Klassiker der Woche: Bach als Strom

Das Schönste an Ostern ist nicht die Schokolade – sondern der Eingangschor von Bachs Johannes-Passion.

Sigiswald Kuijken dirigiert den Eingangschor von Bachs Johannes-Passion; bei 9'20" beginnt dann die eigentliche Passionsgeschichte. (Youtube/paterdamiaan molokai)


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Die schönste Erinnerung an jahrelanges Chorsingen ist diese: Johannes-Passion, Eingangschor. Was für ein Stück! Fast zehn Minuten dauert es, eine kleine Ewigkeit, nach der man sich zurücksehnt, kaum ist sie vorbei.

Effizienzmanager würden vielleicht sagen, die 31 Worte des Textes liessen sich auch schlanker vertonen. Aber ergreifender, wahrer, tiefer: Das nicht. Weit mehr als die Worte zählen sowieso die Töne, die einen vom ersten Takt an mitreissen, manchmal auch überspülen. Man kann sie analysieren, die verschiedenen Schichten ausmachen – die lang ausgehaltenen Dissonanzen in den Bläsern, die endlosen Sechzehntel-Ketten in den Streichern, das Insistieren der Bässe, die Rufe des Chors, bevor er die Streicherfiguren übernimmt. Aber das spielt alles keine Rolle, wenn man eintaucht in diesen Strom, den Bach da fliessen lässt.

Pracht ohne Trompeten

Die eigentliche Passionsgeschichte mit ihren dramatischen Szenen, den betrachtenden Chorälen und innigen Soli beginnt erst danach. Hier geht es nur darum, dafür zu sorgen, dass die Aufführung in der richtigen Intensität und Stimmung beginnt. «Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist»: Der Text wäre für einen mittelmässigen Komponisten nicht viel mehr als eine schematische Vorlage für eine Musik, die halt irgendwie prächtig ist. Man kennt die Ingredienzien – ohne Trompeten ginge es kaum.

Bach braucht keine Trompeten, auch keine Jubel-Floskeln, keine triumphalen Gesten. Der Ruhm ist kein äusserlicher bei ihm; stattdessen gibt es eine innere Kraft in dieser Musik, der man sich nicht entziehen kann. Eine Kraft, die durch die Passion trägt, durch all die schmerzlichen Dissonanzen, die diesen Eingangschor prägen.

In Aufnahmen lässt sich diese Musik kaum sinnvoll festhalten: Zu viel läuft da ab, zu eng verknäueln sich die Motive. Im Konzert bekommt man da schon mehr mit. Aber um wirklich zu verstehen und zu erleben, was Bach hier komponiert hat, muss man diesen Chor schon selber spielen oder singen: Wer es je getan hat, wird es nicht mehr vergessen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2017, 10:14 Uhr

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