Klassiker der Woche: Eine Banknote für die Sängerin

Sie war gut, aber sie war schwarz: Der Rassismus hat die Altistin Marian Anderson zumindest in den USA ausgebremst.

Marian Anderson singt Schuberts «Ave Maria»; Leopold Stokowski dirigiert. (Video: Youtube / Onegin65)

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Die berühmteste Episode aus dem Leben von Marian Anderson spielte 1939: Damals verwehrten ihr die Daughters of the American Revolution wegen ihrer Hautfarbe einen Auftritt in der Constitution Hall von Washington. Eine Protestwelle brandete auf, und unter den Tausenden von Damen, die deshalb aus dem noblen Verein austraten, war auch Präsidentengattin Eleanor Roosevelt. Sie organisierte danach ein Open-Air-Konzert für die Sängerin vor dem Lincoln Memorial in Washington. 75'000 Menschen hörten dort, wie Marian Anderson die US-Nationalhymne sang – und zu einer Ikone des schwarzen Amerika wurde.

Sonst zog sie allerdings Lieder und Spirituals vor. Schubert war wohl ihr Lieblingskomponist, wobei ihr die unendliche Ruhe im «Ave Maria» ebenso sehr lag wie die Dramatik des «Erlkönigs», in dem sie jeder Figur eine eigene Stimme (und eine bemerkenswert gute Deutschaussprache) verlieh. Zwar war sie in eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, gesungen hatte sie vor allem in der Kirche; ihre Familie konnte ihr keinen Musikunterricht finanzieren. Aber ein von ihrem Talent und der Schönheit ihrer facettenreichen Altstimme überzeugter Pastor veranlasste eine Kollekte, die ihr sowohl den Besuch der Highschool als auch Gesangsstunden ermöglichte.

Und sie lernte rasch. Schon bald trat sie in illustren Häusern auf – wenn man sie denn nicht aus rassistischen Gründen draussen liess. 1933, bei ihrem Europadebüt in der Londoner Wigmore Hall, wurde sie frenetisch gefeiert; anders als in ihrer Heimat war ihre Hautfarbe hier kein Problem, und so war sie in den folgenden Jahren oft in England und Skandinavien unterwegs.

Ein einziger Opernauftritt

Auch auf den europäischen Opernbühnen hätte man sie gewollt, aber sie hat alle Angebote abgelehnt – mit der Begründung, sie sei nun einmal keine Schauspielerin. Nur ein einziges Mal hat sie sich überzeugen lassen, und das war dann ihr zweiter grosser Symbolauftritt: 1955, mit 57 Jahren, sang sie in der New Yorker Met die Ulrica in Verdis «Un ballo in maschera» – als erste schwarze Sängerin auf dieser Bühne.

1993 starb Marian Anderson, nur wenige Aufnahmen erinnern an sie; aber das soll sich nun ändern. Ihr Bild wird die neue 5-Dollar-Note zieren, wenn auch nur die Rückseite, die sie sich zudem mit Eleanor Roosevelt und Martin Luther King teilen muss. Vorne drauf bleibt unangetastet Abraham Lincoln, vor dessen Denkmal sie ihren wichtigsten Auftritt hatte.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.04.2016, 09:35 Uhr

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