Kultur
«Ich begreife die Dinge durch meine Augen»
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 08.04.2011 1 Kommentar
Ausstellung
Die Ausstellung findet im Museum für Gestaltung in Zürich statt und dauert bis zum 24. Juli. Öffnungszeiten: Di-So 10-16 Uhr, Mi bis 20 Uhr, Mo geschlossen.
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
«Ich erinnere mich an den Tag, wo ich ihn bei der Arbeit in einer Strasse von New Orleans beobachten konnte, er tanzte die Strasse entlang wie eine aufgeschreckte Libelle, drei grosse Leicas schaukelten an ihren Riemen um seinen Hals, die vierte klebte am Auge.» Dies schreibt der junge Truman Capote, nachdem Henri Cartier-Bresson auf seiner dreimonatigen Reise durch die USA bei ihm haltmachte.
1946 hatte der französische Starfotograf von dem Modemagazin «Harper’s Bazaar» den Auftrag bekommen, Aufnahmen und Porträts von bedeutenden Dichtern, Künstlern und Architekten zu machen. Das düstere, pessimistische Bild, das er von den Vereinigten Staaten zeichnete, passte dem Verlag allerdings nicht. Erst 1991 erschien die Publikation, die wie der Band «The Americans» von Robert Frank für Furore sorgte.
Unerträgliche Bilder vom Krieg
Das Porträt des schlanken, blutjungen Capote mit dem Engelsgesicht ist eines von 300 Bildern, die ab heute im Museum für Gestaltung Zürich zu sehen sind – just an dem Ort, wo 1956 die letzte umfassende Cartier-Bresson-Ausstellung in der Schweiz gezeigt wurde. Die Schau, die sich chronologisch an der Vita des Fotografen ausrichtet, zeigt auch seine Filme, von denen insbesondere «Le Retour» interessant ist.
Henri Cartier-Bresson, selbst drei Jahre in deutscher Gefangenschaft, filmt in langen Einstellungen die Heimkehr der Kriegsgefangenen nach dem Zweiten Weltkrieg: Soldaten, die sich von der jahrelangen totalen Erschöpfung nicht mehr erholen, KZ-Insassen in Dachau, deren zittrige Hände durch den Stacheldraht greifen, um Blechnäpfe mit Essen entgegenzunehmen – Gesichter, die fast unerträglich lang in die Kamera schauen und stumm ihr Leid kundtun. Auf einer Holzbrücke zieht ein schier endloser Menschenstrom Richtung Osten (auf einem Plakat grüsst Stalin), ein anderer Richtung Westen – ein schmaler Fluss bildet die Trennlinie zwischen Unfreiheit und Freiheit.
Abkürzung des Denkens
Henri Cartier-Bresson wirkt kühler, distanzierter, auch intellektueller als seine Schweizer «Magnum»-Kollegen René Burri oder Werner Bischof. «Die fotografische Sprache ist eine Abkürzung des Denkens», schreibt er im Vorwort seines 1952 erschienenen Buchs «Images à la sauvette». Inspiriert unter anderem von dem ungarischen Fotografen André Kertész, dem das Fotomuseum Winterthur zurzeit ebenfalls eine sehenswerte Ausstellung widmet, legt der aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammende HCB Wert auf strenge Linienführung und Distanz zu seinen Objekten. «In der Bibel steht ‹Am Anfang war das Wort›, für mich heisst es ‹Am Anfang war die Geometrie›.»
Platons Sentenz, «es trete niemand hier ein, der nicht der Geometrie kundig ist», lässt sich auf die Fotografie von Henri Cartier-Bresson übertragen. Wer sich im Museum für Gestaltung die Mühe macht, von den in Szene gesetzten Motiven zu abstrahieren, um sich dem streng geometrischen Bildaufbau zuzuwenden, wird den Künstler neu entdecken. «Für mich ist die Fotografie die Anerkennung eines Rhythmus von Flächen, Linien und Tonwerten.» Ein ideales Bild vereine Form und Gefühl, und Gefühl «finde ich nur in Schwarzweiss».
