Kultur
Der Spähtrupp Bührle ist am Ziel
Von Alexander Marzahn. Aktualisiert am 23.02.2010
Emil G. Bührle– Mäzen oder Kriegsgewinnler
Der Industrielle. Emil Georg Bührlewird 1890 als deutscher Beamtensohn in Pforzheim geboren. In Freiburg i. Br. beginnt er ein schöngeistiges Studium, wird aber 1914 an die Front gerufen. Nach Kriegsende tritt er in Magdeburg in eine Maschinenfabrik ein, wo er rasch zum Prokuristen aufsteigt. Nach der Heirat 1922 wird er nach Zürich in die Werkzeugfabrik Oerlikon geschickt, die sein Arbeitgeber übernommen hatte. Aus einer Konkursmasse erwirbt er das Patent an einem 20-mm-Geschütz, das er (mit deutscher Hilfe) optimiert. Das Flugabwehrgeschütz wird zum Exportschlager und in ein Dutzend Länder (u. a. China, Japan, USA, Deutschland) geliefert bzw. unter Lizenz produziert. 1936 übernimmt Emil Bührledie Firma, ein Jahr später erhält er das Schweizer Bürgerrecht. Im Zweiten Weltkrieg beliefert er nur noch Deutschland, sein Vermögen vervielfacht sich auf geschätzte 170 Millionen Franken; er gilt als reichster Schweizer. 1944 verbietet ein Bundesgesetz sämtliche Waffenexporte.
Der Sammler. Ab Ende der 1940er-Jahre kauft Bührlesystematisch Kunst. Drei Viertel seiner Sammlung erwirbt er zwischen 1951 und 1956, manchmal über 100 Werke pro Jahr. 1949 schenkt er dem Kunsthaus Zürich ein Seerosen-Bild von Monet und Rodins «Höllentor». Das Geld kommt aus seinem Fonds für einen Erweiterungsbau, den er dem Kunsthaus 1941 in Aussicht gestellt hat. 1954 wird der Bührle-Saal gebaut. Obwohl als grosszügiger Leihgeber bekannt, zögert Bührle, die Sammlung dauerhaft dort einzurichten. 1956 stirbt er in Zürich, ohne die Zukunft seiner Sammlung geregelt zu haben. Die Familie Bührlegründet 1960 eine Stiftung, in welche 200 der über 300 Werke einfliessen. Im selben Jahr wird die Villa Bührleals Museum eingerichtet und fürs Publikum geöffnet und bleibt bis zum Kunstraub 2008 öffentlich zugänglich.
Noch rätselhafter als die Kunst sind nur die Menschen, die sie lieben. Knapp 5000 Besucher verirrten sich jährlich in die Bührle-Villa im Zürcher Seefeld, wo der Bilderschatz der Sammlung E. G. Bührlesein diskretes Dasein fristete. Im Kunsthaus Zürich, gerade mal 2,3 Kilometer entfernt, dauerte es nun exakt vier Tage, bis diese Marke erreicht war. Fast tausend Gäste strömten zur Vernissage, jeden Tag werden 1500 Tickets verkauft. Zu sehen sind die selben Werke in den selben goldenen Prunkrahmen – nur die Stilmöbel fehlen und es knarren keine Dielen, wenn sich der Betrachter von einem Höhepunkt zum nächsten bewegt.
Nicht ohne Grund heisst es derzeit Schlange stehen an der Kasse und Slalom gehen im Ausstellungssaal: 150 000 Besucher könnten es am Ende sein, die sich das Kunstereignis nicht entgehen lassen. Ein solches ist es in mehrfacher Weise, steht doch viel auf dem Spiel: Die Sammlung Bührleist dem Kunsthaus Zürich versprochen, sofern das Zürcher Stimmvolk 2011 dem 75-Millionen-Kredit für den Erweiterungsbau nicht die Gefolgschaft verweigert.
Kein Zufall
Das wäre fürs Kunsthaus Zürich in der Tat fatal. Wird die Sammlung tatsächlich ab 2015 hier heimisch, muss sich umgekehrt Basel warm anziehen: Nirgends ausserhalb von Paris werden so viele französische Kronjuwelen der frühen Moderne in einem Haus vereint sein. Wie ein Museum im Museum wirkt die Präsentation, die weit mehr beinhaltet als der reisserische Ausstellungstitel «Van Gogh, Cézanne, Monet – die Sammlung Bührle» verspricht: Nicht vier, sondern vier Dutzend grosse Namen aus fünf Jahrhunderten sind hier in seltener Eintracht vereint; wie Perlen an der Schnur reihen sich die rund 200 Werke von erlesener Qualität.
