Klassiker der Woche: Helium für die Sänger

Sie suchen noch nach einem guten Aprilscherz? Geben Sie es auf. Einen besseren als diesen hier finden Sie nicht.

Was versteckt der Sänger ganz rechts hinter seinem Rücken? (Youtube/KingsCollegeChoir)

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Das «Miserere» von Gregorio Allegri (1582–1652) ist ein besonderes Stück. Jahrzehntelang durfte es ausschliesslich in der Karwoche in der Sixtinischen Kapelle gesungen werden; das Kopieren der Partitur war streng verboten. Erst der 14-jährige Wolfgang Amadeus Mozart konnte den päpstlichen Bann umgehen, indem er das Stück nach der Aufführung aus dem Gedächtnis notierte – wie Vater Leopold stolz nach Hause berichtete. Auf der Weiterreise gab er das Manuskript an den Musikhistoriker Charles Burney weiter, der es 1771 in London publizieren liess: Das Geheimnis war gelüftet.

Dennoch hat das «Miserere» die Aura des Besonderen bis heute behalten, vor allem wegen der überirdisch schönen Stelle, an der sich die Sopranstimme in tatsächlich himmlische Höhen schwingt.

Chemie statt Chirurgie

Genau diese Stelle war es nun, die den ehrwürdigen King’s College Choir vor ein paar Jahren zu einem hinreissenden Aprilscherz inspiriert hat. Richard Lloyd Morgan, der Kaplan des Colleges, erklärt da in professioneller Ernsthaftigkeit, dass die strengen Reglemente es leider nicht zulassen würden, Knabensoprane bei Broadcasting-Aufnahmen einzusetzen. Und da die singenden Männer einer chirurgischen Lösung des Problems abgeneigt gewesen seien, setze man nun auf eine andere, chemische Methode: Helium.

Wer je Chemie-Unterricht hatte (oder den Film «Ice Age 3» sah), der weiss, was Helium mit der Stimme anstellt: Es treibt sie in Höhen, die man normalerweise nie erreichen würde. Also auch in jene Höhen, die es für das «Miserere» braucht: Ein kurzer Zug aus dem grossen gelben Ballon, und schon klappts.

Jenseits des 1. Aprils schaffen die Boys vom King’s College das ja mühelos auch ohne Ballon. Der Chor gehört zu den angesehensten in England, gegründet wurde er bereits 1441; die Kapelle, in der er auftritt, ist mit ihrer archaischen Atmosphäre und der halligen Akustik bestens geeignet für Allegris «Miserere». Dass dieser Ort neben der musikalischen Schönheit auch den Humor fördert, hätte man nicht unbedingt vermutet: Umso erfreulicher die Überraschung.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.03.2017, 09:49 Uhr

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