Kultur

Beyelers visionäre Sicht für Basel

Interview: Raphael Suter. Aktualisiert am 26.02.2010

Er war Kunsthändler und hat zusammen mit seiner Frau Hildy die Fondation Beyeler begründet. Ernst Beyeler (?88) in einem Gespräch von 2001 mit der BaZ über Kunst und Basel.

Basler Zeitung: Herr Beyeler, Sie sind Basels bekanntester Galerist, doch noch bekannter sind Sie im internationalen Kunsthandel. Weshalb haben Sie Ihre Galerie nicht in eine grosse Metropole verlegt? Was hält Sie in Basel?

Ernst Beyeler: Die Stadt und ihre kulturellen Einrichtungen, meine Freunde, aber auch die nähere und weitere Umgebung. Dann natürlich auch Institutionen, wie früher die Kunsthalle und vor allem das Kunstmuseum. Diese Dinge, die Bewohner und die Fasnacht haben mir die Stadt sympathisch gemacht. Ich habe hier ebenfalls ein sehr aufgeschlossenes Publikum angetroffen, auch wenn es weniger Käufer waren, so doch wirklich Kunstinteressierte.

Sind Sie denn von der Stadt jemals gefördert oder unterstützt worden?
Nein, das habe ich auch nicht erwartet und gar nie gewollt. Ich finde es schlecht, wenn man immer gleich nach dem Staat ruft. Deshalb sind wir bei der Fondation Beyeler in unseren Ansprüchen an den Staat bescheiden geblieben. Ich denke, dass man auch mit Privatinitiativen viel erreichen kann.

Basel ist nicht gerade eine sehr internationale Stadt. Hatte das negative Auswirkungen auf Ihre Tätigkeit?
Was wir an Internationalität der Kunst und der Kundschaft in Basel vermisst haben, konnte durch die Kunstmesse «Art» teilweise wieder wettgemacht werden. Ich habe diese Entwicklung der «Art» nicht vorausgeahnt und mich anfänglich sogar etwas gegen sie gewehrt. Als man mich dann zur Teilnahme überredet hat, weil die Messe sonst nicht stattfinden würde, habe ich sie dann als Chance für die Stadt und auch für die Galerien erkannt.

Es ist aber doch bemerkenswert, dass es in Basel trotz der «Art» nur wenige international renommierte Galerien gibt. Wie erklären Sie sich das?
Es ist vor allem eine persönliche Sache, wie eine Galerie betrieben wird. Abgesehen davon ist es in der letzten Zeit im Kunsthandel sehr viel schwerer geworden, vor allem auch für junge Kunst. Ich sehe da nicht, wie hier der Staat mithelfen könnte. Das ist eine Sache der Person und der Situation.

Ist die Situation für Galerien und Künstler denn in Basel so schlecht, dass manche lieber nach Zürich abwandern?
Der Sog einer grossen Kunstmesse hinterlässt eine gewisse Leere. Der Galerist, aber auch das Publikum täuschen sich, wenn sie meinen, es könne im Umfeld einer solchen bedeutenden Messe das ganze Jahr über im gleichen Stil weiter gehen. Denn nach der «Art» fällt das Ganze eben wieder auf das Basler Niveau, das im Vergleich mit dem internationalen bescheiden ist. Ich habe aber von Galerien gehört, die auch in Zürich nicht viel glücklicher geworden sind. Das hängt eben auch mit der Rarität guter Kunst zusammen.

Wo sehen Sie die Hauptprobleme der Stadt Basel?
Basel stösst überall an Grenzen. Das ist das grösste Problem. Wir müssen versuchen, diese Grenzen irgendwie zu sprengen.

Und wie könnte das Ihrer Meinung nach geschehen?
Beispielsweise, indem im Dreiländereck ein grosszügiger Bau mit einer spektakulären Fassade realisiert wird. Als ich in New York das Modell des Guggenheim Modern gesehen und erkannt habe, wie sich dieser Bau auf seine Umgebung in Manhattan auswirken wird, ist mir die Idee gekommen, etwas Ähnliches im Dreiländereck anzuregen. Eine Art spektakulärer Europa-Gate-Bau, der in den ganzen EU-Bereich, zu dem wir nicht gehören, ausstrahlt. Ein Schaufenster für die Industrie und die Banken, kurz für Firmen der ganzen Regio und für die Kultur. Kein neues Museum, sondern ein Schaufenster, das zeigt, was in den Basler Museen läuft. Der Komplex müsste ein Hotel sowie Wohnungen enthalten und das geplante Casino, das zehn Prozent an Basels Kulturinstitutionen und zehn Prozent für Soziales abführen soll. Das angrenzende DB-Areal soll für weitere Wohnkomplexe reserviert werden. Diese spektakuläre Szenerie mit einem oder zwei Hafenbecken könnte zu einer wichtigen Erweiterung für Basel werden, denn dort haben wir Reserven, die die Stadt nutzen sollte.

