Elphi, mia bella!

Die Elbphilharmonie ist eingeweiht. Alles, was sie über das Wunderwerk wissen müssen – unsere Klassik-Expertin vor Ort erzählt.

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Jede einzelne der Tausenden von Scheiben, so erfährt man während einer Führung durch die Elbphilharmonie, sei einer Pendelschlagbelastung ausgesetzt worden. Man liess ein Gewicht in einem Autoreifen gegen das Glas prallen – was nicht splitterte, durfte eingepasst werden. Nun, im Eröffnungskonzert, setzte der Dirigent Thomas Hengelbrock auch den grossen Saal einem solchen Test aus. Pausenlos pendelte das Programm in der ersten Hälfte zwischen frühbarocken Stücken und solchen aus den letzten Jahrzehnten hin und her, zwischen grossen Besetzungen und ganz kleinen, zwischen Fortissimo und Pianissimo. Und tatsächlich, es splitterte nichts.

Viel war schon im Vorfeld von der vom Japaner Yasuhisa Toyota verantworteten Akustik dieses Saals geschwärmt worden. Um sie genau zu planen, hatte man ein Modell im Massstab 1:10 gebaut, mit den exakt verkleinerten Fräsungen der Gipsfaserplatten an den Wänden, mit Figürchen in Filzkleidchen als Publikum und Mäusegepiepse als Klangquelle.

Im Konzert hat sich jetzt gezeigt, dass die Rechnung aufging: Warm und direkt, voll und dennoch transparent tönen grosse Besetzungen hier; der Klang ist physischer, weniger steril als in anderen modernen Sälen, noch in den höchsten Rängen spürt man die Vibrationen der Bässe. Und wirklich verblüfft hörte man jede Nuance in Giulio Caccinis berühmtem «Amarilli, mia bella», das der Countertenor Philippe Jaroussky mit Harfenbegleitung mitten im Publikum sang: Dass so leise Klänge einen Saal mit 2100 Plätzen zu füllen vermögen, ist tatsächlich schon fast ein akustisches Wunder. Dass dabei keinerlei Hafengeräusche von aussen hereindringen, ebenfalls.

Man brauchte den Namen im Caccini-Stück nur durch die liebevolle Abkürzung zu ersetzen, mit der die Hamburger ihr neues Wahrzeichen benennen, um es auch als Hommage an den Saal zu hören: «Elphi, mia bella». Denn schön ist sie geworden, diese Elbphilharmonie der Basler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron. In den Foyergängen wird es zwar bei viel Publikum eng und warm; aber die Durch- und Ausblicke in diesem fast skulpturalen Geflecht von Passagen und Treppen entschädigen dafür. Und der Saal selbst ist – auch das erstaunlich bei dieser Grösse – überaus behaglich.

Das Publikum sitzt auf steilen, rund um den ganzen Raum verbundenen Balkonen ums Orchester, wobei jeder Bereich übersichtlich bleibt; nie hat man das Gefühl, in der Masse unterzugehen. Die Farben sind hell, aber warm; die leicht rauen Oberflächen verhindern jeden Eindruck von kühler Glätte; und die Formen wirken bei aller Asymmetrie nicht unruhig.

Es ist eine schlichte Schönheit, die man hier erlebt, und gleichzeitig eine geradezu exzessiv luxuriöse. Nicht nur die viel bewunderten Scheiben der Fassade, die in Belgien gegossen, in Deutschland mit sonnenschützenden und radar-dienlichen Chrompunkten bedruckt und in Italien gewölbt wurden, sind Einzelanfertigungen. Auch im grossen Saal ist kein Teil wie der andere.

Die rund 1000 Kugellampen wurden mundgeblasen, in den Eichenholzgeländern entdeckt man immer wieder andere Schwünge und Knicke, die Gipsplatten an den Wänden sind unterschiedlich grosse, individuell gefräste Unikate. Auch im kleinen Saal, der 550 Plätze bietet und wie eine gemütliche Höhle wirkt, zeugen die Holzreliefs an den Wänden von viel Handarbeit. Da gerät man schon beim Gedanken an allfällige Schäden ins Schwitzen: Standardersatz gibts für nichts, jedes Element müsste nach dem Modell neu gefertigt werden. Was teuer war, wird auch im Unterhalt nicht billig sein.

Das ist die einzige kleine Melancholie, die einen in diesem Gebäude überkommt: Einmal mehr wird die klassische Musik, die ja immer alle «aus dem elitären Rahmen herausholen» und «zu den Leuten bringen» wollen, in einem denkbar exquisiten Umfeld angesiedelt. Auch wenn man mit günstigen Karten und Education-Projekten vieles tun wird, um ein breites Publikum hierherzuholen: Dass Klassik Hochkultur ist, wird hier durch den Bau – in dem sich auch ein Luxushotel und Luxusapartments befinden – unübersehbar zelebriert. Auf einen Konzertsaal mit angegliederter Jugendherberge wartet man weiterhin.

Blech hören, Dirigent sehen

Doch zurück zur Musik. Die Politiker und Promis sowie die aus den über 220'000 Anmeldungen ausgelosten anderen Gäste haben nach der Pause wieder Platz genommen; die Journalisten dagegen haben ihre Karten getauscht, um den Saal noch aus anderer Perspektive wahrzunehmen. Der Versuch lohnt sich, denn es gibt entgegen den Beteuerungen durchaus Unterschiede. Sitzt man hinter dem Orchester, verschiebt sich die Balance naturgemäss in Richtung Blech; wenn die Posaunen viel zu tun haben, hört man die Geigen kaum noch. Auch die Distanz spielt eine Rolle: Weit oben klingt es ausgeglichener, nahe am Geschehen fühlt man sich mitten drin.

