hand auf die durchgereckte Hüfte gestützt, spickte sie die kapriziösen Punktierungen ihrer Arie ins Publikum und scheute sich auch nicht, in herrischer Pose in den Sprechton zu verfallen, um ihrem Willen mehr Nachdruck zu verleihen. Als aber plötzlich die weichen Triolen sie von Sehnsucht und Liebe singen liessen, wie sanft wurde da der Ton! Wie weich auch die Körperhaltung!
Wenn der Ausgang der Handlung nicht vorgegeben wäre, hätte diese Amneris bestimmt das Herz des jungen Feldherrn Radames betört. Doch der Librettist Antonio Ghislanzoni wollte es anders. Bei ihm zieht Radames die äthiopische Sklavin Aida vor. Und, rein musikalisch argumentiert: Auch Aida ist keine schlechte Wahl. Tatiana Serjan gibt sie nicht als still Leidende, die ihrem Kummer in lyrischen Phrasen Ausdruck verleiht, sondern hin- und hergerissen zwischen Liebe und Gehorsam, voller Sehnsucht nach Freiheit. Das zeigte sie auch stimmlich mit dramatischer Phrasierung und erregtem Vibrato. Iain Paterson als ihr Vater Amonasro beschwor die Freiheit seines Volkes mit tiefem Ernst und schöner Differenziertheit. Etwas mehr Mühe bekundete Radames, gesungen von Rubens Pelizzari, dessen sehr starke melodische Gestaltung durch die Mikrofonierung gar zu abenteuerlich ausfiel.
Liebe als Staatsangelegenheit
Amneris reagiert auf ihre Zurücksetzung, indem sie Aida mit Erniedrigung und Tod droht. Auf der Seebühne geschieht das über eine Distanz von 14 Metern. Die räumliche Dehnung verwandelt Privates in Öffentliches, Persönliches in Staatsangelegenheit. So will es auch die Inszenierung von Graham Vick. Nicht die unglückliche Liebe zwischen den Figuren steht bei ihm im Mittelpunkt des Geschehens, sondern Freiheit, die Würde der Menschen und ihr eigenständiges Handeln.
Dass der Regisseur hierfür Bilder heraufbeschwört, wie sie aus Guantánamo und Abu Ghraib bekannt und hundertfach durch die Medien gegangen sind, ist nur naheliegend. Den äthiopischen Sklaven werden Tücher über den Kopf gestülpt, mit einem Seil um den Hals müssen sie auf allen Vieren über die Bühne kriechen. Was aber die ägyptischen Priester mit katholischen Bischofshüten und -stäben, was die Hohepriesterin in Form einer Dutzende Meter über dem See schwebenden Madonna mit Glorie soll, will sich einem nicht so recht offenbaren.
Griff zum grossen Pinsel
Sofort klar ist hingegen: Der Regisseur hat sich für den Griff zum grossen Pinsel entschieden. In mehr als einem Moment spukt einem die Frage im Kopf herum: Ist das nötig? Muss eine riesige Bühne mit riesigen Gesten bespielt werden?
Das muss sie wohl tatsächlich. Die Inszenierung tut es konsequent, indem sie nicht nur die Handlung auf Staatsebene verlegt, sondern mit stereotypen Figuren und schemenhafter Handlung auch eher Gleichnis denn erzählende Geschichte sein will. Gleichnis auf eine Welt, in der die Helden genauso blind sind wie die Sklaven, wo «von oben» zugegriffen wird bis in die verborgensten Winkel der Herzen.
Eine opulente Inszenierung, mit breitem Pinsel ausgemalt, manchmal etwas zu breitem Pinsel. Das Spektakel löst sich vom Stück und beginnt ein Eigenleben zu führen. Man schaut ihm nicht ungern zu.
Bis 23. August. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.07.2009, 08:59 Uhr
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Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.








