Kultur

Den Schock im Nacken

Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 19.08.2010 28 Kommentare

Der niederländische Fotograf Reinier Gerritsen hat auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise die Menschen in der New Yorker U-Bahnstation Wallstreet fotografiert. Bilder einer stillen Verzweiflung.

1/10 Schweigende Schicksalsgemeinschaft: U-Bahn New York am 2. April 2009.
Bild: Reinier Gerritsen/Hatje Cantz Verlag

   

Reinier Gerritsen, niederländischer Fotograf, ist vor allem für seine Bilder von Passanten im öffentlichen Raum bekannt. Vielbesprochen war seine Arbeit «The Europeans», eine Studie über die Bewohner Europas.

Buch

Reinier Gerritsen: «Wall Street Stop». Hrsg. Nederlands Fotomuseum, Frits Gierstberg, Text von Frits Gierstberg, Gestaltung von René Put (Englisch, Niederländisch). Hatje Cantz Verlag, ca. 43 Franken.

Stichworte

Vier Monate nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers haben Sie sich mit Ihrer Kamera in die New Yorker U-Bahn begeben. Wie kamen Sie dazu?
Als die Krise losging, reiste ich nach Frankfurt, London und Paris. Ich wollte Leute aus der Finanzbranche porträtieren. Die Bilder überzeugten mich aber nicht. Zufälligerweise kam ich im Januar 2009 nach New York. Dort herrschte eine äusserst angespannte Stimmung: Der Beginn der Obama-Präsidentschaft, die Krise lag in der Luft. Und dann begann ich zu fotografieren. Zuerst auf der Strasse, auf Kreuzungen. Nach etwa fünf Tagen stieg ich in den U-Bahn-Schacht hinunter und merkte sogleich: Das ist es.

Typische Wallstreet-Krisenbilder zeigen verzweifelte Händler, die die Hände vors Gesicht halten. Bei Ihren Bildern ist die Verzweiflung nicht auf den ersten Blick sichtbar.
Ich war schon oft in New York, eine solche Anspannung wie damals hatte ich aber noch nie erlebt. Verzweiflung ist das richtige Stichwort: Sie ist zwar nicht sichtbar, aber doch überall spürbar, insbesondere in den Gesichtern der Menschen. Ich habe sowohl im Winter (Januar und März 09), wie auch im Sommer fotografiert. Bereits im Sommer hatte ich das Gefühl, die Spannung sei etwas gewichen. Ob dies mit der Jahreszeit zu tun hatte oder damit, dass die Krise nicht mehr so jung war, kann ich nicht sagen.

Sie haben sich nicht auf Business-Leute konzentriert, sondern alle Leute in der U-Bahn fotografiert. Weshalb?
Wie bei jedem Projekt habe ich mir auch bei diesem klare Grenzen gesetzt. Die lauteten: Die Leute zwischen den U-Bahn-Stationen «Wall Street» und «Grand Central Station» zu fotografieren. Die Linien 4 und 5, die zwischen den beiden Stationen verkehren, sind grösstenteils von Leuten frequentiert, die an der Wallstreet arbeiten, aber nicht nur. Zudem arbeiten dort nicht nur Finanzleute, sondern zum Beispiel auch Reinigungskräfte. Ich habe niemanden gefragt, was er arbeitet oder ob er nur auf der Durchreise ist.

Wie haben die Leute reagiert? Haben Sie mit einigen gesprochen?
Die Leute waren sehr freundlich. Ganz im Gegensatz zu London, wo ich etwas Ähnliches gemacht habe und mich die Polizei gestoppt hat. Die Bilder sind ja nicht gestellt, die Leute merkten erst im Augenblick selbst, dass sie fotografiert werden. Meist haben sie mir danach zugelächelt, in London oder Frankfurt erntete ich hingegen eher mürrische Blicke.

Auf Ihren Bildern sieht man fast nie jemanden sprechen oder auch lachen. Ein Entscheid von Ihnen?
Nein, ganz und gar nicht. Ich finde es ja auch schade, aber die Leute lachen fast nie in der U-Bahn. Ich zeige einfach, wie es ist.

Sie verwenden eine Technik, bei der Sie in kurzer Folge mehrere Bilder schiessen und diese dann zu einem zusammensetzen. Trotz schlechtem Licht erreichen Sie unglaubliche Farbstimmungen...
...das hat nichts mit mir zu tun, das ist die moderne Digitaltechnik. Die Bildqualität der neuen Kameragenerationen ist atemberaubend. Da staune auch ich.

Doch kann man noch von dokumentarischer Fotografie sprechen, wenn die Bilder am Computer zusammengesetzt werden?
Das ist eine sehr spannende Frage, über die unter Fachleuten viel debattiert wird. Ich sage immer mit einem Augenzwinkern: Meine Arbeit ist sogar auf einem höheren Level dokumentarisch als normale Arbeiten. Bei der konventionellen Fotografie kann man eine Person oder einen Gegenstand fokussieren, alles andere ist unscharf. Indem ich mehrere in äusserst kurzem Abstand aufgenommene Bilder zusammensetze, sind alle Leute scharf – das kriegt man sonst unmöglich hin. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.08.2010, 14:19 Uhr

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28 Kommentare

Karl Lang

19.08.2010, 14:52 Uhr
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Die Bilder kann man auch in den U-Bahnen in Paris, Berlin oder Paris schiessen. Im überfüllten öffentlichen Verkehr schauen die meisten Menschen nun mal missmutig, auch frühmorgens in Trams, Bussen und S-Bahnen in Zürich. Die Interpretation der "stillen Verzweiflung" wegen der Wirtschaftskrise ist gesucht. Ich fahre seit kurzem wieder per Velo zur Arbeit, u.a um diese Gesichter zu vermeiden. Antworten


Leo Stern

19.08.2010, 14:27 Uhr
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Aha, ein Photoshopkünstler. Im Vergleich zu echter Streetphotography nur ein müder Abklatsch. Das ist nicht authentisch. Antworten




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