Immer dabei: die Leica
Wie die anderen «Magnum»-Fotografen ist Henri Cartier-Bresson dauernd unterwegs mit seiner Leica, der «Verlängerung meines Auges». Ausser Australien bereist er alle Kontinente – meistens dann, wenn es zu gesellschaftspolitischen Umbrüchen kommt. Kaum hat er Gandhi getroffen, wird der charismatische Führer von einem Hindu-Fanatiker ermordet. Seine Bilder von der Bestattung gehen um die Welt. HCB ist auch dabei, als in China die Kommunisten die Macht übernehmen. Und er ist der erste westliche Fotograf, der nach Stalins Tod in die Sowjetunion reist.
Zeitschriften wie «Life», «Vu» oder «Du» publizieren seine mehrseitigen Bildreportagen. Die Ausstellung zeigt auch zahlreiche weniger bekannte Bilder aus Mexiko, den USA, Bali/Indonesien, Indien, China, der UdSSR und Afrika. «Weil ich ein Abenteurer bin, hatte ich genug von Europa. So bin ich aufgebrochen wie Célines Bardamu, mit Rimbaud, Lautréamont und Cendrars’ ‹Anthologie nègre› unter dem Arm. Das Afrika, das ich kennen gelernt habe, entspricht Wort für Wort der ‹Reise ans Ende der Nacht›.» Dieser von der Schrift und dem Intellekt geleitete Blick findet sich in den Bildern. Fotografien der Nachdenklichkeit sind es, nicht der Spontaneität. «Ich bin ein visueller Typ, ich beobachte, beobachte, beobachte. Ich begreife die Dinge durch meine Augen», sagte er von sich selbst.
Auch sein viel zitierter Ausspruch vom entscheidenden Augenblick ist, wie Museumsdirektor Christian Brändle an der Vernissage ausführte, eine Frage nachträglicher Bearbeitung. Liegen genügend Negative vor, müssen bloss die weniger dezisiven Momente entfernt werden. Entscheidend ist die Auswahl, nicht der Augenblick. Das Thema, wie seine Fotografien in den Massenmedien bearbeitet wurden, ist ebenfalls Teil der Ausstellung (damit die Bildredaktoren seine Arbeiten nicht beschneiden konnten, versah HCB seine Arbeiten mit einem schwarzen Rand).
Ein bisschen länger als beim Zahnarzt
Das Porträt bezeichnete HCB als Königsdisziplin der Fotografie. Es sei extrem schwierig, ein gutes Porträt zu machen. «Es ist ein Fragezeichen, das man auf jemanden richtet.» Fragte ihn jemand, den er porträtieren wollte, wie lange die Sitzung wohl dauern würde, antwortete er: «Ein bisschen länger als beim Zahnarzt und ein bisschen kürzer als beim Psychiater.» Einer verkrampften Person müsse man bloss sagen, «so, das war jetzt die letzte Aufnahme» – nur um danach schnell auf den Auslöser zu drücken; dann sei die Entspannung der Person ins Gesicht geschrieben.
Allein den Schalk in den Augen von HCB bei der Schilderung dieses Bubentricks zu sehen, macht das Filmporträt Heinz Bütlers, das an der Schau läuft, wertvoll. Zum ersten Mal in der Schweiz sind auch Faksimiles des sogenannten Scrapbook zu sehen: Auf Papier, das er vom Museum of Modern Art nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhält, macht er mehrere Hundert Abzüge seiner neuen Arbeiten. In New York, wo man eine Ausstellung zu seinem Werk plant, klebt er diese Abzüge in ein Skizzenbuch, das später als Scrapbook berühmt werden sollte. Auch bei diesen Fotos sieht man, wie HCB auf der Suche nach der perfekten Aufnahme ist. Auch wenn man hier die Nähe zum Film erkennen kann, ist die Differenz, die Cartier-Bresson einmal beschrieb, doch bemerkenswert: «Fotografieren ist für mich wie Zeichnen. Einen Film zu drehen ist dagegen so, als würde man eine Rede halten.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.04.2011, 08:04 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
1 Kommentar
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Bitte warten







