Bilder, die die Welt bedeuten

Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 07.09.2010

An den 14. Bieler Fototagen werden nicht nur Fotos ausgestellt, sondern gesellschaftliche Entwicklungen aufgespürt. Wir zeigen einige Höhepunkte in der Bildstrecke

1/24 Matthias Willi, The Moment after the Show, 2008
© Matthias Willi

   

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Die Bilder hat Judith Stadler im Internet gefunden: Hochzeitsfotos, im Mittelpunkt die Braut. Doch ihr Gesicht ist unkenntlich gemacht, zerkratzt, herausgeschnitten, verpixelt. Kein enttäuschter Liebhaber rächt sich hier, keine Voodoo-Attacke einer Rivalin steht hinter den entstellten Bildern. Es sind die Bräute selber, welche die Fotografien bearbeitet haben, bevor sie ins Netz gestellt wurden. «Zu verkaufen, fast neu – nur einmal getragen» stand dort noch. Bis aufs Format unverändert, werden diese Bilder nun in Biel gezeigt, wo sie eine ganz neue, andere Geschichte erzählen: Sie alle nehmen eine Realität vorweg, die am «schönsten Tag des Lebens» ausgeblendet wird. Die fast gewalttätig wirkenden Eingriffe markieren jene Ernüchterung, die sich in der Scheidungsstatistik niederschlägt.

Im Tsunami der Bilder

Gebrauchte Hochzeitskleider, gebrauchte Bilder: Die Arbeit der Ostschweizer Fotografin ist typisch für eine Entwicklung, die sich in den aktuellen Arbeiten der Generation der 30- bis 40-jährigen Fotografinnen und Fotografen abzeichnet. In einer Zeit, in der die Bilderflut zum Tsunami geworden ist, haben die Fotografen eine spürbare Distanz zu den Bildern entwickelt. Authentizität wird nicht mehr im Bild selber gesucht, sondern in der Auseinandersetzung und im Umgang mit den Bildern.

Aus dieser reflektierten, auch von Misstrauen genährten Distanz ist eine ganze Reihe starker Serien entstanden, die in Biel unter dem Motto «Kollateral» gezeigt werden. Mit diesem Begriff umschreiben die beiden Co-Leiterinnen Hélène Joye-Cagnard und Catherine Kohler jenen indirekten Zugang, den sie bei zahlreichen aktuellen Arbeiten ausgemacht haben. So zum Beispiel in der Serie «Landmarks» der rumänischen Fotografin Dana Popa: Sie hat einen sehbehinderten Mann auf seinem täglichen Gang durch London begleitet. Der Mann selbst ist auf keiner der Aufnahmen zu sehen; stattdessen hat Popa die Orientierungshilfen festgehalten, die sich der Mann, der ohne Blindenstock unterwegs ist, zu eigen gemacht hat: Mal ist es ein Maschendrahtzaun, mal ein Durchgang, wo mehr Licht einfällt, mal die Stange einer Ampel.

Das aufmerksame Unauffällige

Eindrücklich zieht sich diese Aufmerksamkeit gegenüber dem Unauffälligen durch die meisten der 22 Ausstellungen und manifestiert sich als zentrales Statement aktueller Fotokunst. Gleichzeitig wird noch ein weiterer Trend erkennbar: Das spektakuläre Bild interessiert nicht mehr. Das Abenteuer wird nicht mehr im Dschungel oder an Kriegsschauplätzen gesucht. Die grosse Herausforderung besteht vielmehr darin, verborgene Welten fassbar zu machen und die Leerstellen in der Bilderflut zu kartografieren, an denen für die heutige Gesellschaft entscheidende Verwerfungen im Gang sind. So hielt der Westschweizer Yann Mingard für seine noch lange nicht abgeschlossene Serie «Deposit» jene Orte fest, an denen das Erbgut gefährdeter Gattungen aufbewahrt wird: die Türen der Hochsicherheitstrakte, die dampfenden Gefrierapparate, die Bunker, in denen Gene auf unbestimmte Zeit hinaus konserviert werden.

Zur Bewegungsmelderin wird die Fotografie in den Aufnahmen von Nina Berman: Die Gewinnerin des World Press Photo Award zeigt in ihrer auf den ersten Blick unspektakulären Serie «Homeland», wie die Militarisierung zunehmend den amerikanischen Alltag prägt, wie bereits Kinder auf dem Spielplatz in Stellung gebracht werden und eine Generation im Bewusstsein ständiger Bedrohung heranwächst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2010, 14:45 Uhr

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