Kultur

La Bohème im Hochhaus: «Oper plus»

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 30.09.2009 70 Kommentare

Wieder ein TV-Opern-Event: Giacomo Puccinis «La Bohème» im Hochhaus, im Einkaufszentrum und vor allem am Bildschirm. Ein Puzzlespiel mit 300 Beteiligten und ein Kraftakt, der sich gelohnt hat.

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Grosse Emotionen: Rodolfo (Saimir Pirgu) und Mimi (Maya Boog), kurz vor Mimis Tod.
Bild: SF

   

Schnelle Schreiber gab es schon im 19. Jahrhundert. Rodolfo, der Dichter unter Puccinis Bohemiens, schickt die Freunde voraus ins Café, er muss erst noch den Leitartikel schreiben für die Zeitung. Fünf Minuten reichen ihm dafür vollkommen, meint er, «conosco il mestier»: Er kennt das Metier.

Derselbe Rodolfo hat kurz zuvor sein dreiaktiges Drama in den Ofen geworfen – Kunst als Heizmaterial. In der Berner Fernsehinszenierung findet der Verbrennungsakt in der Waschküche statt: So gross ist die Heizkraft des Papiers, dass die vier Künstler sich gleich die Jacken ausziehen können.

Nach dem enormen, auch von Sendern im Ausland aufmerksam registrierten Erfolg der «Traviata» 2008 im Zürcher Hauptbahnhof hat das Schweizer Fernsehen diesmal noch einen draufgesetzt. Verschiedene Schauplätze, 800 Meter voneinander entfernt, dadurch noch mehr technischer Aufwand – 300 Mitwirkende, davon allein 120 Techniker, 23 Kameras, 150 Mikrofone, 32 Glasfaserleitungen, 360 Tonkanäle: Der Druck auf die Puzzlespieler ist noch grösser als im vergangenen Jahr. Es ist ein Puzzle – weil sich erst im Auge des Betrachters, im Ohr des Zuhörers das Wunderwerk Puccinis zusammensetzt. Die Solisten, die Musiker des Berner Symphonie-Orchesters, die Statisten vor Ort im Gäbelbach-Quartier und auf der Konsummeile Westside: Sie bekommen immer nur Teileindrücke mit.

Kunst trifft Alltag

Und wie ist nun das Ganze? Es passt tatsächlich zusammen, was zusammengehört. Die Techniker haben ganze Arbeit geleistet; die Koordination klappt. Nur ganz selten spürt man, wenn am Mischpult ein Regler mal schnell heruntergefahren werden muss – etwa als Saimir Pirgu, der kraftvolle Rodolfo, für einen Moment seine schwindsüchtige Geliebte Mimi (Maya Boog) regelrecht wegzupusten droht.

Auch in Daniel Libeskinds Einkaufszentrum gelingen die bewegten Szenen des zweiten Aktes optisch und akustisch überzeugend (und nicht nur, weil manches im Westside selbst an eine Bühnendekoration erinnert). Da finden sich Akteure, Statisten und Schaulustige zu einer ziemlich einmaligen Kunst-trifft-Alltag-Mischung. Der Kinderchor Köniz ist mit Eifer bei der Sache; ein Clown verteilt Luftballons, während daneben Schuhe anprobiert und Getränke serviert werden. Die kokette Musetta (Eva Liebau) tanzt auf dem Tisch und entledigt sich ihres ältlichen Galans mit einem uralten Trick. Kurz sieht man auch mal das Orchester, das für den spritzigen Sound und den leichten Konversations-Ton sorgt, den sich Puccini für dieses Stück so wünschte.

Es ist andrerseits gerade die Fernsehregie, die für neue Zerstückelung sorgt. Immer wieder leuchtet das rote Lämpchen auf, das Dirigent Srboljub Dinic anfangs gezeigt hat und das bedeutet: Stopp! Mitten im Akt setzt die Musik aus, einer der drei Moderatoren tritt auf (Sandra Studer, Michel Cerutti, Alice Tumler, alle mehrsprachig, weil auch Romands dazugeschaltet sind) und erzählt, was gleich passieren wird oder eben passiert ist.

Ins Ohr hinein- und aus der Kehle heraus

Das ist nötig, weil man bei all dem ungeheuren Aufwand unverständlicherweise auf eins verzichtet hat: auf deutsche Untertitel, wie sie heute von nahezu jedem Opernhaus angeboten werden. Der Witz und die Poesie der «Bohème» (es gibt wahrlich schlechtere Libretti als das von Illica und Giacosa) bleiben den Zuschauern am Fernsehen so vorenthalten.

Dafür gibt es Interviews mit den Sängern, die sich froh zeigen, dass sie die richtigen Töne ins Ohr hinein- und aus der Kehle herauskriegen, sowie mit Hochhausbewohnern, die gefragt werden, wie sie das alles finden. Und wie finden sie es? Super. Es gibt einen Rückblick auf die Proben des Kinderchors, Zuschauerreaktionen werden vorgelesen («merci, merci, merci»), und die «Tagesschau» verlangt ihr Recht. Nun, im Opernhaus gibt es auch eine Pause.

Aber all das Drumherum ist wohl unvermeidlich, wenn nicht nur eine Oper ins Fernsehen kommen, sondern ein Event daraus werden soll, sozusagen «Oper plus». Und es macht auch überhaupt nichts: Puccinis Musik erweist sich als unverwüstlich. Das erste Liebesduett, diese tastende Annäherung, verzaubert auch diesmal wieder – selbst den, der es mitsingen kann. Da stört nicht, dass die Kamera öfter zu nahe an die Münder fährt (was bei Sängern gar nicht schön aussieht), dass man Ohrknöpfe und Headsets deutlich sieht, oder dass Mimi und Rodolfo ein bisschen schnell auf dem Sofa landen. Der verzauberte Plattenbau Oper, diese künstlichste aller Kunstformen, verzaubert Plattenbau und Postmoderne und sogar den Bildschirm. Es ist toll, dass das Fernsehen mit einem solchen Kraftakt auf die Zauberkraft der Oper hinweist und Orte sucht, die die Fantasie der Regisseure (Anja Horst, TV-Regie: Felix Breisach) und der Zuschauer anregt. Was kommt als Nächstes – «Rheingold» am Rhein? Vorher muss noch Mimi sterben. Es ist eine bekannt rührende Szene. Aber erst nach Redaktionsschluss. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2009, 08:48 Uhr

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70 Kommentare

rolf hammer

30.09.2009, 09:02 Uhr
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Fantastisch! Für einmal überzeugt SF mit einer wirklich sehr gelungenen Akion. Ein grosses Lob an alle Mitwirkenden, hervorragend! La Bohème funktioniert hier weil halt die Ur-Themen des Mensch-Sein behandelt werden. Liebe, Verrat, Verlust & Tod sind auch im Berner Gäbelbach-Quartier aktuell. @Martin Ebel: Kleiner Tipp fürs nächste mal, Teletext 777 und die Untertitel sind da - auch gestern:-) Antworten


Wendelin Bischof

30.09.2009, 11:24 Uhr
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Wegen den Untertiteln habe ich die Oper auf ARTE HD geschaut, wie bei "La Traviata". Eine Reklamation bei SF hat das letzte Mal nichts gebracht. Zum Glück habe ich diesen Ausweg gefunden. Antworten




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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.