Kultur
Wagners vermeintlich ewiger Jude
Von Linus Schöpfer. Aktualisiert am 24.01.2012 8 Kommentare
Der Bariton Martin Gantner spielte den Beckmesser bereits 2008 in einer Aufführung an der Münchner Oper. Gantner interpretierte auch andere Wagner-Figuren, etwa den Wolfram («Tannhäuser») oder den Kurwenal («Tristan und Isolde»). (Bild: Laopera.com)
«Die Meistersinger von Nürnberg»
In Wagners Oper «Die Meistersinger von Nürnberg» (1868) wetteifern die Sänger Sixtus Beckmesser und Walther von Stolzing um Eva Pogner, die Tochter eines reichen Goldschmieds. Schliesslich entscheidet die Interpretation eines Lieds von Hans Sachs über die Werbung, wobei Beckmesser kläglich unterliegt.
Die «Meistersinger» werden an der Zürcher Oper noch an folgenden Daten gegeben: 28.1. (Sa), 3.2. (Fr), 5.2. (So), 11.2. (Sa), 14.2. (Di), 18.2. (Sa).
Video (Quelle: Youtube)
Ein anderer Beckmesser: Dietrich Henschel (Philharmonie Berlin, 2011).Artikel zum Thema
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Richard Wagner hatte Zeit seines Lebens ein Problem mit Juden, aus verschiedenen Gründen. Als Jungspund fühlte er sich von den arrivierten jüdischen Komponisten Mendelssohn und Meyerbeer zu wenig geschätzt, als Bayreuther Altstar entdeckte er die Tierliebe, was ihn zu einer polemischen Kritik an der angeblich typisch jüdischen Vivisektion veranlasste. Wagners Antisemitismus kulminierte in der Hetzschrift «Das Judenthum in der Musik» (1850), in der er seinen Privathass zur allgemeingültigen Theorie zu erheben versuchte; er behauptet, die Juden seien als entwurzeltes Volk den europäischen Völkern künstlerisch unterlegen. Wagners Pamphlet gehört zu den bekanntesten antisemitischen Schriften überhaupt.
Inwiefern Wagners Ideologie das künstlerische Werk beeinflusste, ist bis heute umstritten. Als seine kontroverseste Bühnenfigur gilt Sixtus Beckmesser, der ehrgeizige Pedant aus «Die Meistersinger von Nürnberg». Wagner hatte ihn offenbar als Karikatur des jüdischstämmigen Kritikers Eduard Hanslick entworfen. Der Beckmesser ist mit zahlreichen sehr unvorteilhaften Attributen versehen, die Bühnenanweisung fordert, dass er ständig «stolpert», «hinkt» und «taumelt», dass seine Stimme «kreischend» und sein Wesen «matt und verzweiflungsvoll» sei. Wagner habe mit Beckmesser einen «intellektuellen impotenten Kritiker» dargestellt, meint Philosoph Theodor W. Adorno in seinem «Versuch über Wagner» (1952).
Symbol für Unwägbarkeiten des Lebens
Einer, der ganz genau um die Problematik der Rolle weiss, ist der badische Bariton Martin Gantner. Er gibt derzeit den Beckmesser an der Zürcher Aufführung der «Meistersinger» und sagt gegenüber baz.ch/Newsnet: «Der Beckmesser ist eine Mammutaufgabe.» Denn als Beckmesser müsse er den ganzen Abend gegen Widrigkeiten ankämpfen, ständig würden die anderen Sänger seine Pläne durchkreuzen – «wenn ich meine Arie singen will, klopft der Schuster mit dem Schuh». Auch seien die beckmesserschen Rhythmen besonders diffizil und die Gesangslagen teils sehr hoch.
Gantner glaubt allerdings nicht, dass der Beckmesser per se eine negative Figur ist. Im Gegenteil sei er sehr sympathisch, weil überaus menschlich: «Der Beckmesser symbolisiert mit seinem Scheitern die Unwägbarkeiten des Lebens.» Ausserdem, gibt Gantner zu bedenken, könne sich Wagner Beckmesser gar nicht als reine Witzfigur vorgestellt haben, wie viele Interpreten behaupten. Denn immerhin sei er ja Meister und Stadtschreiber, und eigentlich könne er auch singen: «Aber wenns drauf ankommt, dann gehts leider schief.»
«Natürlich, wenn man den Skandal will...»
