Kultur
Für Michel Comte sind die tollen Zeiten vorbei
Von René Staubli. Aktualisiert am 23.09.2009 10 Kommentare
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Michel Comte
Das Museum für Gestaltung in Zürich (www.museum-gestaltung.ch) zeigt derzeit die erste umfassende Ausstellung zum Werk des am 19. November 1954 in Zürich geborenen Werbe-, Mode- und Prominentenfotografen Michel Comte. Dieser arbeitete als Restaurator und in der Zürcher Kunstgalerie Bischofberger, ehe er sich der Fotografie zuwandte. Weil ihm die Zeitschrift «annabelle» das Talent absprach, verliess er 1979 die Schweiz, um in Paris und später in New York und Los Angeles Karriere zu machen.
Als seine Entdecker gelten der Modeschöpfer Karl Lagerfeld und der Fotograf Allan Porter. Comte arbeitete für die besten Magazine der Welt, bekam Werbeaufträge von Firmen wie Lancôme, Armani, Dolce & Gabbana, Nestlé, Nike, Revlon, Mercedes-Benz oder Ferrari. Es gibt kaum einen Top-Star aus dem Showbusiness, der in den 80er- und 90er-Jahren nicht vor seiner Kamera gestanden hätte.
Auch seine Fotoreportagen aus Kriegsgebieten sowie seine Landschaftsbilder fanden hohe Anerkennung. Seine Michel Comte Water Foundation finanziert Projekte zur Reinigung von Wasser. Heute lebt Comte in zweiter Ehe mit der Japanerin Ayako Yoshida in Los Angeles. (res)
Die US-Starfotografin Annie Leibovitz (59) hat die Grössen des Showbiz und des Rock 'n' Roll fotografiert. Top-Magazine wie «Rolling Stone» und «Vanity Fair» rissen sich um ihre Bilder. Mittlerweile geht es ihr deutlich schlechter. Um ihren aufwendigen Lebensstil zu finanzieren, musste sie sich 24 Millionen Dollar leihen. Als Sicherheit verpfändete sie das Copyright an ihren Fotos. Nun haben ihr die Geldgeber eine letzte Frist eingeräumt. Wenn sie ihre Schulden nicht innert weniger Wochen bezahlt, verliert sie die Vermarktungsrechte an ihren Bildern.
Der Schweizer Michel Comte (55) ist ebenfalls ein Star, dem das Geld zwischen den Fingern zerrinnt. Vor seiner Kamera standen Miles Davis, Demi Moore, Sylvester Stallone, Tina Turner, George Clooney, Whitney Houston und Sophia Loren. Er machte Werbeaufnahmen für die renommiertesten Firmen und publizierte die Bilder in «Vogue Italia», «Vanity Fair» oder «Harper's Bazaar». Doch die Rechte an den Fotos, die ihn berühmt gemacht haben, gehören ihm längst nicht mehr.
Seine besten Bilder sind noch bis zum 3. Januar im Zürcher Museum für Gestaltung zu sehen. Die Ausstellung könnte laut Direktor Christian Brändle «zur erfolgreichsten Schau des Hauses seit über 50 Jahren» werden; bislang wurden 15'000 Eintrittskarten verkauft. Nur einen scheint dieser Erfolg nicht zu freuen: Comte selber. Als wir ihn kürzlich in der Ausstellung trafen, wirkte er deprimiert. «Ein Starfotograf zu sein, ist das Schlimmste, was es gibt», sagte er, «ich habe keinen emotionalen Bezug mehr zu diesen Bildern, aber ich kann auch nicht vor ihnen weglaufen.» Und: «Wie ich vermarktet werde, ist eine Katastrophe; ich würde die Rechte an meinen Bildern nie mehr hergeben.»
«Ohne Not verkauft keiner»
Der deutsche Privatinvestor Andreas Putsch hat diese Rechte am 31. August 2005 für einen ungenannten Millionenbetrag erworben. Er wertet Comtes Klagen «als natürlichen Konflikt zwischen Künstler und Geschäftsmann». Der Vertrag umfasst praktisch alle Bilder, die Comte zwischen 1979 und 2007 gemacht hat. Putsch wurden die Rechte von Comtes Zürcher Agenten Lucas Albers angeboten; man kannte sich aus der Jugendzeit. Putsch sagt: «Aus Erfahrung glaube ich zu wissen: Ohne Not verkauft kein Starfotograf sein Archiv.» Comte streitet ab, in finanziellen Problemen zu stecken. Es sei ihm in erster Linie darum gegangen, eine professionelle Vermarktung seines Werks sicherzustellen.
Putsch (44) ist Erbe der deutschen Recaro-Gruppe, die Autositze herstellt. In jüngeren Jahren hatte er sich selber als Modefotograf versucht, aber bald seinen Mangel an Talent erkannt. Heute lebt er in Monaco und handelt mit Rennpferden, die er auf seinem Gestüt in Nordfrankreich züchtet. Die Rechte an Comtes Bildern hat er gekauft, «weil ich mir ein Geschäft davon verspreche und weil ich einen Bezug zu seinen Fotografien spüre». Der Schweizer habe «das einmalige Talent, den Menschen in die Seele zu blicken», sie in einem Shooting von nur fünf Minuten Dauer «dazu zu bringen, ihre Seele zu öffnen».
