Kultur
Achtung, Kamera!
Von Florian Keller, London. Aktualisiert am 03.06.2010
Ausstellung
Exposed. Voyeurism, Surveillance and the Camera. Tate Modern, Londen, bis 3. Oktober. Katalog ca. 50 Fr. www.tate.org.uk
Stichworte
Die versteckte Kamera gehört in London längst zum Alltag, aber zum Lachen reizt das niemanden. Gemäss neusten Schätzungen dürften im Vereinigten Königreich weit über 3 Millionen Überwachungskameras installiert sein; gemessen an der Bevölkerung gibt es kein anderes Land auf der Welt, dessen Bewohner so umfassend von Videokameras beäugt werden. Es hat also durchaus eine innere Logik, wenn hier, im Herzen der britischen Überwachungsgesellschaft, eine Ausstellung eröffnet wird, die in 250 Fotografien eine Kulturgeschichte des verstohlenen Kamerablicks ausbreitet.
Geheimnisvolle Bilder
Die neue Schau in der Tate Modern postuliert schon in ihrem mehrdeutigen Titel einen Zusammenhang zwischen heimlicher Beobachtung und dem Medium Fotografie: Im Wort «Exposed» steckt nicht nur das Enthüllungsversprechen der Sensationspresse, sondern auch der belichtete Film, der erst im Labor seine Geheimnisse preisgibt. Dabei operiert die heimliche Kamera gleichsam zwischen zwei Temperaturstufen: Da ist der kalte Kontrollblick staatlicher Überwachungsapparate; da ist aber auch der fiebrige Blick des Spanners – und irgendwo dazwischen operiert der Paparazzo, der die Stars bespitzelt, um die voyeuristische Neugier zu bedienen.
Der Begriff des Paparazzo kam mit der gleichnamigen Figur aus Fellinis Film «La dolce vita» (1960) in die Welt; seine anrüchige fotografische Gesinnung freilich ist bedeutend älter. Die entsprechenden Pionierleistungen wirken nach heutigen Massstäben weniger frivol als förmlich zugeknöpft: Der Italiener Giuseppe Primoli knipst 1889 den Maler Edgar Degas beim Verlassen einer öffentlichen Toilette; und noch die Fotos seines Landsmanns Marcello Gepetti, der 1962 die junge Elizabeth Taylor mit Richard Burton in zärtlicher Pose beim Sonnenbad erhascht, muten heute geradezu züchtig an. Unheimlicher sind Ron Galellas Bilder von Jackie Kennedy. Der Fotograf als Stalker – und der tödliche Fluchtpunkt heisst Lady Diana.
Heulende Paris Hilton
Fast versteckt in einer Ecke heult lautlos Paris Hilton, unscharf hinter den Scheiben des Autos, das sie zurück ins Gefängnis bringt. Die Aufnahme stammt vom gleichen Fotografen, der uns ein paar Räume weiter noch einmal mit einem weinenden Mädchen begegnet; dieses Bild ist auf den Tag genau 35 Jahre früher entstanden, es zeigt das nackte Kind, das nach dem Napalmangriff aus Trang Bang flieht. Die Ikone des Vietnamkriegs und die der Celebrity-Kultur – die Bilder des Vietnamesen Nick Ut machen deutlich, wie weit die Kuratoren ihren thematischen Fächer aufspannen. Zu weit.
In der Auswahl ist das eine ungemein reiche Schau und ein hochkarätig besetzter Querschnitt durch die Geschichte der Fotografie. Da trifft Robert Frank auf Helmut Newton, Weegee auf Man Ray, und auf das private Album der Nan Goldin folgt wenige Schritt später Jules Spinatsch, der am WEF in Davos die Wachmänner überwacht. Dabei wird durchaus auch die politische Dimension des Späherblicks greifbar, aber in der thematischen Breite von «Exposed» geht der Fokus verloren. Und von einer Ausstellung, die gestohlenen Blicken nachspürt, dürfte man sich eine aufreizendere Bespielung der Räume wünschen.
Zwei Arbeiten fallen deshalb umso stärker auf, weil die Schau hier ein doppelbödiges Versteckspiel mit unserem Blick treibt. «The Lynching of Leo Frank» heisst eine raffinierte Installation des US-Künstlers Oliver Lutz, in der man unfreiwillig zum Zeitzeugen einer grausigen historischen Szene wird: Auf einem Monitor ertappt man sich unversehens als Gaffer inmitten jener Männer, die 1915 in Georgia den jüdischen Fabrikdirektor Leo Frank lynchten – befeuert von sensationslüsternen Medien. Und in einem abgedunkelten Korridor eröffnet sich ein gespenstischer Reigen der Liebespaare, die der Japaner Kohei Yoshiyuki nachts in einem Park mit Infrarot blitzte. Dabei hat er in seiner Serie «Park» nicht nur die Paare vor dem Objektiv, sondern auch die Spanner, die sich ihren Kick holen, indem sie sich unbemerkt hautnah an die Liebenden heranschleichen – der Fotograf als Voyeur, der den Voyeuren im Nacken sitzt.
Draussen dann geht das voyeuristische Spiel wie von selbst weiter. Von der Terrasse des Museums fällt der Blick auf ein Liebespaar, das schmusend unter den Bäumen liegt. Ihre Küsse aber sind unserem Spannerblick entzogen: Die beiden haben eine Decke über die Köpfe gezogen – keine Chance den Überwachern und Voyeuren.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.06.2010, 20:12 Uhr




