Kultur
Der Mann, der Warhols Bilder übermalte
Von Paulina Szczesniak. Aktualisiert am 10.05.2010
Das Bild wirkt wie ein Biss in eine reife Frucht: intensiv, roh, von ursprünglicher Kraft. Eine imposante Figur steht vor pastellfarbenem Hintergrund; das dunkle Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen und den gefletschten Zähnen ist uns frontal zugewandt. Die Fussgelenke scheinen bandagiert, die Beine stecken in Shorts. Triumphierend streckt die monströse Gestalt den rechten Arm in die Höhe – er besteht nur aus Knochen. Geschunden wirkt auch der Rest der eigenwilligen Erscheinung. Ihrer unerhörten Präsenz tut dies jedoch keinen Abbruch: Die Krone sitzt fest auf ihrem kantigen Kopf. Dieser König ist ein Kämpfer: ein Sieger im Boxring.
Könige, Heldentum und die Strasse
Könige, Heldentum und die Strasse waren die Themen, die das Werk von Jean-Michel Basquiat bestimmten. Als der Künstler mit haitianisch-puertoricanischen Wurzeln 1988 an einer Überdosis Heroin starb, war er längst zum Darling der New Yorker Kunstszene avanciert. Gerade mal 27-jährig, hinterliess Basquiat rund 900 Gemälde und 1250 Zeichnungen. Dieses Jahr wäre er 50 Jahre alt geworden, und zu diesem Anlass widmet ihm die Fondation Beyeler eine umfassende Retrospektive, die seine wichtigsten Werke zu einem spektakulären Farbendefilee vereint.
1978 verliess Basquiat das heimische Brooklyn und ging nach Manhattan. Finanziell heruntergewirtschaftet, städtebaulich in desolatem Zustand und mit der landesweit höchsten Kriminalitätsrate, war New York damals ein hartes Pflaster, das mit seiner anarchischen Stimmung auch junge, mittellose Künstler anzog. Basquiat, 18-jährig und voller Tatendrang, integrierte sich rasch in diesen kreativen Zirkel aus Malern, Musikern und Schauspielern, dem auch Keith Haring und Madonna angehörten. Basquiats kurze Affäre mit der Sängerin ist, wie sein früher Tod, mittlerweile Teil seiner populären Aura.
Ein Poet mit der Spraydose
Wie viele seiner Freunde versuchte sich Basquiat zunächst als Graffitikünstler. Doch im Gegensatz zu deren meist grellen Kompositionen beschränkte er sich darauf, kryptische Kurzbotschaften auf den Wänden zu hinterlassen. Dieser Individualismus zahlte sich bald aus: Schon nach wenigen Monaten war ein Lokalblatt auf die eigensinnigen, mit Basquiats Pseudonym «Samo» signierten Sprayereien aufmerksam geworden und widmete dem jungen Strassen-Poeten einen kurzen Artikel. Bald folgten Einladungen an Gruppenausstellungen für Nachwuchskünstler, wo Basquiat seine ersten Gemälde präsentierte; darunter auch die von Diego Cortez kuratierte, mittlerweile legendäre Schau «New York/New Wave» in Queens.
Die Cortez-Ausstellung war es auch, die Bruno Bischofberger auf Basquiat aufmerksam machte. Als dieser sich mit seiner ersten Galeristin zerstritt, sprang der Zürcher Kunsthändler kurzerhand in die Bresche und vermarktete den jungen Künstler fortan in Europa. Auch war es Bischofberger, der Basquiat mit Andy Warhol bekanntmachte und deren Zusammenarbeit anregte: In der Folge entstanden rund 100 Gemeinschaftswerke, in denen Basquiat schon mal übermalte, was Warhol zuvor auf die Leinwand gebracht hatte. «Ich weiss nicht, ob es dadurch besser wurde oder nicht», kommentierte Warhol. Ein gut getarntes Kompliment.
Der Bruch mit Warhol
Die aktuelle Ausstellung umfasst einige Beispiele dieser Kollaboration, in der sich Basquiats ungebändigte Darstellungsweise mit Warhols emblemhafter, plakativer Pop-Art mischte. In «Felix the Cat» von 1984/85 findet sich das von Warhol gemalte, fröhlich lachende Gesicht der beliebten Comicfigur neben Basquiats dunkelhäutigen Akten und einer an afrikanische Volkskunst erinnernde Fratze wieder: Ein Maskottchen der amerikanischen Konsumwelt trifft auf die – für Amerika ebenfalls charakteristischen – kulturellen Einflüsse aus aller Welt und verweist gleichzeitig auf das düstere Kapitel des Sklaverei.
Als die anfänglich hoch gelobten Gemeinschaftswerke auf erste negative Kritiken stiessen, brach der um sein Ansehen stets besorgte Basquiat abrupt mit Warhol. Dieses Karrieredenken war für ihn bezeichnend: Schon in seiner Anfangszeit als Strassenkünstler hatte er seine Graffitis nicht einfach irgendwo angebracht, sondern bewusst nahe der renommierten Galerien platziert. Sobald sich der Erfolg einstellte, liess Basquiat von den Mauern Manhattans ab. Allerdings sollte er auch später noch auf alles malen, was ihm in die Finger kam: Pappkartons, Servietten, Türen.
Ein demokratischer Malstil
Dieser wenig wählerische Umgang mit dem Malgrund fand sein Pendant in Basquiats demokratischem Malstil: In seinen Gemälden mischen sich Einflüsse aus Pop-Art, Comics, afrikanischer Stammeskunst unter expressiver Verwendung von Formen und Farben. Dabei folgte der Autodidakt stets seinem Instinkt, während er sich zugleich bemühte, unperfekt zu sein: Nur so konnten in seinen Augen Werke entstehen, die «auf verquere Weise schön» sind.
Am Ende der Ausstellung, in einem separaten Raum, sind Basquiats späteste Arbeiten versammelt, eindrückliche Zeugen seiner inneren Zerrissenheit: Da tummeln sich einerseits Figuren aus den Batman-Comics, die auf Basquiats verspieltes, dem Zeitgeist verpflichtetes Gemüt verweisen. Dagegen spricht aus «Riding with Death» eine offensichtliche Todessehnsucht: Vor goldenem Grund reitet eine gesichtslose Figur auf einem Gerippe langsam von dannen. Das grossformatige Bild wurde nach Basquiats Tod zur Ikone, zum Abschiedsgruss eines Ausnahmekünstlers, der letztlich an seinem Talent zerbrach. Gleichzeitig trug es die Tradition der Malerei in eine neue Ära: Die Vorlage für den unheimlichen Reiter stammt von niemand Geringerem als Leonardo da Vinci. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.05.2010, 14:51 Uhr
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