Kultur

Blut, nackte Frauen, quälende Blicke

Seit 40 Jahren lotet Marina Abramovic die Grenzen des Erträglichen aus. Das Museum of Modern Art in New York widmet der Grande Dame der Performancekunst eine Retrospektive.

1/16 Am Dienstag endete Marina Abramovics zwölfwöchige Performance im Museum of Modern Art in New York im Chaos. Ein Besucher erbrach sich auf den Boden des Museums, gleich neben der Künstlerin.

   

Einfach hat es sich die Performance-Art Künstlerin Marina Abramovic nie gemacht. Sie ist bekannt dafür, ihren Körper zum Medium ihrer Kunst zu machen. Schockierende Performances pflastern den Weg ihrer vier Dekaden umfassenden Künstlerkarriere, bei denen die sie sich ins Fleisch schnitt, ihr Leben mit einer Hamburger Prostituierten tauschte oder sich ihr Haar bürstete, bis sie blutete. Diesem Schaffen huldigt das Museum of Modern Art New York in einer aufsehenerregenden Retrospektive.

Das Herzstück der Ausstellung, die am Dienstag eröffnet und begeistert besprochen wurde, ist eine weitere Hardcore-Performance. «The artist is present», heisst die Performance in Anspielung auf eine häufig auf Vernissage-Einladungen zu findende Zeile. In Abramovics Fall bedeutet es, dass die Künstlerin während der gesamten Dauer der Ausstellung, insgesamt 700 Stunden regungslos auf einem Holzstuhl sitzen wird. Die Zuschauer können sich ihr gegenüber setzen und ihr in die Augen sehen so lange sie wollen. Der menschliche Blick als Tableau Vivant. Eine bestrickende Idee und extremer, als man vielleicht glauben mag.

Foltern in der Galerie

1946 in Belgrad geboren, wurde Abramovic in den Siebzigerjahren zum Inbegriff der Körperkunst und zu einer Instanz feministischer Kunst. Immer wieder lotete sie die Grenzen dessen aus, was im künstlerischen Kontext möglich ist, etwa mit ihrer Performance «Rhythm 0» aus dem Jahr 1974. Sie platzierte 72 Objekte, darunter eine Kerze, eine Rose, ein Skalpell und eine Pistole auf einem Tisch und lud die Besucher ein, damit ihren Körper zu manipulieren, während sie das sechs Stunden regungslos über sich ergehen liess. Die Lage eskalierte, manche begannen sie zu verletzen und wollten ihr Blut trinken, während andere Besucher sie vor den Übergriffen zu schützen versuchten.

In der grossen Retrospektive werden Aufzeichnungen ihrer Arbeiten gezeigt, einige werden mit jungen Künstlern nachgestellt. Um in die Ausstellung hineinzugelangen, muss der Besucher ein nacktes, sich gegenüberstehendes Paar passieren, und zwar mittendurch. In einem Raum liegt eine nackte Frau am Boden, zugedeckt mit einem Skelett. «Luminosity» zeigt eine vollkommen nackte Frau, die mit gespreizten Armen und Beinen auf einem Fahrradsattel sitzt.

Erschöpft, ausgelaugt, zerstört

Billige Provokation aber ist Abramovics Sache nicht. Sie sucht nicht nur die Grenzen, was ihre eigene Leidensfähigkeit anbelangt, sondern sie treibt mit ihrer Kunst auch den Zuschauer aus der Komfortzone – sei das mit Blut oder wie jetzt mit ihrem starren, ungebrochenen Blick. Heute so sagte Abramovic in einem Interview mit der «Zeit», gehe es ihr nicht mehr so sehr um den Körper, sondern um den Geist und darum, Kunst zu verlangsamen.

Aber funktioniert das, indem man einfach auf einen Stuhl sitzt und nichts tut? Das wird die Ausstellung zeigen. Bei der Eröffnung verfehlte Abramovich ihr Ziel jedenfalls nicht. Einige Zuschauer weinten, andere schrien oder suchten das Weite vor ihrem Blick. Sie selbst aber, rapportierte der Kritiker des New York Magazines, machte bereits nach zwei Stunden einen «erschöpften, ausgelaugten, zerstörten» Eindruck. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.03.2010, 09:54 Uhr

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