Kultur

Bundesräte und ihre kleine Kunst

In der Schweiz bleibt alles übersichtlicher. Auch bei den Bildern, die sich die Bundesräte ins Büro hängen. Erlaubt ist, was gefällt.

1/7 «Die Radfahrer stellten eine Elite, bei der jeder genau dasselbe machte.»: Verteidigungsminister Ueli Maurer.
Béatrice Devènes

   

Der Umweltminister posiert vor Lastwagen, der Verteidigungsminister vor Velofahrern. Beide haben Bilder aufgehängt, die nicht viel kosten und mit denen man keinen Eindruck schinden kann. Beide reden bereitwillig über Politik und Kunst, auch wenn sie sonst wenig gemeinsam haben: der Sozialdemokrat Moritz Leuenberger und Ueli Maurer von der SVP, der Intellektuelle und der Hemdsärmlige, der manchmal Mürrische und der früher Polternde, der Ironische und der Witzige, der aus der Stadt und der vom Land.

Misstrauischer Leuenberger

Maurer nimmt sich, trotz eines langen Arbeitstages in bester Laune, zwanzig Minuten für das Gespräch. Bei Moritz Leuenberger, der erst genau wissen will, was man vorhat und sich dann immer mehr einbringt, dauert es über eine Stunde (siehe Interview).

Welche Kunst ein Bundesrat bevorzuge, mutmasst der Kurator Pierre-André Lienhard, habe mehr mit seiner Person zu tun als mit dem Amt. Der Lausanner Kunsthistoriker amtet als Konservator der Bundeskunstsammlung und berät die Regierung auf Wunsch bei der Bilderwahl. «Je früher solche Gespräche stattfinden, desto offener sind sie auch», sagt er. «Ist eine gewisse Zeit vergangen, lässt der Terminplan fast keine Möglichkeit mehr.» Dann dominiert die Politik, und es bleibt keine Kunst mehr.

Am liebsten etwas Eigenes

Dass Bundesräte sich bei der Sammlung des Bundes bedienen, kommt gar nicht so häufig vor. Bundespräsidentin Doris Leuthard zum Beispiel hat zwei Bilder des Aargauer Künstlers Daniel Küttel aufgehängt, bei Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf hängt «Der Mann im Narrenkleid» von Alois Carigiet aus dem Bündnerland, das grosse Bild im Büro von Finanzminister Hans-Rudolf Merz hat seine Frau Roswitha gemalt, und auch Didier Burkhalter, der neue Innenminister, hat Bilder seiner Gattin aufgehängt. Nur Moritz Leuenberger und Micheline Calmy-Rey leihen sich Bilder aus der Kunstsammlung des Bundes aus, wobei die Aussenministerin dazu moderne Möbel geschmackssicher mit älteren Stücken kombiniert.

Auch Ueli Maurer hat sich den Wandschmuck selber ausgewählt. Kaum im Amt, liess er alle Bilder abhängen und stattdessen Fotos des Armeedienstes anbringen, Männer in Tarnfarbe und mit Kampfgerät und hinter seinem Pult eine grosse Aufnahme mit Radfahrern, die im Tarnanzug einen Hügel erklimmen.

«Ich stehe dem Verteidigungsdepartement vor, also wollte ich Bilder aus dem Militär», sagt er. Die Velokrieger haben es ihm besonders angetan, denn auch er begann seine Armeekarriere bei den Radfahrern. Sie hätten eine Elitetruppe gestellt, sagt er, «bei der jeder genau dasselbe machte; das stärkte das Gefühl der Zusammengehörigkeit».

Kühe, Tolstoi und Indianer

In seinem Büro stehen auch Kühe herum und ein Muni, den ihm ein Brienzer Schnitzer geschenkt hat. «Als Kind wollte ich eine Kuh, wenn ich gross sein werde», sagt der Bauernsohn, «jetzt bekomme ich manchmal eine und stelle sie hier auf.» Maurer hat es sonst eher mit der Musik und der Literatur, wobei er am liebsten Bücher aus Ländern liest, die er später bereist, Cervantes zum Beispiel oder Tolstoi.

