Kultur

«Haiti ist so etwas wie unsere Gegenwelt»

Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 18.01.2010 10 Kommentare

Der Schweizer Fotograf Thomas Kern reist seit 12 Jahren regelmässig nach Haiti. Im Gespräch erklärt er, was ihn am Land fasziniert, welche Rolle der Voodoo spielt und wie er die Zukunft nach dem Erdbeben sieht.

1/10 Opferhandlung Plaine du Nord, 2008
Auf der Pilgerfahrt wird eine Kuh geopfert.

   
<b>Thomas Kern</b> arbeitet seit 1989 als Fotoreporter, unter anderem in Kurdistan, im Nahen Osten und im ehemaligen Jugoslawien. Zwei mal wurde er mit dem World Press Award ausgezeichnet.

Thomas Kern arbeitet seit 1989 als Fotoreporter, unter anderem in Kurdistan, im Nahen Osten und im ehemaligen Jugoslawien. Zwei mal wurde er mit dem World Press Award ausgezeichnet.

Erdbeben Haiti

Stichworte

Die Ausstellung

Thomas Kern, Haiti – Die endlose Befreiung, Coalmine Winterthur, 20. Januar bis 31. März.
Alle ausgestellten Bilder können auch online angesehen werden:
www.coalmine-online.ch

Vor 12 Jahren waren Sie im Auftrag der Zeitschrift «Du» zum ersten Mal in Haiti, seither kehrten Sie immer wieder zurück. Was fasziniert Sie so an dem Land?
Mein erster Aufenthalt war ein intensives Erlebnis, sowohl als Fotograf wie auch persönlich. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, was es heisst, weiss zu sein. Haiti ist ein extremer Ort, um dies zu erfahren.

Weshalb?
Das hat mit der Geschichte des Landes zu tun. Das gesellschaftliche Fundament besteht aus einst aus Afrika eingeführten Sklaven. Dazu kommt die enorme Armut. Man ist umgeben von 10'000 oder 50'000 Menschen und ist der einzige Weisse. Das war nie ein Problem – und doch schafft eine solche Situation ein neues Bewusstsein. Was natürlich auch mit der Sprache zu tun hat. Man wird von den Leuten mit «le blanc» oder «mon blanc» angesprochen. Blanc auf kreolisch heisst nicht nur weiss, sondern auch fremd. Das Fremdsein ist entscheidend – Haiti ist so etwas wie unsere Gegenwelt. Alles was bei uns selbstverständlich ist, gibt es dort nicht.

Fühlt man sich wohl, wenn man vor lauter Leuten steht, die mit einem oder zwei Dollar pro Tag auskommen müssen?
Dieses Thema begleitet mich als Fotografen ständig, nicht nur in Haiti. Die einzige Art damit umzugehen, ist die Überzeugung, dass ich etwas mache, was der anderen Seite auch etwas bringt. Im Sinne von Bewusstsein schaffen.

Sind die Leute freundlich mit einem weissen Fotografen?
Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Natürlich hört man auch andere Geschichten, aber ich erlebe das Volk als sehr gastfreundlich.

In jedem Ihrer Bilder scheint man die Sklaven-Vergangenheit des Landes zu spüren. Wie ist das, wenn man dort ist?
Das freut mich, wenn das so rüberkommt. Eigentlich wollte ich nach dem Erdbeben sofort nach Haiti fliegen. Ich hadere noch jetzt, dass ich es nicht geschafft habe. Mein Ziel wäre aber auch da nicht gewesen, Bilder zu schiessen, die am nächsten Tag in die Zeitung kommen, sondern die historische Dimension aufzuzeigen.

