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Drei Tenöre für Desdemona
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Nein, diese Desdemona lässt sich nicht so einfach erdolchen. Vorher konfrontiert sie Otello noch einmal mit ihrer Angst und ihrem Mut, mit denen sie schon zu Beginn der Oper ihrem Ende entgegengesehen hatte. Und mit einer Stimme, die einen vergessen lässt, dass Rossinis Musik vor allem aus Schnörkeln besteht. Die Stimme gehört Cecilia Bartoli, und die Schnörkel werden bei ihr zu Pfeilen – so präzis, unverhaucht klar und mit emotionaler Wucht schiesst sie sie in den Raum, dass Otellos Dolch im Vergleich dazu wie ein Spielzeug wirkt.
Cecilia Bartoli hat also wieder einmal eine Rolle gefunden, die ihr liegt – und die sich perfekt in ihr Karriere-Puzzle fügt. Mit Rossini ist sie ja einst berühmt geworden, als blutjunge Rosina im «Barbiere di Siviglia». Später hat sie sich auf die Ausgrabung von Raritäten verlegt und ist nach Umwegen über Salieri und den Barock wieder bei Rossini gelandet: Letztes Jahr hat sie in der Zürcher Aufführung von «Le comte Ory» ihre komödiantischen Talente vorgeführt, nun hat sie sich die noch seltener gespielte ernste Oper «Otello ossia il moro di Venezia» gewünscht. Auch weil diese Desdemona eine Paraderolle der grossen Maria Malibran war, auf deren Spuren sie seit einiger Zeit unterwegs ist.
Liebesbrief statt Taschentuch
Rossinis Stück wurde 1816 in Neapel aufgeführt, und es war ein Erfolg: An vielen Orten und in vielen Versionen (sogar mit Happy End!) wurde es gespielt, 1835 auch im Zürcher Actientheater. Mit Shakespeares Vorlage hatte es wenig zu tun, weit weniger jedenfalls als Verdis «Otello» von 1887, der Rossinis Stück dann aus dem Repertoire verdrängte. Während bei Verdis «Otello» Eifersucht im Zentrum steht, ist es bei Rossini der Konflikt zwischen Desdemona und ihrem autoritären Vater (Peter Kalman), der bei Verdi gar nicht vorkommt. Und nicht ein Taschentuch wird ihr zum Verhängnis, sondern ein Liebesbrief, der in Iagos Hände gerät. Dieser wiederum entwickelt bei Rossini keinerlei Grösse im Bösen; es reicht ihm, dem verschmähten Verliebten, nur zum schäbigen Intrigantentum.
Dass nun im Zürcher Opernhaus gleich beide Stücke neu herausgebracht werden, gehört zu den guten Ideen dieser Saison. Graham Vick hat Verdis «Otello» in einer mit SVP-Plakaten dekorierten Gegenwart angesiedelt; für das Regieduo Moshe Leiser/Patrice Caurier nun spielt die Geschichte in den 1960er-Jahren, in einem venezianischen Palast, den Christian Fenouillat mit einem Lüster aus Muranoglas, mit ockerfarbenen Wänden und erlesenen Stoffen ausgestattet hat.Man darf vermuten, dass neben der Wahl des Stücks auch jene von Leiser/Caurier mit Bartoli zu tun hat: Sie hat mit ihnen schon Halévys «Clari» und Rossinis «Le comte Ory» erarbeitet, und lustiger und liebevoller hätte man diese Komödien nicht zeigen können. Nun, in der Tragödie, sind die Regisseure weniger frech. Zwar haben sie zu Recht den Rassismus als zentrales Thema ausgemacht – aber die Erfindung eines Cafés für die Immigranten-Community (Kostüme: Agostino Cavalca) und wenige Takte arabische Musik aus einer Jukebox ändern nichts daran, dass sie es eher zahm angehen.
Zärtlich und zornig
Gar nicht zahm wirkt dagegen Javier Camarena, der schon im «Comte Ory» hinter Cecilia Bartoli her war. Hier gibt er nun den unglücklich verliebten Rodrigo – und zeigt noch einmal, mit welcher Leichtigkeit und Tiefe er Rossinis Koloraturen zu singen versteht. Die schönste Arie (neben Desdemonas Lied vom Weidenbaum) gehört ihm und seinem zärtlichen, zornigen Liebeskummer.
Aber nicht nur wegen Camarena kommen die Freunde der tenoralen Stimmlage auf ihre Kosten in dieser allseits umjubelten Aufführung: Das Personal, das Rossini in Neapel zur Verfügung stand, hat dazu geführt, dass er gleich drei Hauptrollen für Tenor geschrieben hat. John Osborn gibt den Otello, mit schwarzer Schminke im Gesicht und ungeschminkter Wut und Verletztheit in seiner Stimme. Und als Iago steuert Edgardo Rocha helle, nicht sehr voluminöse, aber gebührend fiese Töne bei.
Wie attraktiv Rossinis Musik gerade bei diesen allen Opernkonventionen widersprechenden tenoralen Gipfeltreffen ist – das machen die drei eindrücklich klar. Und wenn sie aufeinander losgehen, dann ist es auch dem auf historischen Instrumenten spielenden Orchestra La Scintilla so richtig wohl. Unter der Leitung von Muhai Tang, der schon «Le comte Ory» dirigiert hat, zündet die Musik vor allem, wenn sie schnell und laut ist: wenn die Ouvertüre mit punktierten Rhythmen und ausgiebigen Bläsersoli in Richtung Komödie zu preschen scheint oder wenn mit Blitz und Donner und rabiaten Akkorden klargemacht wird, dass es eben doch nicht gut kommt. In den leisen Momenten ist der Klang weniger präsent; da fallen auch Stillstände und dramaturgische Lücken auf, die es insbesondere im ersten Akt gibt. Im letzten Akt dagegen ist die Musik so stark, dass sie über alle Ungereimtheiten hinwegträgt (eine davon haben Leiser/Caurier beseitigt, indem sie die Partie eines aus dem Nichts auftauchenden Lucio dem Rodrigo überlassen). Und wenn dann die Desdemona dem Otello gegenübersteht, mit der Angst, dem Mut und der Entschlossenheit, mit der sie die Verantwortung übernimmt für ihre Liebe und ihren Tod: Dann wirkt sie weit moderner als ihr jüngeres Alter Ego, das bei Verdi einen reinen Opfertod stirbt.
Weitere Aufführungen bis 6. März. Verdis «Otello» ist am 21. und am 24. Juni noch einmal zu sehen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.02.2012, 09:55 Uhr
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