Kultur
Die hohe Mode lebe hoch!
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 21.07.2009
Eine weisse Madonna gönnte sich Lacroix zum Abschied, sonst trugen seine Models schwarz. (Bild: Keystone)
Bisweilen müssen auch Könige aufgeben. Insbesondere, wenn sie Herrscher sind über ein Märchenreich. Aber die Realität macht nun mal nicht Halt vor Traumwelten, in diesen Zeiten erst recht nicht. Als vor ein paar Tagen in Paris die Haute-Couture-Schauen über die Bühne gingen, fiel für das Haus Christian Lacroix der letzte Vorhang. Es hat in den 22 Jahren seines Bestehens kein einziges Mal Gewinn gemacht, heisst es, und steht nun kurz vor dem Bankrott.
Eilt nicht in letzter Sekunde ein Investor herbei, wird Lacroix seinen Namen verlieren und 112 Angestellte ihre Stelle; die umwerfende Kollektion wird nie getragen werden. Ungewöhnlich für den Meister der Farben war sie fast gänzlich in Schwarz gehalten, ansonsten gab es keinen Hinweis auf die Krise. Aber das ist auch ein hässliches Wort, und Hässlichkeit hat in der Welt der Haute Couture keinen Platz. Da geht es um Schönheit. Und um nichts weniger als Perfektion.
Lauter Kunstwerke
Die Haute Couture ist die Königsklasse der Mode. Sie ist verschwenderisch, masslos, kompromisslos und im höchsten Masse undemokratisch. Sie ist ein Relikt, ein wundersames Ding aus einer längst vergangenen Zeit. Die Haute Couture ist Marie Antoinette, und neben ihr wirkt die mit viel Lärm inszenierte Prêt-à-porter-Mode wie eine Fussballergattin: Ein wenig vulgär und sehr, sehr gewöhnlich. Oder einfach wie das, was sie ist: Massenware.
Gerade mal eine Handvoll Häuser leistet sie sich noch, diese unvernünftige Disziplin der Haute Couture, obschon Yves Saint Laurent bereits Ende der Sechzigerjahre orakelte, sie sei tot. Sie wurde in der Folge in regelmässigen Abständen totgesagt, nur um kurz darauf wieder als die Zukunft der Mode gepriesen zu werden. Sie ist immer noch da. Und sie wird es bleiben.
Die Haute Couture unterliegt keinem Trend, weil sie selbst keinen setzen will. Das ist ihr viel zu banal. Effekthascherei hat sie nicht nötig, sie ist Luxus pur. Was sie zutiefst politisch unkorrekt macht; zu sehen bekommt die Kollektionen nur ein sehr kleiner, sehr erlauchter Kreis, in dem man über so viel Geld verfügt, dass ohne mit der Wimper zu zucken fünf- bis sechsstellige Beträge für ein einziges Kleid ausgegeben werden. Wobei es sich dabei nicht bloss um ein Kleid handelt. Es ist ein Kunstwerk, ein Werk der hohen Schneiderkunst. Nicht nur wegen der kostbaren Stoffe, der unzähligen Stunden Handarbeit, der einzeln aufgenähten Pailletten, Federn, Perlen. Da steckt Leidenschaft drin, Liebe, Hingabe. Und es gibt das Kleid nur ein einziges Mal.
Passion und Perfektion
Das hat etwas rührend Altmodisches, etwas Verweigerndes auch, und selbstverständlich wird für Haute Couture nicht geworben. Da gibt es keine Kampagnen, keine Werbespots, einfach: nichts. Elitär ist das, sicher, aber gleichzeitig auch sehr ehrlich. Weil die Haute Couture nicht auf den Reiz des Offensichtlichen setzt, sondern auf Passion und Perfektion, also für den wahren Luxus steht, der bedeutet, dass etwas schwer zu bekommen, exorbitant teuer und von allerhöchster Qualität ist.
Die Haute Couture hält an dieser Definition fest, die aus einer Zeit stammt, als noch nicht die Marketingprodukte von um Aufmerksamkeit buhlenden Labels darunter verstanden wurden, als noch nicht schreiende Logos den Preis eines Designerstücks rechtfertigten, als noch nicht die PR-Büros der Modefirmen die Redaktionen täglich mit inszenierten Paparazzi-Fotos belieferten, versehen mit aufgeregten Überschriften wie «Madonna trägt YX!» oder «Katie Holmes in Z!».
Die Haute Couture spielt weiter unbeeindruckt in ihrer eigenen Liga. Im Unterschied zu den Prêt-à-porter-Häusern haben bei ihr immer noch die Designer das Sagen und nicht die Manager; Kreativität ist das einzige Kriterium, nicht Rendite. Da entscheiden keine Zahlenmenschen, sondern Besessene. Die Haute Couture macht deshalb keine Kompromisse. Angestrebt wird nichts Geringeres als Perfektion. Alles ist entscheidend, alles ist Detail.
Von allen Seiten schön
Ein Haute-Couture-Kleid sieht nicht nur von vorne atemberaubend aus, die Seitenansicht ist genauso ein Kunstwerk für sich wie die Rückseite; jeder Saum, jede Rüsche, jede Falte ist durchdacht, das Ganze eine einzige Komposition hinreissender Schönheit. Ob tragbar oder nicht, ist nicht die Frage; wer so denkt, begreift nicht, worum es hier geht. Die Haute Couture ist eine Traumwelt.
Ganz entziehen kann sie sich der Realität indes nicht. Nicht nur die traurige Nachricht vom Ende Christian Lacroix’ hat dies deutlich gemacht, sondern auch das weniger zahlreich erschienene Publikum; zum ersten Mal überhaupt mussten die Platzanweiser die Gäste bitten, nach vorne zu rücken, um den trostlosen Eindruck von leeren Reihen zu vermeiden. Die Gattinnen der Investment-Banker blieben daheim, es macht sich nicht gut, während des «credit crunch» Haute Couture zu schauen. Geschweige denn zu kaufen. Vorausgesetzt, man kann überhaupt noch.
Die Traumtänzer von Paris
Mag sein, dass die letzten verbliebenen Couturiers Traumtänzer sind. Aber sie leben ihren Beruf mit einer Absolutheit, die ausser Mode geraten ist. In der Mode erst recht. Man muss nicht zum kleinen Kreis der Auserwählten gehören, um ihrer Faszination zu erliegen. Es reicht, die Bilder anzusehen und sich davon verzaubern zu lassen. Haute Couture bedeutet: Schwelgen. Und nicht: Haben wollen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.07.2009, 15:44 Uhr
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