Und natürlich verändert sich auch die Optik. Von einem Platz hinter dem Orchester aus sieht man Thomas Hengelbrock von vorne – und kann so einen Dirigenten beobachten, der wild entschlossen ist, alles aus diesem Orchester und dem Saal herauszuholen, was drinsteckt. Das NDR Elbphilharmonie Orchester, das bis vor kurzem noch NDR Sinfonieorchester hiess, ist ein gutes, flexibles Orchester; aber keine Spitzentruppe wie die Berliner Philharmoniker oder das Leipziger Gewandhausorchester. Dass Hengelbrock das ändern will, dass er ans Potenzial seiner Musikerinnen und Musiker glaubt, hat er im Vorfeld der Eröffnung deutlich gesagt.

Im Konzert demonstrierte er es zuweilen gar überdeutlich, etwa in Wagners «Parsifal»-Vorspiel, das den zweiten Teil eröffnete und das man durchaus schon geheimnisvoller und genauer gehört hat. Den Furor und die Präsenz, die man zuvor in den jüngeren Werken von Rolf Liebermann oder Olivier Messiaen entwickelt hatte, erreichte man hier nicht mehr.

Und dann doch noch Beethoven

Aber da war der Abend ja auch schon ziemlich lang gewesen, denn vor dem Konzert hatte es einen ebenfalls bereits orchestral untermalten Festakt gegeben. Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hatte sich bei allen bedankt, die Zeit und Geld und Engagement in dieses Projekt investiert hatten: «Sie machen das Land gut und schön.» Und der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz und der Architekt Jacques Herzog betonten (wie zuvor schon vor 350 Journalisten) im Unisono, wie glücklich sie seien, dass der Bau nach all den finanziellen und terminlichen Fehlleistungen nun so positiv aufgenommen werde.

Auch die Uraufführung von Wolfgang Rihms «Reminiszenz» an den Hamburger Schriftsteller und Orgelbauer Hans Henny Jahnn (1894–1959) wurde positiv aufgenommen, obwohl sie im Kontrast zum freudigen Anlass vom Tod handelte. Er könne nun mal keine Jubelchöre schreiben, hatte Rihm dazu gesagt. Bei der Uraufführung war er krankheitshalber ebenso wenig dabei wie Superstar Jonas Kaufmann, der durch Pavol Breslik ersetzt wurde; aber vielleicht hörte er im Livestream mit, wie seine geschmeidige, farbige, düster-lyrische und immer wieder überraschende Musik ankam.

Und den Jubelchor, den gab es dann ja doch noch: Beethovens «Ode an die Freude» nämlich, den letzten Satz aus seiner 9. Sinfonie, ohne die eine Konzerthauseröffnung fast nicht stattfinden kann. Aber es war nicht nur ein Zugeständnis an die Erwartungen, sondern es passte wirklich: «O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere!», sang der Bassbariton Bryn Terfel. Will heissen: Vergesst jetzt all den Ärger mit dem Bau. Und freut euch an dem, was entstanden ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2017, 13:29 Uhr

Was bisher geschah

Die turbulente Geschichte der Elbphilharmonie begann 2001: Damals kam die Idee für einen Konzertsaal auf dem stillgelegten Kaispeicher auf. 2003 präsentierten Herzog & de Meuron einen ersten Entwurf. Ein Jahr später gab die Stadt Hamburg grünes Licht, man zog den Baukonzern Hochtief bei; 2007 wurde der Grundstein gelegt. Und es begann eine endlose Reihe von Verzögerungen und Verteuerungen: Die Eröffnung wurde Jahr für Jahr verschoben, die städtischen Beiträge vervielfachten sich von den zunächst geschätzten 77 Millionen Euro auf 789 Millionen. Mit den privaten Spenden summierten sich die Gesamtkosten auf 866 Millionen Euro: Rang 12 in der Liste der teuersten Gebäude. Die Akteure beschuldigten sich gegenseitig, im November 2011 kam es zu einem eineinhalbjährigen Baustopp. In dieser Zeit wurden – endlich – die verworrenen Verantwortlichkeiten und die letzten Planungsdetails geklärt. Im Juni 2013 wurden die Arbeiten wieder aufgenommen; seither gab es nur noch positive Schlagzeilen. (suk)

Was nun kommt

Die Neugierde auf die Elbphilharmonie ist gross, bis im Sommer sind alle Konzerte ausverkauft. Derzeit schiebt man laufend neue Anlässe ins Programm, aber auch hier sind die Karten schnell weg – egal, wer auftritt. Dass sehr Unterschiedliches geboten wird, ist Absicht; man will für alle etwas bieten: Klassisches natürlich, aber auch Jazz, Weltmusik und die Einstürzenden Neubauten. Gelegentlich sollen Minifestivals Schwerpunkte setzen. Nicht nur für das NDR Elbphilharmonie Orchester wird der Bau zur Heimat; im kleinen Saal wird das Residenz-Ensemble Resonanz mit unterschiedlichen Stilen und Raumkonstellationen experimentieren. Um ein breites Publikum anzulocken, hat man eine Reihe von Kurzkonzerten eingeführt, mit Kartenpreisen zwischen 8 und 16 Euro (wobei es auch für «normale» Konzerten günstige Karten gibt). In Late-Night-Konzerten wird man Klassik, Pop und Rock kombinieren. Auch für Kinder und Jugendliche gibt es zahlreiche Angebote. Details finden sich unter www.elbphilharmonie.de (suk)

CD aus der Elbphilharmonie

Bereits ist bei Sony die erste Aufnahme aus der Elbphilharmonie erschienen: Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielt unter der Leitung von Thomas Hengelbrock die Sinfonien Nr. 3 und 4 des Hamburgers Johannes Brahms.

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