Berlin zelebriert die Frida-Mania

Frida Kahlo ist und bleibt der Star der mexikanischen Kunstszene. Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist der schönen Diva nun eine grosse Retrospektive gewidmet.

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Polizeieskorten pflügten sich kürzlich durch die Berliner Alleen und begleiteten den mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón an die Schau von Frida Kahlo, der berühmtesten Tochter seines Landes. In den Schaufenstern des kapitalistischen Kadewe (Kaufhaus des Westens) wirbt die schöne Sozialistin für die Sommermode eines bunten Modelabels. Und vor dem Martin-Gropius-Bau stehen zahllose Fans Schlange, um sich später im Minutentakt an 250 Fotografien, Gemälden und Zeichnungen der mexikanischen Kunstikone vorbeischleusen zu lassen. Die Frida-Mania ist definitiv ausgebrochen.

Ein Beinahe-Jubiläum. Ginge es nach Frida Kahlo, würde man in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiern: Sie liess ihr Geburtsjahr um drei Jahre nach vorne rutschen, von 1907 auf 1910, um es dem Beginn der mexikanischen Revolution anzugleichen. Die Nachwelt hat diese kecke Geschichtsklitterung korrigiert, genauso wie sie andere Legenden, Anekdoten und Fakten richtiggestellt, widerlegt und wieder neu erörtert hat. Ob etwa Kahlos Vater jüdisch-ungarische Wurzeln hatte, ob seine Tochter vor ihrem folgenschweren Verkehrsunfall von 1925 an Kinderlähmung litt und wie viele Affären sie neben der stürmischen Ehe mit Diego Rivera hatte – das alles beschäftigt bis heute ein Heer von Kunsthistorikern, Biografinnen und Ärzten. Frida Kahlo ist zum Mythos geworden, erst recht seit der herzergreifenden Verfilmung ihres Lebens mit Salma Hayek in der Hauptrolle.

Verführerisches Universum

«Espero alegre la salida – y espero no volver jamas.» Ich hoffe, der Abschied wird fröhlich – und ich hoffe, nie wieder zurückzukehren. Diese Worte, von der Künstlerin kurz vor ihrem Tod in ihr reich verziertes, jetzt auf die Museumswand projiziertes Tagebuch notiert, lassen niemanden kalt. Obwohl sich der Kommentar auch ganz profan auf Fridas damalige Entlassung aus dem Krankenhaus bezogen haben könnte, verkörpert er für die Nachwelt doch ihr ganzes Lebensdrama: Schmerz, verzweifelten Humor und Kunst.

Frida Kahlo kommt in Coyoacán, Mexiko City, zur Welt. Als 18-Jährige wird sie bei einem Busunglück schwer verletzt; die nachfolgenden Operationen zwingen sie immer wieder zu langer Bettruhe. Hier beginnt sie zu malen. 1929 heiratet sie den über 20 Jahre älteren Freskenmaler Diego Rivera, mit dem sie bis an ihr Lebensende eine ebenso leidenschaftliche wie turbulente Liebesbeziehung verbindet. 1954 stirbt die Künstlerin in der Casa Azul, ihrem Elternhaus in Coyoacán.

Da Kahlos Œuvre eng mit ihrer Biografie verknüpft ist, zeigt die Retrospektive zum Auftakt eine Menge professioneller Fotoporträts und Aufnahmen aus dem privaten Umfeld. Sie allein lohnen den Besuch der Ausstellung: Guillermo Kahlo fotografierte seine vierjährige Tochter inmitten einer Mädchenschar. Sie liegt als Einzige, ernst, mit dem Kinn in der Hand, als ob das Schicksal der bettlägerigen Autodidaktin diesem Bild bereits eingeschrieben wäre.

Frida posiert grandios

Die berühmten Porträts des langjährigen Geliebten Nickolas Muray, die massgeblich zum Mythos der Künstlerin beitrugen, zeigen Kahlo in magentafarbenem Schultertuch: «Wie ein Modell von Piero della Francesca», soll Schürzenjäger Rivera gesagt haben. Frida posiert aber auch, halb traditionelle Tehuana, halb Städterin, mit der Zigarette in der Hand über den Dächern von New York – grandios – oder sitzt, stolz und in Hosen gekleidet, in ihrem Atelier. Die Bilder zeigen Frida beim Bemalen ihres Gipskorsetts, Frida mit dem übermächtigen Rivera an ihrer Seite, Frida mit bitterem Zug um den Mund im Rollstuhl – ungeschönt, ehrlich.

Zu den Highlights in den weiteren Räumen gehören zweifellos die gemalten Selbstporträts: Frida mit vier Affen, mit Dornenhalsband, mit blauer Jadekette – und Frida als vernagelte Frau mit offenem Haar und gebrochener Wirbelsäule. Als Trouvaillen erweisen sich die in der Tradition der mexikanischen Ex-Voto-Täfelchen gestalteten Kleinformate, darunter jenes mit der surreal dargestellten, aber real erlebten Fehlgeburt. Ein Konvolut von 90 Papierarbeiten setzt den Kontrapunkt zu dieser Fülle von bunter und verführerischer Schönheit. Die teilweise noch nie veröffentlichten Zeichnungen umfassen frühe Aquarelle, Entwürfe zu Gemälden, abstrakte Skizzen zu Kahlos psychischer Befindlichkeit oder scherzhaft-obszöne Fresszettel zur Beziehung Kahlo-Rivera. Ein fast unüberschaubares Universum zum Abtauchen.

Kunst der Kunstlosigkeit

Kahlos Werke lassen sich kunsttheoretisch kaum auf einen Nenner bringen. So standen die frühen Porträts noch unter dem Einfluss der Neuen Sachlichkeit. Später pochten die Surrealisten wegen der rätselhaften Bildchiffren auf Seelenverwandtschaft mit der Künstlerin. Und in den beinahe zum Schablonenhaften tendierenden Selbstporträts können sowohl Einflüsse aus der christlichen Ikonografie als auch aus der ästhetisch naiven, mexikanischen Volkskultur geltend gemacht werden. Kahlos vielschichtiges Bildsystem aus Tradition, Moderne und Sachlichkeit lässt sich in kein Schema pressen. Ihre «Kunst der Kunstlosigkeit», so postuliert die Wiener Co-Kuratorin Ingried Brugger, stelle die künstlerischen Normen infrage und weise sie letztlich gerade deshalb als moderne Künstlerin aus.

Die überaus dichte, etwas fantasielos gehängte Schau geizt nicht mit Neuentdeckungen und Höhepunkten. Die auf Schrifttafeln notierten Interpretationen dazu schiessen aber oftmals über das Ziel hinaus. Warum, um Himmelswillen, müssen etwa Melonenschnitze in den Stillleben als Hilfeschrei Kahlos gedeutet werden? Das ist ärgerlich.

Trotzdem: Der Faszination, welche die Göttin aus Coyoacán mit ihrer Aura verbreitet und inszeniert, kann man sich auch in Berlin nicht entziehen. Frida geht ans Herz. Wir berufen uns auf André Breton, Leo Trotzki und Madonna. Und die müssen es ja wissen.

Bis 9. 8. in Berlin (www.gropiusbau.de); 2. 9.–5. 12. im Bank Austria Kunstforum Wien (www.bankaustria-kunstforum.at)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2010, 08:23 Uhr

Die Künstlerin auf Selbstbildnissen... (Banco de México / VG Bild-Kunst (2), Juan Guzman)

... und beim Bemalen ihres Gipskorsetts: Frida Kahlo. (Banco de México / VG Bild-Kunst (2), Juan Guzman)

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