Können Sie das erklären?
Was jetzt passiert, hat viel mit der Geschichte zu tun. Wie diese Tragödie bewältigt wird, sagt einiges darüber aus, was das Land ist, woher es kommt, wie es funktioniert oder auch nicht funktioniert. Das würde ich gerne festhalten. Denn der jetzige Medienhype wird nicht so lange andauern. Zudem wissen die meisten Berichterstatter kaum etwas über das Land, vielen geht es vor allem darum, Vorurteile zu bestätigen, das verkauft sich gut.

Zum Beispiel?
Typischerweise sind die Medien jetzt schon voll mit Geschichten über Gewalt und Aufständen. Hier wird ein Bild vom Wilden, von einer dunklen Welt transportiert. Das hat weniger mit Verstehen zu tun, als mit Projektion. Was nicht beschönigen soll, dass die Zustände dort zurzeit katastrophal sind und keine Struktur besteht, wie ein Wiederaufbau funktionieren könnte.

Hatten Sie seit dem Erdbeben Kontakt mit Haitianern?
Nein, ich habe bisher tunlichst vermieden, mich da einzuschalten. Aber von einigen Bekannten habe ich gehört, wie es ihnen geht.

Was auf uns Westler eine gewisse Faszination ausübt, ist der Voodoo-Kult. Welche Rolle spielt der im täglichen Leben?
Das Thema habe ich lange vermieden. Erst bei meiner letzten Reise habe ich mich explizit fotografisch damit beschäftigt. Voodoo ist enorm wichtig für die haitianische Gesellschaft, der Alltag ist damit durchdrungen, wobei mir noch immer vieles rätselhaft ist. Die uns bekannten Zeremonien mit Hühnerblut und Leuten, die die Augen verdrehen und zusammenklappen, sind zwar auch Voodoo, aber nur ein kleiner Teil davon. Oft manifestiert sich der Kult bei ganz kleinen Sachen im Alltag, das interessiert mich viel mehr als spektakuläre Riten. Zum Beispiel das Verhältnis zum Geld. In Haiti wird überall auf der Strasse gespielt. Wie das vor sich geht, hat viel mit Voodoo zu tun.

Äusserst eindrücklich sind Ihre Bilder von Pilgerreisen, die fast wie aus biblischen Zeiten erscheinen. Können Sie etwas dazu sagen?
Die Pilgerfahrt hat eine grosse Bedeutung. Das Baden im Sodo hat etwas sehr Sinnliches, im Dorf wird währenddem gefeiert, fast wie an einer Kirmes. Die Stimmung ist ausgelassen, wie Ferien.

Wie geht es nun weiter mit dem Land? Sehen Sie Hoffnung auf eine bessere Zukunft?
Ich glaube nicht, dass man diesbezüglich etwas sagen kann. Seit Jahren versuchen die Uno und Hilfswerke etwas Nachhaltiges hinzukriegen und scheitern immer wieder an der Realität. Diese Bemühungen sind nun erst recht gestoppt. In den nächsten Jahren wird man sich auf Nothilfe konzentrieren müssen. Zu einer koordinierten Renaissance Haitis wird dies kaum führen.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.01.2010, 15:51 Uhr

10

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

10 Kommentare

Ronnie König

18.01.2010, 13:51 Uhr
Melden

Die Menschen richten meist ihr Leben und Alltag so ein wie sie es sehen. Darum können wir nur bedingt helfen. Manchmal ist keine Hilfe auch Hilfe. Nur bei diesem Erdbeben braucht es jetzt Hilfe zum Überleben. Nachher wird die Hilfe wieder eher zu einer Hypothek. Antworten


Liselotte Weber

18.01.2010, 14:39 Uhr
Melden

entsetzlich was der zumeist armen bevölkerung haiti's nun wieder zugestossen ist. ist man nie selbst in einer vergleichbaren lage gewesen kann man sich nicht vorstellen was dies real bedeutet. Überall werden nun spenden gesammelt, namhafte personen setzen sich für sammlungen ein - von seiten des vatikans hört man garnichts und dies wo doch der hauptanteil der bevölkerung katholisch ist! Antworten




Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!