Kultur
«Das Werk muss vorne stehen!»
Von Susanne Kübler. Aktualisiert am 29.04.2010
Dirigent einer Epoche
Michael Gielen wurde 1927 in Dresden geboren. 1939 emigrierte die Familie nach Buenos Aires, wo sein Vater als Regisseur am Teatro Colon arbeitete. Dort begann er als Korrepetitor (Begleiter am Klavier bei Proben). 1951 wechselte Gielen in gleicher Funktion an die Staatsoper Wien. 1954 fing er an zu dirigieren, 1977 wurde er Generalmusikdirektor in Frankfurt. Zusammen mit Ruth Berghaus und Hans Neuenfels (Regie) sowie Klaus Zehelein (Dramaturgie) machte er die Frankfurter Oper während zehn Jahren zum experimentierfreudigsten Zentrum des Musiktheaters. Ebenso prägend wie diese «Ära Gielen» war seine Zeit beim SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (1986–1999), mit dem er u. a. alle Beethoven- und Mahler-Sinfonien einspielte. (suk)
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Herzliche Gratulation zum Siemens-Preis! Er war ja fast überfällig...
Eigentlich habe ich nicht mehr mit der Auszeichnung gerechnet, sie hätte ja auch schon vor 20 Jahren passieren können. Aber ich freue mich sehr darüber, es ist eine grosse Ehre, eine grosse Prestigesache, und auch viel Geld.
Die Siemens-Stiftung will «Epochenfiguren» ehren. Das sind Sie jetzt zweifellos.
Von einer vergangenen Epoche, ja! Schauen Sie doch an, wer jetzt grossen Erfolg hat, da gehöre ich doch zu einer vergangenen Generation, die eine ganz andere Idee von Musik hatte.
Welche?
Ich bin ja ein Neffe von Eduard Steuermann, der viele Klavierwerke von Schönberg uraufgeführt hat. Auch mir geht es um die schönbergsche Haltung zur Musik, um das polyfone Denken.
Sie gelten als intellektueller Dirigent.
Was heisst denn intellektuell? Das Wort kommt doch von intus legere – dass man liest, was drinsteht. Dass man versucht, die Inhalte darzustellen, in einer adäquaten Sprache, nicht auf den Effekt hin. Wenn man an Effekt denkt beim Dirigieren, ist man ja schon daneben.
Diese Haltung unterscheidet Sie von vielen Ihrer Kollegen?
Oh ja.
Hat damit auch Ihre Skepsis gegenüber dem Überwältigt-Sein oder dem Überwältigen-Wollen zu tun?
Die hat vor allem mit der Vergangenheit zu tun. Furtwängler überwältigt einen, die «Götterdämmerung» überwältigt einen, und das Nazitum und der Faschismus und der Militarismus überwältigen einen. Irgendwie empfinde ich beim Überwältigt-Werden eine Parallelität zu negativen gesellschaftlichen Erscheinungen.
Sie haben als junger Korrepetitor unter Furtwänglers Leitung Continuo gespielt, bei Bachs «Matthäus-Passion» im Teatro Colon.
Das war 1950, damals war ich 23 Jahre alt. Ich fand es ganz schrecklich, wie Furtwängler Bach dirigiert hat, und die Proben waren eine Quälerei. Aber wir alle, die dabei waren, wurden überwältigt von seiner Persönlichkeit, von der Kraft, die von ihm ausging am Abend. Das Konzert war ein grosses Erlebnis, ein negatives grosses Erlebnis.
Danach wussten Sie, was Sie nicht wollten als Dirigent?
Das wusste ich schon vorher! Es ging mir immer um einen aufklärerischen Gestus, um Deutlichkeit, Durchsichtigkeit. Nicht nur das Orchestergeschehen soll transparent sein, sondern durch den Klang sollen auch die Inhalte transparent werden.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Beethovens «Eroica» etwa. Wenn ich glaube, dass das Wort «heroisch» gleichzusetzen ist mit langsam, laut, schwerfällig und mit dem Schwert in der Hand, und wenn ich die Musik entsprechend gestalte, dann ist das sicher nicht richtig. Man muss die Musik lesen können, sie muss im richtigen Tempo erklingen, und was dann rauskommt, das ist heroisch. Das Wort wird definiert durch die Musik und nicht umgekehrt.
Was heisst das, wenn man diese Ansprüche auf die Oper überträgt?
Ich verabscheue den Begriff Regietheater. Es muss doch Musiktheater heissen, mit guten Regisseuren und klugen Dramaturgen. Die Regie kann nicht vorne stehen, das Werk muss vorne stehen! Sonst kommt das heraus, was Regisseure wie Calixto Bieito machen; die erfinden ein eigenes Stück, stülpen es über ein Werk und inszenieren das. Sie nehmen sich wichtiger als die Autoren.
Auch Ruth Berghaus, mit der Sie in Frankfurt intensiv zusammengearbeitet haben, galt als Vertreterin des Regietheaters.
Aber ihre Idee war es, die Inhalte des Stücks zu entdecken und das, was eine schlechte Tradition verschüttet hat, wieder sichtbar zu machen! Sie hat nie etwas draufgepflanzt, was nicht drin war. Ich habe sie sehr bewundert, ihre Kompromisslosigkeit, die Originalität ihrer Konzepte.
Sie haben sowohl in der Oper als auch im Konzert sehr viel zeit- genössische Musik dirigiert. War das ein Zufall?
Nein. Ich wollte immer komponieren, und als ich mit 19 damit anfing, habe ich noch nicht dirigiert. Als Dirigent fand ich es dann selbstverständlich, dass ich Komponisten meiner eigenen Zeit aufführe. Ich schrieb ja selbst so einen Stil.
Mit den älteren Werke taten Sie sich dagegen schwerer...
Als ich jung war, war Mozart das Schwerste für mich, auch am Klavier. Ich spielte damals ziemlich gut, mit 22 habe ich die ganzen Schönberg-Stücke zu seinem 75. Geburtstag aufgeführt. Bis Brahms gings dann noch, von Schönberg aus rückwärts gedacht; Beethoven schaffte ich nur mit grösster Mühe, weil ich diese ganze klassische Technik nicht hatte. Beim Dirigieren gings dann leichter – und Beethoven ist sogar zu einer Lebensaufgabe geworden.
Bei der Preisverleihung gibts nun trotzdem nicht Beethoven, sondern ein Streichquartett von Ihnen.
Nur zwei Sätze daraus, das Ganze wäre zu lang. Es gibt ja noch die Förderpreise, von diesen Komponisten wird auch was gespielt, und dann gibt es die Laudatio von Helmut Lachenmann. Die kenne ich schon, er hat sie für den Echo-Preis 2008 geschrieben. Damals konnte er sie nicht halten, weil man ihm direkt vor dem Auftritt gesagt hat, er hätte nur 10 Minuten. Die Rede dauert aber 40 Minuten. Jetzt habe ich den Organisatoren bei Siemens gesagt, sie müssten den Lachenmann dazu bringen, dass er diese Laudatio vorliest. Es ist das Beste, was je über mich gesagt worden ist.
Mit Michael Gielen sprach Susanne Kübler
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.04.2010, 22:46 Uhr
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.








