Kultur

Mit Mut zur Lücke

Reinhart Morscher durchbrach gern die Normen. In Basel wird das Werk des Graphic Designers nun erstmals in der Schweiz mit einer Ausstellung gewürdigt.

1/6 Am Limit lenkt der Zufall
Kampagne für Verkehrssicherheit (1992)
Plakat von Reinhart Morscher

   

Ausstellung

«Gestaltung: Reinhart Morscher», im Ausstellungsraum der Schule für Gestaltung, auf der Lyss, Spalenvorstadt 2. Bis 25. September. Dienstag bis Freitag, 12-18 Uhr, Samstag 12-17 Uhr

Reinhart Morscher (1938–2004) liebte die Sprache. Der Grafiker schuf Plakate, die wir Klassiker nennen. Die Etikette fürs Elmer Citro etwa, gekrönt von einem Gebirgszug. Für Morscher selbst ein Etikett zu finden, gestaltet sich nicht einfach. Grafiker war er, Gestalter, Künstler, Dozent, FC-Basel-Fan, Schiedsrichter. «Am Limit lenkt der Zufall», steht auf einem der bekanntesten Plakate des Österreichers, der fast sein ganzes Leben in Basel und Bern verbrachte.

Von Österreich ans Rheinknie

Im Alter von 18 Jahren war Morscher aus dem vorarlbergischen Bludenz nach Basel gekommen. An der Allgemeinen Gewerbeschule liess er sich zum Grafiker ausbilden. Nebenbei studierte er Philosophie und Kunstgeschichte. 1968 trat er in die Basler Werbeagentur Jean Reiwald ein. Nach zwölf Jahren am Rheinknie zog es ihn schliesslich nach Bern, zur Werbeagentur Hablützel & Jaquet.

Dort machte sich Morscher 1973 selbstständig - in den «Arbeitsgebieten Graphic Design, Sprache und Malerei», wie er selber sagte. 1980 dann kehrte er zumindest teilweise nach Basel zurück, um bis 1998 an der Schule für Gestaltung zu unterrichten. Nicht in «Visueller Kommunikation», wie man hätte erwarten dürfen, sondern in «Verbaler Kommunikation». Die Bezeichnung seiner Kurse zeigt, wo sein Interesse lag: Morscher genoss Sprachexperimente. Er liebte Ernst Jandl und dessen experimentelle Lyrik.

Bedeutungsvolle Löcher

Die Gestaltung eines Plakates war für Morscher niemals nur ein grafisches Problem, sondern immer auch ein sprachliches. Als er ein Knabe war, schickte sein Vater ihm Briefe aus der Kriegsgefangenschaft. Von der Zensur waren Wörter mit dem Skalpell herausgeschnitten worden; in den Blättern prangten Löcher, die den getilgten Wörtern erst ihre Bedeutung verliehen. Morscher lernte: Leerstellen machen nicht unsichtbar, sondern heben hervor. Jahrzehnte später wandte er dies in seinen Arbeiten an. Er sparte an den richtigen Stellen. Im Schriftzug des Lichtlabors Bartenbach liess er das untere Teil des «i» weg und schaffte dadurch einen sichtbaren Lichtfleck.

«Eingriffe» nannte Morscher diese grafische Spielart. Die Frage nach dem richtigen Eingriff galt es täglich zu lösen. Und Morscher liess sich nie in eine Schublade pressen. Er entwickelte beharrlich eine eigene, unverkennbare Bildsprache, die trotzdem immer wieder aufs Neue überraschte. Niemals setzte er sich zur Ruhe. Reinhart Morscher starb am 21. Mai 2004 unerwartet im Alter von 66 Jahren an einem Herzinfarkt, im Intercity-Zug auf der Fahrt von Bern nach St. Gallen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.09.2010, 15:46 Uhr

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