Andy Warhol in Teheran

Gottesstaat hin, Unruhen her: Junge Iraner strömen in eine Ausstellung mit Kunst der westlichen Moderne, auch vom «Erzteufel» USA.

Symptomatisch für Warhols Stil: Die Liz-Taylor-Bilder.

Symptomatisch für Warhols Stil: Die Liz-Taylor-Bilder.

Fast am Ende des langen Spiralgangs hängt in einem engen Seitenraum Andy Warhols Porträtserie Nr. 5 von Mao Tse-tung. Ganz in der Nähe Pop-Art von Roy Lichtenstein. Das Museum für Zeitgenössische Kunst in Teheran ist immer eine Oase der Ruhe in dieser lärmigen, verkehrsgeplagten Metropole, aber in diesen Tagen ist es ein Muss für Liebhaber moderner Kunst.

Das Museum hat seine reichhaltigen Keller geöffnet und eine unglaubliche Sammlung von Kunstwerken von der Zeit der Expressionisten bis zum Beginn der Konzeptkunst aus den Depots geholt; im Nahen Osten gibt es nichts Vergleichbares. Zeichnungen, Lithografien, Ölbilder und Skulpturen von Monet, Gauguin, Picasso, Pollock, Léger, Magritte, Ernst, Kandinsky, Bacon, Miró, Moore und Giacometti sind jetzt zu sehen - in nicht immer ideal beleuchteten Vitrinen. Kaum ein Name, der die Moderne mitgeprägt hat, fehlt. Nach der Hälfte der zweimonatigen Schau wurden 60 Prozent der Ausstellungsobjete ausgewechselt, weil die Schätze aus dem Keller so reichhaltig sind. Etliche Stücke sind erstmals öffentlich zu sehen.

Das Museum am Rand des Laleh-Parks, gebaut vom iranischen Architekten Kamran Diba, ist ein beeindruckendes, spiralförmiges Betongebäude, das ein bisschen an das Guggenheim-Museum in New York erinnert. Eröffnet wurde es 1977. Ungefähr bis zu diesem Datum wurde auch gesammelt, denn nur Monate später begann die islamische Revolution, und deren Anführer hatten andere Kunstvorstellungen.

Nackte Gauguins - unzulässig

Auch heute schlummern in den Depots nach wie vor Bilder, die der Zensor vom Ministerium für Kultur und islamische Führung nicht für eine Ausstellung zulassen würde. Es sind daher auffallend viele Stillleben und züchtige Frauendarstellungen zu sehen. So gibt es auch von Paul Gauguin eine Nature Morte und keine nackten Polynesierinnen.

Im Iran ist nichts schwarz oder weiss. Während die Führung der Republik den Ton gegenüber dem Ausland verschärft, gibt es hier im Museum keine Berührungsängste mit ausländischer Kunst, auch nicht mit jener des Erzfeindes Amerika. Und vor allem die jungen Iraner lechzen nach solchen kulturellen Anlässen, die ihnen zeigen, dass Isolation etwas Künstliches ist.

Als die Ausstellung Ende Mai eröffnet wurde, strömten täglich Tausende junger Iraner und Iranerinnen ins Museum für Zeitgenössische Kunst und liessen sich nicht einmal vom hohen Eintrittspreis (umgerechnet sechs Franken) abschrecken. Die Menschen standen in den Ausstellungsräumen so dicht gedrängt, dass ein ungetrübter Kunstgenuss nicht mehr möglich war. Seit den Unruhen ist der Strom kleiner geworden, aber nicht ganz versiegt. Es gibt auch heute in Teheran noch Oasen, die von den politischen Verwerfungen unberührt sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2009, 14:38 Uhr

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