Klassiker der Woche

Klassiker der Woche: René Jacobs' kleiner Finger

Als Countertenor war er ein Pionier – als Dirigent ist René Jacobs ein Phänomen. Auch, weil man nie so recht weiss, wie er seine Vorstellungen eigentlich vermittelt.

Wenn René Jacobs dirigiert, sieht es immer gleich aus. Und klingt immer anders. (Video: Youtube)


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Wie macht er das nur? Das fragt man sich jedes Mal, wenn René Jacobs dirigiert. An der raffinierten Schlagtechnik kann es jedenfalls nicht liegen, dass die Musik bei ihm so frisch, so theatralisch, auf so schwungvolle Weise präzis klingt. Denn eigentlich hat Jacobs gar keine Schlagtechnik. Er reckt den rechten kleinen Finger, gibt mit beiden Ellbogen wie mit Flügeln den Takt an, wippt dazu – viel mehr ist da nicht.

Auch hier nicht, bei der Ouvertüre zu Mozarts «Le nozze di Figaro». Die Regie kann getrost Standbilder der Sängerinnen und Sänger einblenden, darunter wird es nicht anders aussehen als davor und danach. Aber klingen tut es durchaus nicht immer gleich: Da werden Akzente gesetzt und kleine Pointen ausgespielt, da lösen sich Linien aus dem Ganzen und verfliessen andere. Kein Zweifel, das Orchester weiss genau, was Jacobs will.

Dirigent aus Zufall

Hier ist es das Concerto Köln, in anderen Werken das Freiburger Barockorchester oder die Akademie für Alte Musik Berlin: Mit diesen Ensembles arbeitet Jacobs regelmässig – und nur mit diesen. So gern ihn auch traditionelle Sinfonie- und Opernorchester buchen würden, weil Spezialisten für historische Instrumente und Aufführungspraxis nun mal gefragt sind: Jacobs sagt fast immer ab. Weil er mit diesen Orchestern nicht so viel proben kann, wie er es für richtig hält. Und vielleicht auch, weil er weiss, wie wichtig es ist, dass die Musikerinnen und Musiker seine Art kennen und verstehen.

Diese Art hat sich ganz allmählich entwickelt. Dass er Sänger werden wollte, wusste der Belgier schon früh, der Rest ergab sich eins ums andere. Seine Stimme eignete sich nicht für eine Tenor-Karriere, also wurde er Countertenor, zu einer Zeit, als dies noch höchst exotisch war. Und weil Countertenöre vor allem in Barockopern gefragt waren, sang er halt Barockopern – und begann sie bald einmal auch zu dirigieren.

Sinnlich, lustig, ergreifend

Was dabei herauskam, gehört zum Aufregendsten, das die Alte-Musik-Bewegung hervorgebracht hat. Denn Jacobs ist auch ein ebenso kompetenter wie fantasievoller Bearbeiter, der die oft nur spärlichen Überlieferungen der Werke ausstaffiert, bis sie so prall und sinnlich und theatralisch und lustig und ergreifend sind, wie sie nur sein können. Cavalli, Cesti, Keiser, Hasse: Wenn diese Komponisten wieder ihre Fans gefunden haben, dann ist das ganz wesentlich sein Verdienst.

Später ist er auch bei Mozart angelangt, von dem er einst als Kind Platten gehört hatte – und den er immer schon als Ziel vor Ohren hatte. Auch diese Werke klingen bei ihm anders als gewohnt, vor allem in den Rezitativen, in denen das Continuo die Figuren anschubst oder abblockt, verspottet oder liebevoll an der Hand nimmt. Aber auch in dieser «Figaro»-Ouvertüre hört man schon, wie sich das Orchester einmischen wird ins theatralische Geschehen. Wie Jacobs das macht? Das sei halt alles in den Proben exakt vorbereitet worden, sagt er dazu nur. Der Rest bleibt sein Geheimnis. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.01.2014, 11:56 Uhr

Interview mit René Jacobs

Am 11. Januar erscheint im «Tages-Anzeiger» ein grosses Interview mit René Jacobs. Er spricht darin über seine Interpretation von Bachs «Matthäus-Passion», sein Unbehagen gegenüber dem regielastigen Opernbetrieb – und den Flop seines allerersten Opernbesuchs.

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