Als er in Vancouver war wegen der Olympischen Spiele, hat ihn eine Ausstellung über indianische Kunst besonders berührt. «Für mich drückt sich in der Kultur eine Gesellschaft aus», sagt er, «ihre Geschichte und Gegenwart.»

Obwohl ihn wenig mit Moritz Leuenberger verbindet, sind sie sich bei zwei Künstlern einig: Sie mögen Albert Anker, wenn auch aus verschiedenen Gründen, und sie mögen Thomas Hirschhorn nicht und seine politische Aktionskunst.

Der Hass auf das Chaos

Dass Bundesräte an ihren Sitzungen über Kunst redeten, sagt der ehemalige Regierungssprecher Oswald Sigg, komme selten vor, dafür umso mehr in der Pause, wo man einander Ausstellungen und Bücher empfehle. Es interessierten sich auch nicht alle gleichermassen für Kunst. Man weiss es von Leuenberger und Merz, dasselbe galt für ihre ehemaligen Kollegen Christoph Blocher und Pascal Couchepin. Blocher neigt bekanntlich zu Anker und Hodler, die er im Sinne seiner Politik interpretiert, während Couchepin sich einen Spass daraus machte, von den ihm geschenkten Bildern mit Vorliebe die hässlichsten aufzuhängen und diese seinen Gästen dann zu erläutern. Unvergessen der Ausspruch des wuchtigen Wallisers, als man ihn einmal wegen eines Interviews aufsuchte. Er stand vor einem vage abstrakten Bild und sagte: «Je déteste le chaos.»

Daraus so etwas wie eine bundesrätliche Ästhetik ableiten zu wollen, käme Kurator Lienhard niemals in den Sinn. Dass aber die Eidgenössische Kunstkommission erst 1946 das erste abstrakte Bild erwarb, sagt er von sich aus. Vorher habe sie auch junge Künstler eingekauft, «tendenziell aber eher gesetztere». Das habe in der Kommission immer wieder zu Streit geführt, vor allem bei jüngeren und modernen Künstlern.

Den konservativen Druck bekam auch der Maler Wilhelm Schmid zu spüren, der in Berlin lebte und arbeitete. Als die Nationalsozialisten ihn zum entarteten Künstler machten, kehrte er mit seiner jüdischen Frau in die Schweiz zurück. Weil er Arbeit brauchte, bewarb er sich bei der Landesausstellung mit einem grossen Bild über das bäuerliche Leben. Es wurde akzeptiert und ausgestellt – und Schmid daraufhin mit einer Art von Kunst identifiziert, die ihm gar nicht entsprach. Als er dann 1946 in Bern, an der ersten Nationalen Kunstausstellung nach dem Krieg, ein profanes Bild über das Abendmahl einreichte, durfte es nicht gezeigt werden. Selbst fünf Jahre später, als das Bild ausgestellt wurde, waren die Reaktionen noch heftig, man warf Schmid Blasphemie vor. «Erst ab den Sechzigerjahren», sagt Kurator Lienhard, «ging die Kunstkommission wieder im Takt mit der Avantgarde.»

Lieber konkret

Das alles klingt nicht sehr spektakulär und auch nicht sonderlich modern. Vielleicht passt es aber zu einer Demokratie, die es übersichtlich mag, die das Kleine liebt und den Föderalismus lebt. Die nicht aus einer Monarchie und einem Weltreich entstand und auch vom Faschismus verschont wurde. In der die Regierungsmitglieder abends den Zug nehmen und am Mittag durch die Altstadt gehen. In der im Sommer Kinder vor dem Parlamentsgebäude spielen. In der die Macht nicht sehr viel bedeutet. In der Ordnung herrscht und es die Leute lieber konkret haben. Und nicht abstrakt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2010, 08:23 Uhr

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