Kultur

Hinter den Kulissen der Fotografie

Von Annemarie Montell. Aktualisiert am 20.12.2011 1 Kommentar

Was steckt hinter jenen Fotografien, die seit Jahrzehnten unser Bild der Welt mitprägen? Ein opulenter Bildband gibt Einblick in die Arbeit der Magnum-Fotografen – und zeigt Weltgeschichte: eine Sensation.

1/3 Russland und die Raumfahrt: Dorfbewohner sammeln Altmetall von einer abgestürzten Raumkapsel – während tausende weisse Schmetterlinge sie umtanzen.
Bild: Jonas Bendiksen / Magnum Photos

   

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Das Bild ging um die Welt: Richard Nixon, 1959 US-Vizepräsident, legt drohend den Zeigefinger auf die Brust des sowjetischen Premierministers Nikita Chruschtschow und liest dem verstockt Dreinschauenden die Leviten. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges wurde die Fotografie zum Wahlschlager. Wie kam sie zustande?

Die legendäre Aufnahme von Elliott Erwitt hat, zusammen mit den besten Arbeiten der besten Reportagefotografen ihrer Zeit, Eingang in die Publikation «Magnum. Contact Sheets» gefunden. Alle 69 Fotografen waren oder sind Mitglieder der berühmten Agentur, die 1947 gegründet wurde, um den Fotografen Copyright, Bildauswahl und Auftragsbedingungen gegenüber der Presse zu gewährleisten. Dieser Adelsschlag «Magnum» stellte aber auch hohe Anforderungen an ästhetische und ethische Verantwortung.

Das Lama im Taxi

Allein schon die Begegnung mit den hochkarätigen Bildern aus siebzig Jahren ist ein Gewinn. Was dazukommt, sind Entdeckungen, spannend wie Krimis. Den berühmten Aufnahmen nämlich wurde jeweils das intimste Arbeitsmaterial des Fotografen gegenübergestellt: der Kontaktbogen. Aus mehreren Dutzend kleinformatiger Negative – im Buch in Originalgrösse gut sichtbar gedruckt – wählt der Fotograf das eine Bild, das er zeigen will. Im eingangs erwähnten Beispiel von Elliott Erwitt zeigen 35 kleinformatige Aufnahmen die beiden Staatsmänner, wie sie bei der Eröffnung der US-Handels- und Kulturmesse in Moskau freundschaftlich zusammen plaudern – bis zu diesem kurzen, heftigen Wortwechsel: Diplomatie in Reinkultur, auch der Fotoauswahl.

Für den Magnum-Gründer Henri Cartier-Bresson «ähnelt der Kontaktbogen den Fallbeispielen eines Psychoanalytikers». Also nichts für die Öffentlichkeit! Jetzt aber erhält der Laie Einblick ins Private, er tastet den persönlichen Entscheiden nach, er entdeckt, was der Fotograf unterschlägt, wo und wie geschnitten wurde.

Die digitale Fotografie hat andere Bedingungen

Zur Einzigartigkeit der durchwegs analogen Fotografien gehört, dass der Blick hinter die Kulissen so nicht mehr möglich ist: Die digitale Fotografie hat andere Bedingungen – und andere Folgen. Wenn etwa ein freundliches Lama-Gesicht aus dem Fenster eines Taxis ragt, denkt man heute an digitale Manipulation. Der Kontaktbogen von Inge Morath indes belegt die sorgsame Annäherung an das Lama namens Linda und seine Trainerin, 1957, mitten auf dem Broadway. Harte Fotografenarbeit für eine charmante Leichtigkeit. Magnum-Fotografen haben oft einen subtilen Humor.

Viele begeben sich auch in gefahrvolle Situationen, ihre Bilder sind Zeitzeugen: Am 30. Januar 1972 fotografierte Gilles Peress in Nordirland eine Demonstration katholischer Aktivisten, als diese plötzlich von englischen Fallschirmjägern beschossen wurde; es gab viele Tote. England behauptete damals, die Aktivisten seien bewaffnet gewesen. Der Kontaktbogen war die Grundlage für das Gerichtsurteil des «Bloody Sunday»: Kein Aktivist trug Waffen.

Contact Sheets als Wahrheitsbeleg – diese Unschuld wird im digitalen Zeitalter fraglich. Die gezeigten Kontaktbögen erlauben einen Schritt ins Leben und Denken der Fotografen. Er wird gestützt durch Texte. Meist reden die Fotografen selbst, diese klugen, nachdenklichen, oft verschwiegenen Zeitgenossen.

Mord und Totschlag verlangt

So erzählt Gilles Peress, wie er bei der Nordirland-Reportage um wenige Zentimeter von einem Schuss verfehlt worden sei, wie er vor dem tot daliegenden Freund «geweint und fotografiert» habe – gut fotografiert. Und er bekennt: «Es ist immer die gleiche Crux: Was du auch tust, es ist verkehrt.»

Leonard Freeds Auftrag lautete: Gewalt. Der Fotograf versteht darunter urbane Betonwüsten und Luftverschmutzung, fotografiert geschlossene Fenster, baumlose Städte. Die Redaktion telegrafiert: «Tolle Story, aber wir brauchen Mord und Totschlag.» Also zieht er von neuem los, fotografiert über 50 Mordfälle – und erntet grossen Applaus.

Und noch ein Beispiel: Marc Riboud, ehemaliger Résistancekämpfer, fotografiert Klaus Barbie, den «Schlächter von Lyon», beim Prozess. Sein Erschrecken kommt beim Entwickeln: «Abends im Labor entdecke ich auf dem Kontaktbogen die respektvollen Blicke, die sich auf den Angeklagten richten, als habe man einen Star vor sich.» Auch das wird bleiben.

Bei aller Objektivität des Objektivs

Die Erzählungen der Fotografen sind eine Fundgrube. Man erfährt vieles über ihr Berufsverständnis, über Mut, Bedenken, Respekt vor der Würde des Menschen. Die Kontaktbögen verraten, dass bei aller Objektivität des Objektivs das Resultat durch die subjektive Sicht des Fotografen und seine Auswahl gesteuert ist. Von hohem Interesse sind die Erfahrungen mit der analogen Technik: Alles gehe zwar langsamer und etwas mühevoller als bei den raschen, flexiblen digitalen Aufnahmen. Das Einlegen eines Films aber gibt Atem- und Denkpausen, und das Nichtwissen, «was im Kasten ist, bis zum Entwickeln», diktiert einen reflektierteren Umgang mit dem Motiv. Nicht zu übersehen ist ausserdem die Macht der Schwarzweissfotografie: Aus ihrer Magie entstanden die Ikonen der neuen Menschheitsgeschichte.

Noch nie wurde so viel fotografiert wie heute. Nie wurde der Kunstmarkt derart überschwemmt. Die kritische Begleitung geht nicht parallel zur rasanten Entwicklung. Die Magnum-Publikation gibt Stoff zum Schauen, Nachdenken, Diskutieren. Die Bilder schildern, korrigieren Geschichten und Geschichte des Menschseins heute. Ein spannendes, ein schönes, ein wichtiges Buch.

Magnum Contact Sheets / Kontaktbögen, Hrsg. Kirsten Lubben, 508 S., 435 Abb., Schirmer/Mosel-Verlag, ca. 139 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2011, 16:06 Uhr

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1 Kommentar

Michael Przewrocki

21.12.2011, 06:56 Uhr
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Das Schlimmste am Fotografenleben ist, wenn die Kamera nicht da war oder "der" Schuss verpasst wurde. "Fotografie ist Lücke zwischen Kunst und Leben"-Robert Rauschenberg Antworten




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