Für das Kunsthaus, das in den letzten Jahren kühn am Mainstream vorbei programmierte und massiv Besucher verlor, kommt der magistrale Auftritt just zur rechten Zeit. Ein Zufall ist das nicht, wie überhaupt bei diesem Projekt alles von langer Hand geplant worden zu sein scheint – als hätte der 1958 verstorbene Magnat, dem man ein unerbittliches Organisationstalent nachsagt, selbst Regie geführt.
So wird die Schau im vom Sammler 1956 gestifteten Bührle-Saal präsentiert, wo die Werke nach dem Tod des Mäzens schon einmal kurz zu Gast waren – zu einem Legat konnte sich Bührlezu Lebzeiten nicht entschliessen (vgl. Seite 28). Auch dass im Zentrum drei monumentale Seerosenbilder von Claude Monet hängen (besser: schweben), darf man als Zeichen der bevorstehenden Heirat deuten: Zwei davon hatte Bührlekurz vor seinem Tod dem Kunsthaus vermacht, um in der Stadt Sympathien für sein Bauprojekt zu gewinnen.
Auch kein Zufall ist, dass kürzlich ein dreibändiges Katalogwerk erschienen ist im Bemühen, die Provenienzen der Bilder offenzulegen. Die Stiftung hat die Zeichen der Zeit erkannt und viel investiert, um die dunklen Flecken zu beseitigen.
Denn die Schatten der Vergangenheit ist die Sammlung Bührlenie ganz losgeworden, auch wenn sich Emil Bührle1948 mit den jüdischen Vorbesitzern von 13 von den Nazis in Frankreich konfiszierten Werken arrangiert hatte. Bührlehabe die Werke laut einem wohlwollenden Urteil des Schweizer Bundesgerichts «gutgläubig» erworben; der Bergier-Bericht 2001 sprach von einem «faulen Kompromiss». Bis heute sind ähnliche Vorwürfe mehrfach laut geworden; zugleich musste kein weiteres Werk restituiert werden.
Keine Lücken
Transparenz bringt Vertrauen – Zürich hat aus der Affäre Flick gelernt, dem Streit um jene Sammlung zeitgenössischer Kunst, der 2001 wegen der NS-Vergangenheit des Grossvaters Flick das Niederlassungsrecht in Zürich verwehrt worden war. Emil Bührlehat keine Zwangsarbeiter beschäftigt. Er hat Waffen exportiert, nicht nur, aber auch nach Nazideutschland. Mit dem Segen des Bundes notabene, der froh war um die Arbeitsplätze. Und ist damit zu so viel Geld gekommen, dass er im Jahrzehnt nach Kriegsende die damals schon hoch bewerteten Impressionisten gleich dutzendweise erwerben konnte: Cézanne, Manet, Degas, Renoir, van Gogh, Gauguin und Monet sind mit jeweils zwölf und mehr Werken vertreten. Es sind erstklassige, oft weltberühmte, zugleich aber durch ihr Dornröschen-Dasein auch wunderbar unverbrauchte Arbeiten, die in jedem Museum dieser Welt einen Ehrenplatz auf sicher hätten.
Kein Schurke
Zur Strategie gehört auch, dass das Kunsthaus die Finanzierung des Erweiterungsbaus mit der Sammlung Bühle eng verknüpft, als ob das eine ohne das andere nicht denkbar wäre. Wurde bisher vor allem mit Zahlen und Modellen kommuniziert, geht es nun um die emotionale Einbindung. In der Ausstellung arbeitet man hart daran, Bührlenicht als kaltschnäuzigen Industriellen, sondern als feinsinnigen Kunstliebhaber darzustellen, der selbst auch vor Rückschlägen nicht gefeit war – zum Beispiel 1943, als er ein Selbstporträt von van Gogh erwarb, das sich als plumpe Fälschung herausstellte. Es hängt nun in einem mit «Dokumentation» überschriebenen Nebensaal, wo sich anhand historischer Dokumente und Korrespondenz einiges über Bührles Wirken erfahren lässt. Nichts aber über sein Wesen: Persönliche Aufzeichnungen existieren kaum, und aus dem Porträt mit der hohen Stirn und den schmalen Lippen gleich am Eingang der Ausstellung (Bild S. 27) spricht eher deutsche Gründlichkeit denn jene französische Noblesse, die diese Sammlung charakterisiert.
Kein Fehler
Ohne diese Hartnäckigkeit jedoch wäre sie heute kaum derart hochkarätig bestückt; im Schnitt kauft Bührlenach 1951 jede Woche ein Bild. Man staunt über die Ausgewogenheit, ja Makellosigkeit dieser Werkgruppen, die stets das Repräsentative suchen, denen vom Besten nur das Typische gut genug war: von Chagall die russische Hochzeit, von Degas die Pferde und die Tänzerinnen, von Gauguin die Südsee-Schönheiten, von Canaletto Venedig, von Modigliani der Akt, von Monet die Gärten und von van Gogh aus jeder Phase just etwas, sodass man wohl zu jedem Kapitel der Basler Ausstellung eine Arbeit hätte beisteuern können.