Unverkennbar ist Gantners Bemühen, die Figur von ihrem antisemitischen Odium zu befreien: Je länger er sich als Künstler mit ihr beschäftigt habe, desto klarer sei ihm geworden, dass Wagners Behandlung von Beckmesser eigentlich eine sehr liebevolle gewesen sei. Beckmesser spiele eine innovative Rolle, mit ihrer leicht nervösen Stimme bilde sie einen Gegenpart zum ruhigen Fluss der übrigen Stimmen.
«Natürlich, wenn man den Skandal will», sagt Gantner mit leichtem Groll, «dann inszeniert man die ‹Meistersinger› als Nazi-Stück und heftet Beckmesser einen Judenstern an den Ärmel.» Eine solche Interpretation werde dem Beckmesser aber in keiner Weise gerecht.
In Zürich verfolge man denn auch einen anderen, respektvollen Ansatz. So schicke die Regie den geschlagenen Beckmesser am Ende nicht schmachvoll von der Bühne, sondern belasse ihn im Kreis der Sänger und des Volks. «Eigentlich», sinniert Bariton Gantner, «wäre unser Beckmesser ja eine ganz passable Partie für Eva Pogner.»
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.01.2012, 12:27 Uhr
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8 Kommentare
Man kann in Beckmesser den "ewigen Juden" und in Alberich den "hässlichen Juden", der die Weltherrschaft übernehmen will, hineininterpretieren. Diese Konzepte stehen und fallen wie so vieles, was uns Regisseure als Aktualisierung eines Werks verkaufen wollen. Am Schluss bleibt von den «Meistersingern» grandiose Musik und eine humorvolle Selbstbetrachtung des Künstlers: das Gegenteil von Kitsch. Antworten
Respektvoll nähert man sich - wer nähert sich nicht respektvoll? Solange man diese Musik spielt ist jeder Ansatz respektvoll. Die Imagination von irgendjemandem, der sich dieser kitschigen Musik nicht respektvoll nähern würde, ist ein Beweis dafür, dass es diese kritische Position eben nicht gibt. Wagner ist Kult. Rassistisch und dümmlich. Wie der Herr der Ringe. Antworten
Naja. Das "respektvoll" bezog sich auf die Figur des Beckmesser, nicht auf "Wagners Musik" im Ganzen. Wagner und wohl auch Tolkien erschliesst sich sicher nicht jedem, man kann ihre Werke lieben oder hassen. Aber mit der Einstellung der Herren Gerber + Pfister von "sagt mir nichts, also muss es rassistisch und dümmlich sein" disqualifiziert man sich selber gleich auf etlichen Ebenen.
Gewagtes Statement, PG. Wagners Musik kitschig? Vielleicht eher pathetisch? Herr der Ringe rassistisch? Oder ist der Kult darum rassistisch? (?) Jedenfalls jemand, der öffentlich bekundet, dass er mit LOR offenbar Mühe bekundet. Was ich selbst jedenfalls tue, sowohl mit dem Werk als auch mit dem Kult.
Seh ich ach so Peter Gerber. Wagners Musik ist schwuelstisch-germanisch und ueberorchestriert. Die Texte simplistisch.
Er hat offensichtlich Groesse mit Groesse verwechselt.
Verschiedenen Einschätzungen Gantners kann ich aufgrund meiner Kenntnisse nicht folgen. Es gibt zwar Juden, die Wagners Musik gemocht haben, aber sicher nicht seine Einstellung zum Judentum an sich. Weshalb existiert Bayreuth noch? Weil Hitlers Verhältnis dazu und zu (...) dies ermöglicht hat. Und wer hat Hitler ermöglicht? Antworten
Ein verstorbener jüdischer Freund und Sänger liebte die Musik von Wagner. Im Bewusstsein, dass dieser ein Antisemit schlimmsten Ausmasses war. Was ich aber nie begreifen konnte, dass man als Jude die Musik von Wagner mochte. Spiegelt zu sehr einen Hass wider. Vielleicht auch Faszination an der Düsterheit?
Übrigens; Der Judenstern musste auf der Brust getragen werden.
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War Wagner so judenfeindlich, wie er heute dargestellt wird?
Mindestens die Namen von zwei engen jüdischen Freunden Wagner's nämlich Herrmann Levi - der die Uraufführung des Parsifal dirigierte - und Joseph Rubinstein sprechen dagegen.

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