Kultur

Der Künstler als Maschine

Von Paulina Szczesniak, Basel. Aktualisiert am 04.09.2010 1 Kommentar

Einmal mehr lockt das Kunstmuseum Basel mit einem grossen Namen: In einer sehenswerten Schau wird das Frühwerk von Pop-Art-König Andy Warhol beleuchtet.

1/13 One Dollar Bill [Silver Certificate], 1962.
© The Andy Warhol Foundation / ProLitteris

   

Und wieder Warhol. Wieder der Überkünstler mit dem silberweissen Haar, in dessen Werk und pointierten Äusserungen sich alles vereint, was es über die Pop-Art zu sagen gibt. Diesmal ist es das Kunstmuseum Basel, das diesem ersten wahren King of Pop seine Pforten öffnet – und den Blick des Publikums damit auf Bilder lenkt, die es bereits sehr gut kennt. Die im kollektiven Bildspeicher derart prominent abgelegt sind, dass jedes Kind sie mühelos abrufen kann. Und die, obwohl – oder gerade weil – sie jene Dinge zeigen, denen man im Alltag pausenlos begegnet, die Kunstwelt für immer veränderten.

Die von Bernhard Mendes Bürgi und Nina Zimmer kuratierte Ausstellung konzentriert sich auf die frühen 60er-Jahre und zoomt auf jenen Moment, als aus dem halbwegs erfolgreichen Werbegrafiker Andrew Warholy die angehimmelte Kunstikone Andy Warhol wurde. Noch 1961 glaubte der 33-Jährige, ein Bildwerk müsse, um vom Publikum ernst genommen zu werden, malerischen Charakter haben. Erst seine Begegnung mit dem sich bereits etablierenden Werk Roy Lichtensteins liess ihn erkennen, dass man mit Motiven aus der Populärkultur kommerziell erfolgreich sein konnte. Schon im folgenden Jahr fanden Warhols erste Ausstellungen statt. Zeitgleich entstanden, noch von Hand gemalt, Prototypen der Campbell’s-Dose.

Lieber eine Maschine sein

Auf der Suche nach einer effizienteren Produktionsweise ging Warhol bald zum Siebdruck über, mit dem er in seinem «Factory», also Fabrik, genannten Atelier fortan seriell arbeitete. Das Ziel, festgefahrene ästhetische Hierarchien über den Haufen zu werfen, verfolgte er, indem er an einer Fliessbandästhetik feilte, welche die individuelle Bildsprache bewusst im Keim erstickte. Warhols Abneigung gegen die Idee vom genialen Schöpfungsakt des Künstlers ging so weit, dass er einem seiner Galeristen eine von ihm bedruckte Leinwandrolle lieferte, die der verblüffte Kunsthändler nach eigenem Ermessen zerschneiden und auf Keilrahmen aufziehen sollte. «Malerei ist zu anstrengend», rechtfertigte sich Warhol in einem Interview von 1963. «Ich will Maschinelles zeigen. Maschinen haben weniger Probleme. Ich wäre gern eine Maschine, Sie nicht?»

Mit dieser emotionslosen Haltung verkörperte Warhol wie kein Zweiter den vorherrschenden Zeitgeist. Seine Themen waren die Ankerpunkte der amerikanischen Nachkriegsjahre: Der Kapitalismus, den er nonchalant mit der Wiedergabe von Geldscheinen auf den Punkt brachte. Die Konsumwut mit ihrer nie endenden Flut hübsch verpackter Produkte. Die Traumfabrik Hollywood, die in Basel durch Elvis Presley und die laszive Liz Taylor vertreten ist. «Ich betrachte immer nur die Oberfläche der Dinge», meinte Warhol. Ironischerweise traf er damit die westliche Konsumgesellschaft im Kern.

Die Kunst des Recyclings

Doch Warhol ging noch einen Schritt weiter: «Wenn ihr alles über Andy Warhol wissen wollt, braucht ihr bloss auf die Oberfläche meiner Bilder und meiner Person zu sehen, das bin ich. Dahinter versteckt sich nichts.» Indem sich Warhol mit seiner Kunst gleichsetzte, revolutionierte er die Künstlerfigur so, wie seine Bildsprache dies mit der Kunst tat. Warhol war eine Ikone, die keine Skrupel hatte, andere Ikonen für ihre Zwecke einzuspannen – wie man etwa an den seriellen Elvis-Porträts sieht, denen Warhol am oberen Bildrand ungeniert die Haartolle kappte. Er verwertete, was ihm in die Finger kam. Oder besser: Er recycelte es. «Du recycelst Arbeit, und du recycelst Menschen, und du betreibst dein Business als ein Beiprodukt eines anderen Business, was eine äusserst wirtschaftliche Vorgehensweise ist.»

Die Basler Schau ist, natürlich, sehenswert. Highlight reiht sich an Highlight wie auf einer Best-of-Platte, und wo man dort jeden Hit mitsingen kann, schwelgt man hier in den vertrauten Motiven und charakteristischen Farbkombinationen. Reizvoll sind aber auch die weniger bekannten Zeichnungen sowie eine Reihe von Raritäten aus dem Warhol Museum in Pittsburgh: originale Zeitungsausschnitte etwa, die dem Meister als Vorlage für seine Gemälde dienten.

Oder jene handgefertigte Schablone, nach deren Muster Warhol zwei Drucksiebe für seine berühmten Hibiskusblütenserie herstellen liess. An ihrem Rand der handschriftliche Vermerk des Künstlers, man solle vorerst nur eines produzieren; mit dem Auftrag für das zweite wolle er zuwarten, bis er wieder zu Geld gekommen sei. Nun – Warhol kam zu Geld, und zwar nicht zu knapp; und es konnte gedruckt werden. Im letzten Ausstellungssaal hängen vier Variationen des grossformatigen Blumensujets aus den Jahren 1964/65 nebeneinander – ein grandioser Strauss in kühlen Signalfarben, kitschig und erhaben zugleich. Das ist Pop-Art vom Feinsten. Und ja, das ist wieder einmal Warhol. Zum Glück.

Eröffnung am Samstag, dem 04.9.2010, bis 23. 1. 2011. Katalog von Hatje Cantz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2010, 10:54 Uhr

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1 Kommentar

noo oon

04.09.2010, 21:31 Uhr
Melden

...Andrew Warhola nicht Andrew Warholy. Antworten



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