Kultur

Klassisch tanzen, unklassisch auf dem Boden liegen

Von Maya Künzler. Aktualisiert am 01.11.2010 2 Kommentare

Das Zürcher Opernhaus zeigt einen Ballett-Dreiteiler – mit Choreografien von Jiri Kylián und Heinz Spoerli und einer Uraufführung von Thomas Hauert.

Immer neue Konstellationen: Szene aus Thomas Hauerts Choreografie «Il giornale della necropoli».

Immer neue Konstellationen: Szene aus Thomas Hauerts Choreografie «Il giornale della necropoli».
Bild: Nicola Pitaro

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Noch vor drei Wochen war Thomas Hauert mit seiner eigenen, dem zeitgenössischen Tanz verpflichteten Cie. ZOO in der Gessnerallee zu sehen gewesen: Ein perfekt aufeinander abgestimmtes Ensemble zeigte reinen, formalistischen Tanz mit Improvisationselementen. 1998 hat der in Brüssel lebende Schweizer Choreograf ZOO gegründet, seither hat er in der internationalen Tanzwelt Furore gemacht – und offenbar auch das Interesse des Zürcher Ballettchefs Heinz Spoerli geweckt.

Vor der Uraufführung von Hauerts «Il giornale della necropoli» im Zürcher Opernhaus mochte man sich fragen, was aus der Zusammenarbeit einer klassisch geschulten Compagnie mit einem Choreografen entstehen würde, der sich stilistisch in eine ganz andere Richtung bewegt hat. Und vor allem: Hauert fordert von seinen Tänzern viel Eigenverantwortung und ist es gewohnt, ein Stück gemeinsam, in einem längeren Prozess, zu entwickeln – beides ist in einer Institution wie dem Opernhaus nicht selbstverständlich.

Kurze Tonfolgen auf dem Akkordeon

Das Resultat hat an der Premiere einen etwas unbestimmten Eindruck hinterlassen. «Il giornale della necropoli» beginnt in der Stille und endet auch da. Die Musik dazu hat Salvatore Sciarrino im Jahr 2000 geschrieben. Obwohl für Akkordeon und grosses Orchester komponiert, dringt aus dem Orchestergraben (Dirigent: Zsolt Hamar) nur fragmentarisch Musik, Geräusche wie Klirren, Klopfen oder Pfeifen. Dazwischen spielt Ina Hofmann, die als Solistin rechts auf der Bühne sitzt, kurze Tonfolgen und lässt ihr Akkordeon hörbar ein- und ausatmen.

Irritierende Verrückungen

Die je sechs Tänzerinnen und Tänzer haben sich aus der Chorus Line des Anfangs gelöst und formieren sich scheinbar ziellos zu immer neuen Gruppenkonstellationen. In ihren hellen, farbbepinselten Ganzkörperanzügen (Kostüme: Thierry Rondenet/Hervé Yvrenogeau) spielen sie Variationen des klassischen Vokabulars durch, Attitüden, Sprünge und Drehungen, liegen aber auch ganz unklassisch auf dem Boden und strecken Arme und Beine von sich.

Fünfmal nur gellt das Orchester kurz auf und treibt die Tänzer wie einen Schwarm Fische auseinander und in neue Stellungen. Auf dem ganzen Hintergrund wird eine gemalte Bildlandschaft des belgischen Künstlers Michaël Borremans wie von einer langsam fahrenden Kamera abgescannt (Video/Licht: Jan van Gijsel). Indem sich die Rückwand quasi bewegt, entstehen irritierende Verrückungen in Bezug auf den Tanz, eine kaum messbare Verunsicherung.

Schönheit und Stärke

Diese unmerkliche Zuspitzung im Hinblick auf eine kommende Katastrophe ist gekonnt und im Zusammenspiel sämtlicher Gestaltungsmittel umgesetzt. Am Ende zielt der Blick einer Tänzerin direkt ins Publikum, und wir blicken mit ihr auf ein Land der Verwüstung, den Tod. Doch trotz scharfer, klirrender Klänge, trotz tänzerischem Crescendo auf das Ende hin bleibt man als Zuschauerin seltsam unbeteiligt: «Der Bericht über die Totenstadt» ist einer unter vielen und bleibt mehr Versuchsanordnung als Ernstfall.

Einen radikalen Szenewechsel gibt es dann im zweiten Stück des Dreiteilers: «Falling Angels», 1989 von Jiri Kylián für acht Tänzerinnen kreiert, erzählt nicht etwa von gefallenen Engeln, sondern feiert ganz im Gegenteil Schönheit und Stärke der Frau als «himmlisches Wesen» und Tänzerin. Aus dem Hintergrundsdunkel arbeiten sich Gestalten in kurzen, schwarzen Trikots ins Licht vor. Mit dem ersten Bongo-Trommelschlag beschleunigt sich das Tempo und wird mit den musikalischen Phasenverschiebungen schliesslich zur Parforce-Tour, die die acht Frauen aus dem Ensemble meisterlich bewältigen. Im Koordinatensystem der wechselnden Lichtstimmungen und der vorwärtspeitschenden Musik aus «Drumming» von Steve Reich tanzen sie sich mit Anmut und Witz frei.

Mutig und klug zusammengestellt

Das ist fast nicht mehr zu überbieten, auch wenn Spoerli als Schlusspunkt des Abends sein Erfolgsstück von 2001, «Le Sacre du printemps», in neuer Besetzung zeigt. In Igor Strawinskys Musik wird der grosse Orchesterklang in seiner ganzen Fülle ausgebreitet. So sinkt man in diese wunderbare Musik, gibt sich dem kollektiv stampfenden Ensemble und der schauerlichen Geschichte hin und klatscht am Ende nicht nur begeistert dem Zürcher Ballett und Orchester zu, sondern auch dem von Spoerli mutig und klug zusammengestellten Programm. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2010, 20:37 Uhr

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2 Kommentare

Daniel Peter

01.11.2010, 17:02 Uhr
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Naja - hier darf man sich zurecht fragen, ob der Tagesanzeiger an der gleichen Premiere war wie ich. Über den künstlerischen Gehalt darf man geteilter Meinung sein. Der Applaus am Schluss war doch für eine Premiere mehr als bescheiden. Ich ging ent-täsucht, selten war mir das Opernhaus so fremd wie an diesem Abend. Antworten


Thorgy Rohde

02.11.2010, 16:31 Uhr
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„Die Totenstadtzeitung“ hatte mich weder intellektuell gefordert noch emotional bewegt. Musik ziseliert, Tanz minimalistisch. Bühnenbild grandios. Bewundert hatte ich die Bläser, die diese skurrilen Geräusche ihren Instrumenten entlockten und den Dirigenten, der eine außergewöhnliche Partitur umsetzen musste. Aber die „fallenden Engel“ und das „Frühlingsopfer“ hatten umso mehr entschädigt. Drei unterschiedliche Werke – drei individuelle Choreografien – insgesamt ein interessanter, gelungener Abend. Antworten




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