Gibt es schon konkrete Umsetzungen dieser Idee?
Es sind schon auf verschiedenen Ebenen Gespräche geführt und Ideen entwickelt worden: Die ganze Dreiländerecke als Wohn-, Hotel- und Vergnügungspark zu entwickeln, vielleicht eine Steueroase zu schaffen mit Erleichterungen, die in Konkurrenz treten können mit den Steueroasen wie Zug und Schwyz, die aber Basel einen Schub bringen können, wie beispielsweise die neue Hafengegend London dank weitsichtigen Erleichterungen positiv beeinflusst hat. Investoren haben bereits ihr Interesse signalisiert, bei einem solch spektakulären Bauvorhaben einsteigen zu wollen. In einem Interview mit der BaZ im letzten Jahr habe ich ähnliche Gedanken geäussert, die ich jetzt noch verstärkt habe, weil ich weiss, dass viele Baslerinnen und Basler diese «Stadtansichten» teilen und hoffen, dass dieser für Basel mögliche Quantensprung im Jahr 2001 gestartet werden kann.

Haben Sie noch andere Ideen?
Die Begrünung der Stadt ist mir ein Anliegen. Die Stadt könnte durch mehr Bäume viel wohnlicher gemacht werden. Schwache Architektur, die es immer wieder gibt, kann hinter Bäumen ebenfalls versteckt werden. Es gibt viele Strassen wie die Steinenvorstadt oder die Steinentorstrasse, die durch Bäume stark aufgewertet werden könnten. Auch auf dem Marktplatz würden Bäume den Platz wunderbar gestalten und die zu langen Proportionen richtig stellen, so wie man das jeweils an Weihnachten erlebt. Es brauchen nicht immer Alleen zu sein. Man könnte sich auch in der Aeschenvorstadt und Freien Strasse Bäume vorstellen. Das grüne Basel könnte ein Markenzeichen werden und wäre das beste Stadtmarketing. Für ein solches Projekt gäbe es viel Unterstützung von privater Seite.

Sie selber haben ja mit der Fondation Beyeler ein Projekt realisiert, das weltweite Beachtung findet. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?
Ich habe natürlich im Stillen darauf gehofft. Aber das Ausmass des Erfolges hat mich dann doch überrascht. Es ist eben die glückliche Symbiose von Kunst, Architektur und Natur, die mehr zum Tragen gekommen ist, als ich mir das erträumt habe. Wenn ich heute durchs Museum gehe, kommen die Besucher begeistert auf mich zu und danken und gratulieren mir. Das ist eine sehr schöne Erfahrung.

Sie haben dem Kunstmuseum mit Ihrer Fondation den Rang abgelaufen, was die Besucherzahlen betrifft. Das war aber nicht Ihre Absicht?
Nein, überhaupt nicht. Aber die Besucherzahlen in den Museen sind weltweit rückläufig. Wenn wir kein spezielles Programm haben, verzeichnen wir auch in der Fondation sofort einen Besucherrückgang. Die Sammlung alleine genügt dem Publikum nicht mehr. Selbst wir, mit unserer tollen Lage in Riehen, sind von einem ständig wechselnden Programm abhängig.

Sie haben Ihr Haus für verschiedenste Aktivitäten geöffnet. Wie wichtig sind solche zusätzlichen Veranstaltungen mit einem inneren Bezug zur laufenden Ausstellung?
Ich habe schon ganz am Anfang gesagt, dass ich nicht nur Kunst und schöne Bilder zeigen, sondern auch zu Fragen von existenzieller Natur Stellung nehmen möchte. Deshalb haben wir ja auch die Christo-Ausstellung «Magie der Bäume» veranstaltet und gleichzeitig zusammen mit Greenpeace und WWF auf die Bedrohung des Amazonaswaldes aufmerksam gemacht. Solche Dinge wollen wir weiter pflegen. Wir wollen aber nicht einfach einen Aktivismus betreiben, sondern unsere Ausstellungen ganz gezielt mit Vorträgen, Musik und Ballett etc. begleiten.

Haben Sie es als Leiter Ihres eigenen Museums nicht auch leichter als ein Direktor eines staatlichen Hauses?
Wir können natürlich sehr viel beweglicher sein. Ein staatliches Museum hat auch viele Aufgaben wahrzunehmen, die nicht so spektakulär sind, wogegen wir direkt wirken können.

Sie sind mit der Eröffnung der Fondation eine Person des öffentlichen Interesses geworden. Stört Sie das manchmal?
Ich muss heute mehr und mehr auswählen, was ich mache und wem ich beispielsweise ein Interview gebe. Es geht gar nicht mehr anders. Die Fondation ist aber genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen, denn in einem gewissen Alter kann man selbst einem berühmten Architekten wie Renzo Piano gegenüber ganz anders auftreten und seine Wünsche anmelden. Der Wechsel vom Kunsthandel zum Museumsbesitzer ist ebenfalls im richtigen Moment gekommen, denn der Kunsthandel hat sich stark verändert und ist heute wie vieles andere globalisiert.

Werden Sie Ihre Galerientätigkeit neben dem Museum fortsetzen?
Ich habe langjährige, ausgezeichnete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Galerie, die ich sehr schätze. Deshalb will ich die Galerientätigkeit nicht einfach abbrechen, sondern ich delegiere mehr und mehr. Heute gibt es noch zwei, höchstens drei Ausstellungen pro Jahr. Das ist auch gut so, denn wir waren noch nie von der Basler Kundschaft abhängig. Zudem ist ja jetzt in dieser Hinsicht die Ablösung durch das Museum gegeben.

Interview vom 14. April 2001, geführt von Raphael Suter, BaslerZeitung (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.02.2010, 10:39 Uhr

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