Der Elbtraum

Nächste Woche wird der Konzertsaal der Hamburger Elbphilharmonie eingeweiht. Bei der ersten Probe weinten die Musiker – alle.

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Für einmal sind Superlative angebracht: Wenn am kommenden Mittwoch in der Hamburger Elbphilharmonie der Konzertsaal eingeweiht wird, ist dies das wichtigste Ereignis des Klassikjahres 2017. Der glamouröseste Abschluss des grössten denkbaren Baudebakels. Und für alle Beteiligten – die Basler Architekten Herzog & de Meuron, die Vertreter der Stadt Hamburg und des Baukonzerns Hochtief – der Moment der maximalen Erleichterung. Nur in einem Punkt schafft es das Ereignis nicht ganz an die Spitze: In der Rangliste der teuersten je gebauten Gebäude liegt die Elbphilharmonie nur auf Platz 12.

Es ist noch gar nicht lange her, dass man nicht viel darauf gewettet hätte, dass dieser Bau je fertig würde. Was als kühne Vision begonnen hatte, verkam schon bald nach der Grundsteinlegung im April 2007 zu einem endlosen Hickhack zwischen den Verantwortlichen. Die ursprünglich für 2009 vorgesehene Eröffnung wurde eins ums andere Mal verschoben, die Kosten für die öffentliche Hand stiegen von den zunächst kalkulierten 77 Millionen Euro schrittweise bis auf die finalen 789 Millionen Euro. Und mit jeder Verzögerung und Verteuerung wurden die gegenseitigen Schuldzuweisungen gehässiger; ein Baustopp, der im November 2011 verfügt wurde, markierte den Tiefpunkt.

Geheimes Programm

Eineinhalb Jahre lang regnete es in die dachlose Elbphilharmonie. Aber dann waren die vorher verworrenen Verantwortlichkeiten geregelt, der Finanzplan abgesegnet, die letzten Baudetails geplant: Es konnte weitergehen, und nun ging es plötzlich ziemlich rasch. Im November 2013 war der Rohbau fertig, drei Jahre später wurde der frei zugängliche Teil eröffnet.

Hamburgs neues Wahrzeichen: Die Elbphilharmonie in der Aussenansicht. (Video: Youtube/Elbphilharmonie Hamburg)

Seither überschlagen sich Architekturspezialisten aus aller Welt vor Begeisterung. Und nicht nur sie: Thomas Hengelbrock, Chefdirigent des neuerdings unter dem Namen NDR Elbphilharmonie Orchester figurierenden NDR-Sinfonieorchesters, erzählte von der ersten Probe, bei der alle Musiker geweint hätten vor Glück. Das Programm des Eröffnungskonzerts dagegen verriet er nicht, man weiss nur, dass es eine Rihm-Uraufführung gibt, dazu Werke «unter anderem von Beethoven, Cavalieri, Liebermann, Messiaen, Praetorius, Wagner und Zimmermann».

Zwei illustre Absagen – von der Sopranistin Anja Harteros und dem Tenor Jonas Kaufmann – mochten die Vorfreude nicht zu dämpfen. Auch nicht die kritischen Fragen, die schon jetzt zur Akustik laut werden (warum wird nirgendwo erwähnt, wie lange der Nachhall im Saal ist?). Hamburg und die restliche Musikwelt werden die Elbphilharmonie mit einer Begeisterung feiern, die von der schwierigen Baugeschichte erst recht befeuert wird, Stichwort: «per aspera ad astra», vom Albtraum zum Elbtraum. Und vom Geldfresser zur Geldmaschine: Die Konzerte bis Sommer 2017 sind bis auf ein paar ganz wenige Karten ausverkauft. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2017, 12:27 Uhr

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