Kultur
Gipfeltreffen der Kunst in rauer Landschaft
Von Feli Schindler. Aktualisiert am 02.08.2009
Hausaltar für San Carlo von Judith Albert. (Bild: Doris Fanconi)
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Bergtüchtige Wanderer sollen sich nicht nur an Bächen, Gletschern und Alpenrosen erfreuen, sondern Schweizer Gegenwartskunst auf der Alp geniessen. Aus diesem Grund hat der SAC mithilfe des Berner Kurators Andreas Fiedler auf fünf Alphütten vom Wallis bis ins Engadin seine 24. Kunstausstellung in den Bergen lanciert.
Unser Ziel an diesem prächtigen Sommertag ist die Etzlihütte (2052 m ü. M.) ob Bristen im Maderanertal. Der Aufstieg erfolgt frühmorgens im Schatten von wilden Felsen, mitten durch blühende Königskerzen und begleitet vom Rauschen des wasserreichen Etzlibachs. Vor dem Einstieg in den Steilhang steht auch schon unverhofft ein Schirmständer mit frisch gepellten Spazierstöcken am Wegrand. Eine Installation des Künstlerduos Andres Lutz und Anders Guggisberg? Weit gefehlt: Das Kässeli ist echt, und die Stöcke können für fünf Franken als Wanderhilfe erworben werden. «Richtige» Kunst erwartet uns erst bei der SAC-Hütte. Denn der Weg ist das Ziel und die Natur bietet Bilder zuhauf: Mutterkühe und Kälber kleben hoch oben auf grünen Matten, der Blick zurück lässt ein winziges Stück Vierwaldstättersee erkennen. Weiter oben büschelt sich ein solarbetriebenes Hüttchen an den Hang. Zwei Tassen, eine Thermoskanne und eine Flasche Schnaps stehen verlassen auf dem Stubentisch. Stillleben auf der Alp.
Seltsamer Wolkenfriedhof
Gletscherwasser schlängelt sich später durch das sattgrüne Gras einer Hochebene. Sonnenstrahlen wärmen endlich die Haut. Eine wuchtige Starkstromleitung schleppt sich über die Bergkuppe und sorgt dafür, dass die Städter nicht vollends der frühmorgendlichen Bergidylle erliegen.
Unter dem weissen Gletscherfeld des Piz Giuv taucht jetzt der Giebel der Etzlihütte auf. Eine schmale, gelbe Fahne mit rot-weisser Spitze flattert im Wind. Sie schaut aus wie ein zerfleddertes Wanderschild – beim Nähertreten lässt sich das bizarre Wort «Wolkenfriedhof» entziffern. Yves Netzhammer, der Biennale-Künstler von 2007, entsorgt an diesem strahlenden Sommertag die Wolken im tiefblauen Himmel. Ein schöner Einfall. Die Flagge mit dem seltsamen Memento erinnert aber auch an die Unberechenbarkeit des Berges. Der erste Hüttenwart hat hier vor hundert Jahren beim Strahlen den Bergtod gefunden. Das Leben hält sich nicht immer an die Wegweiser.
Ebenso behutsam greift der Basler Künstler Markus Schwander in die Landschaft ein, indem er drei Steinskulpturen nach dem Modell zerkauter Kaugummis um die Berghütte platziert. Die schlichten, abstrakten Plastiken verwischen wie Trompe-l`uils bewusst die Grenze zwischen Kunst und Natur.
Wandern steht im Vordergrund
Ob die subtilen Kunstinterventionen überhaupt wahrgenommen werden, wollen wir von der Hüttenwartin beim Verzehr eines chüschtigen Urnerplättli wissen. «Die Leute besuchen die Etzlihütte, weil sie wandern wollen. Wenn sie Freude an der Kunst bekommen, umso besser», meint Rita Sager. Seit Mitte Juni betätigt sich die zierliche Frau nebst Abwasch, Hausputz und Küchendienst als alpine Kunstvermittlerin. Sie verteilt Flyer, weist auf Unbeachtetes hin und muntert zum partizipativen Spiel etwa mit Ariane Epars?Panoramastempel auf. Die Idee, Bergpanoramen auf eine Postkarte zu drücken und in die Welt zu verschicken, spielt auf die beliebte Tradition der Hüttenstempel an. Das stilisierte Abbild von Genfersee, Grand Combin und Dents de Morcles will aber trotz kunsthistorischer Verweise auf Hodler und die Landschaftsmalerei nicht so recht in die archaische Urner Bergwelt passen. «Point de Vue», Ansichtssache, nennt die Künstlerin aus Cully wohlweislich ihre Arbeit.
Lutz/Guggisbergs schwarzweisse Fotoserie «Eindrücke aus dem Landesinnern» hängt als Bilderfries in der Gaststube der Hütte. Mit ihrer Vorliebe für archaische Materialien und Merk-Würdigkeiten fügen sich die beiden originellen Unterländer problemlos in das alpine Kunstkonzept ein. Ob das Gruppenbild mit Ziegen, die schiefen Holzhütten, die schwarzen Raben, der heulende Wolf oder schneebedeckte Klorollen Realität oder Inszenierung sind, muss natürlich nicht schlüssig geklärt werden. Und wer das Obergeschoss der Hütte erkundet, entdeckt ein Büchergestell, das an die legendäre Holzbibliothek der Künstler erinnert. Die Titel «Land der weissen Biber», «Helden der Berge», «Zum Abschuss frei gegeben» könnten dem Ideenrepertoire des Künstlerduos entstammen. La réalité surpasse la fiction.
Versteinerte Tränen
Dass den Bergen Sorge zu tragen ist, wünscht sich schliesslich die Innerschweizer Künstlerin Judith Albert mit einem witzigen Hausaltar für San Carlo, den neu kreierten Schutzpatron der Berge und des ewigen Eises. Seine versteinerten Tränen, die er wegen der Verschandelung der Natur geweint haben soll, bewahrt die Künstlerin in kleinen Zündholzschächtelchen auf. Sie dürfen mitgenommen und gegen Gletscherrückgang und Hochspannungsleitungen an Ort und Stelle deponiert werden. Glaube versetzt Berge – erst recht in dieser rauen, wunderschönen Landschaft.
Bis Mitte Oktober: www.etzlihuette.ch
Kunst in den Bergen mit Roman Signer, Fischli/Weiss u. a. auf den weiteren SAC-Hütten: Cabane du Mont-Fort, Wildstrubelhütte, Capanna Basodino, Chamanna d'Es-cha. Bis Ende September: www.sac-cas.ch
Katalog: «Wanderziel Kunst: Ein- und Aussichten» (Hrsg.: Andreas Fiedler), SAC-Verlag, 39 Fr.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.08.2009, 20:04 Uhr