Wie ein moderner Goldgräber
Im Restaurant Bindella an der Zürcher Bahnhofstrasse skizziert Putsch das Geschäftsmodell, das er mit Comtes Bildern verfolgt. Er tönt wie ein moderner Goldgräber, wenn er von «dieser grossartigen Mine» spricht, «die es zu bewirtschaften gilt». Es handle sich um ein «langfristiges Engagement, das viel Geduld erfordert». Die Schürfrechte lassen sich auf mindestens 75 Millionen Dollar hochrechnen. Putsch geht davon aus, dass die Fotos von Comte an Wert zulegen werden: «In den 80er- und 90er-Jahren war er der Starfotograf von ‹Vogue Italia› und machte einzigartige Bilder.»
Während Putsch das Werk in aller Welt vermarktet, muss sich Comte als freischaffender Fotograf und Privatperson neu erfinden. Sein aktuelles Projekt besteht darin, den eigenen Alltag ein Jahr lang in Tausenden von Bildern zu dokumentieren. Er nennt das Vorhaben «From April to April». Wenn er erzählt, wie er seine Frau Ayako fast obsessiv fotografiert und wie er schon bald mit der Kamera ins Meer steigen will, um weisse Haie aus der Nähe ins Bild zu fassen, wirkt er nicht sehr überzeugt. Dennoch spricht Comte «von der bislang schönsten Zeit meines Lebens». Natürlich will er seine besten Fotos auch künftig vermarkten, «aber nicht in grösseren Serien, wie Putsch das nun tut, sondern ausschliesslich als Unikate».
«Rummel um Stars widert mich an»
Den Rückzug ins Private begründet Comte so: «Der heutige Rummel um Stars wie Angelina Jolie und Brad Pitt widert mich an, mit dieser Szene möchte ich nichts mehr zu tun haben.» Tatsache ist indes, dass ihm der Zugang zu diesen Kreisen schwerer fällt als in seinen besten Zeiten: Comte ist drauf und dran, als Modefotograf aus der Champions League abzusteigen.
Während er früher für Weltfirmen fotografierte, teilweise sechsstellige Dollarbeträge für ein Shooting kassierte und ein fester Wert bei «Vogue Italia» war, dem Mass aller Dinge, nimmt er nun auch Werbeaufträge für das Wasserklo von Geberit an, für eine neue Linie von Möbel Pfister, für Trailer von SF DRS oder für eine Ladeneröffnung von Navyboot in Zürich. Dort fotografierte Comte kürzlich im Auftrag von Eigentümer Philippe Gaydoul die geladene Halbprominenz und wirkte dabei wie ein gewöhnlicher Prominentenfotograf einer gewöhnlichen Illustrierten.
Das Gestern interessiert am meisten
Immerhin ist Comte beim Publikum nach wie vor ein Star. Bei einem Podiumsgespräch im Museum für Gestaltung füllte sich der grosse Saal bis auf den hintersten Platz. Obwohl er zu seinen Bildern keinen Bezug mehr haben will, gab Comte geduldig Auskunft zu deren Entstehungsgeschichten. Wie sehr es ihn schmerzte, dass seine aktuellen Projekte nur am Rand interessierten, blieb dabei verborgen.
In der Öffentlichkeit inszeniert sich Comte wie früher auf dem Gipfel seiner Karriere. Er fliegt vorzugsweise 1. Klasse, steigt praktisch nur in Fünfsternehotels ab, macht ungeniert Spesen und mag teure Dienstlimousinen. In Zürich zum Beispiel nächtigte er im Dolder Grand und lud Freunde zum Essen in die Kronenhalle ein. Die saftigen Rechnungen liess er den Ausstellungsmachern schicken. Doch diese lehnten die Bezahlung ab.
Eigenwilliger Realitätssinn
Es gibt noch andere Beispiele für den eigenwilligen Realitätssinn des Fotografen. Als sein berühmtes Aktbild von Carla Bruni im April 2008 in New York für 91'000 Franken versteigert wurde, versprach Comte dem global tätigen Schweizer Trinkwasser-Hilfsprojekt Sodis vollmundig den Erlös, obwohl das Bild gar nicht ihm, sondern einem deutschen Kunstsammler gehörte. Die frohe Botschaft ging durch alle Medien. Sodis hat bis heute keinen Franken erhalten, wie der damalige Projektleiter und heutige Berater Martin Wegelin bestätigt. Da man mit der Spende fest gerechnet hatte, mussten Teilprojekte sistiert werden.
Die Parallelen zwischen Annie Leibovitz und Michel Comte sind nicht zu übersehen. Sie legte den Revolverhelden Clint Eastwood in Fesseln; er zähmte «Rambo» Sylvester Stallone mit Rosenblättern auf den Augen. Sie badete Whoopi Goldberg in Milch; er Sharon Stone in der Wanne. Sie mietete das Schloss von Versailles für ihre teuren Fotosessions. Er logierte und fotografierte über Monate in der Suite 152 des noblen Pariser Hotel Ritz. Diese tollen Zeiten sind nun für beide vorbei. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.09.2009, 08:20 Uhr
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10 Kommentare
silvester stallone mit rosenblätter, ein paar nackte ausschliesslich weibliche modelle der vergangenheit, miles davis, der die trompete wie ein teddybär hält um damit dem künstler so nahe wie möglich zu kommen? was ist so bedeutend an carla bruni nackt? dass sie heute präsidentengattin ist und das nicht mehr darf? kann mir irgend jemand erklären was an dieser fotografie historisch ist? die 80er? Antworten
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