Die Sammlung Bührlesingt ein Loblied auf das Exemplarische, auch im Rückgriff auf jene Künstler, die für Bührleden Impressionismus vorbereitet haben (Ingres, Corot, Delacroix, Courbet). Sie ist ein Abbild grossbürgerlichen Kunstspürsinns, auch und gerade, weil Bührlegern auf der blumigen Seite der Moderne verweilte. Dada, der Surrealismus, die geometrische Abstraktion fehlen ganz; für Bührlezu bissig und zu sperrig, obwohl teils gleich vor seiner Haustür geboren. Hier ist alles sprühende Farblust über Landschaft, Mensch, Natur; das Licht des Südens durchdringt Blumengärten und stille Interieurs, und keine der Damen bei Monet, Manet, Pissarro, Seurat oder Signac kommt ohne modisches Schirmchen aus. Und auch wenn mancher Besucher mit Erstaunen feststellen wird, dass auch gotische Madonnen, niederländische Malerei (17. Jh.) und venezianische Veduten in reicher Zahl und erster Qualität vorhanden sind: Auf das Paris der 1890er-Jahre steuert alles zu, im Paris der 1890er-Jahre blüht schliesslich alles auf.
Aufblühen soll auch das Kunsthaus Zürich mit dieser Privatsammlung. Es wäre der grosse Coup der Ära Christoph Becker, dessen auf Aussenwirkung bedachtes Programm mit dem Publikumsschwund zuletzt einen unerwarteten Dämpfer bekommen hat. 75 Millionen Franken muss das Zürcher Stimmvolk 2011 bewilligen, damit die Stadt ihren Teil zum 180-Millionen-Neubau von David Chipperfield beisteuern kann. Die Zürcher Kunstgesellschaft will 75 Millionen auftreiben, den Rest von rund 30 Millionen soll der Zürcher Lotteriefonds übernehmen.
Keine Fragen. Und die Familie Bührle? Sie liefert immerhin die «Software», auf unbefristete Zeit bzw. so lange, wie sich das Kunsthaus an die Vereinbarung hält. Bedingung ist, dass die Sammlung in eigenen Sälen integral als eine Art Dauer-Sonderausstellung präsentiert wird. Eine Schenkung ist offenbar kein Thema. Trotzdem ist es eine Win-win-Situation: Die Stiftung weiss ihren Schatz in guten Händen. Das Kunsthaus ist um eine grosse Attraktion reicher und darf die Bilder als Joker im wichtigen Leihverkehr nutzen.
Ganz umsonst ist der Anschluss an die Weltspitze indes nicht zu haben: Das Kunsthaus erkauft ihn sich mit deutlich höheren Betriebs- und Konservierungskosten. Just über die ist bisher kaum diskutiert worden. Laut einer Vorstudie von 2002 ist mit einem Mehraufwand von 35 Prozent zu rechnen. Gegenüber 2008 müsste man das Publikumsaufkommen fast verdoppeln, wollte man wie vorgesehen den Eigenfinanzierungsgrad bei 55 Prozent halten. Die Stiftung Bührlebeteiligt sich an den Betriebskosten nicht (anzunehmen ist, dass sie sich bei den 75 Millionen Franken, die die Kunstgesellschaft von privat akquirieren will, einbringt). So kommen auf die Stadt Zürich, die das Kunsthaus mit 7,9 Millionen Franken subventioniert, jährliche Mehrkosten in Millionenhöhe zu.
Keine Garantie
Ob die Traumhochzeit das Kunsthaus aber auch zu Traumquoten zurückführt, ist fraglich. Mehr Kunst, und sei sie noch so gut, heisst nicht zwangsläufig mehr Erfolg. Denn was auf Dauer ausgerichtet ist, verliert im Museum erfahrungsgemäss schnell an Reiz. Auch dies führt die aktuelle Ausstellung eindrücklich vor Augen: Beim Besuch von Canaletto, Rubens und Rembrandt im Bührle-Saal sind wir umgeben von einer kunsthungrigen Meute. Beim Besuch von Canaletto, Rubens und Rembrandt in der ständigen Abteilung, selbes Stockwerk gleich vis-à-vis, packt gerade eine Schulklasse die Klappstühle ein. Jetzt sind wir wieder mit den Bildern allein.
Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1. Bis 16. 5., Sa/So/Di 10–18, Mi–Fr 10–20 Uhr. www.kunsthaus.ch (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.02.2010, 16:33 Uhr



