«Mr. Gershwin, Musik ist Musik!»

Neutöner streben nicht nur nach dem Unerhörten. Sie sehnen sich nach dem grossen Publikum - und erreichen es auch oft. Das zeigt Alex Ross in seiner grossartigen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Das Gershwin-Musical «West Side Story» 2008 in Zürich.

Das Gershwin-Musical «West Side Story» 2008 in Zürich.
Bild: Keystone

Das Buch

Alex Ross: The Rest Is Noise. Das 20. Jahrhundert hören. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Piper, München 2009. 702 S., ca. 50 Fr.


www.therestisnoise.com

Das breite Klassikpublikum hört Bach, Beethoven, Brahms; moderne E-Musik ist eine Sache für Spezialisten. So die landläufige Ansicht. Der amerikanische Musikjournalist Alex Ross hält dagegen: Das muss nicht so sein, und es ist auch nicht so. Die Musik des 20. Jahrhunderts ist viel reicher, als man denkt - wenn man die ideologische Brille absetzt.

Durch diese Brille betrachtet, musste die Kompositionsgeschichte ihren strengen Lauf nehmen: von der Spätromantik durch die «Emanzipation der Dissonanz» zur Atonalität, zur Zwölftontechnik und zum Serialismus. Wer so denkt, glaubt erstens an den Fortschritt in der Musik und zweitens an ihre vollkommene Autonomie, daran, dass sie nur ihren eigenen Gesetzen gehorcht, ohne Rücksicht auf den Weltenlauf, aber auch auf ihr Publikum. «Wenn es Kunst ist, ist es nicht für alle; und wenn es für alle ist, ist es keine Kunst», zitiert Ross Arnold Schönberg, den Erfinder der «Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen».

Die Gegenposition lässt Ross ausgerechnet von Alban Berg formulieren, einem Schönberg-Schüler. Als der 1928 von George Gershwin Besuch erhielt, der damals schon enorm erfolgreich war, aber an dem Wert seiner Werke zweifelte, sah ihn Berg streng an und sagte: «Mr Gershwin, Musik ist Musik.»

Gegen die «Geschmackspolitik»

Mit diesem Satz attackiert Alex Ross Ideologen und «Geschmackspolitiker», die nur akzeptieren, was dem «Stand des Materials» (Adorno) entspricht. Ein Lieblingsfeind der «Fortschrittler» war der Finne Jean Sibelius, über den Adorno einen vernichtenden Aufsatz verfasste und den der einflussrei- che Theoretiker René Leibovitz als «schlechtesten Komponisten der Welt» bezeichnete. Ross aber widmet Sibelius, der «Erscheinung aus den Wäldern», ein ganzes Kapitel, eines von nur zwei monografischen seines Buches (das andere gilt Benjamin Britten). Er schildert sein verzweifeltes Ringen mit den eigenen Ansprüchen, die Integration volksmusikalischen Erbes, die Versuche, die Natur in Töne zu fassen - vor Studenten hielt er einmal einen Vortrag über die Obertöne einer Wiese!

Sibelius gehört - wie auch etwa Janáek oder Bartók - zu dem, was Milan Kundera die «antimoderne Moderne» genannt hat und sich vor allem in den «kleinen Nationen» findet. Für Ross bilden sie einen «integralen Bestandteil des musikalischen Jahrhunderts», was sich auch in ihrer Anerkennung durch jüngere Kollegen äussert. So wird Sibelius heute von Komponisten wie Wolfgang Rihm, Gerard Grisey oder Thomas Adès als Vorbild genannt. Und als der grosse Avantgardist Morton Feldman bei den gnadenlos progressiven Darmstädter Ferienkursen für Musik auftrat, summte er Sibelius’ Fünfte Sinfonie.

Es sind solche Begegnungen, reale wie die von Berg und Gershwin oder künstlerische wie die von Sibelius und Feldman, die Alex Ross’ Buch lebendig machen. Für ihn ist Musikgeschichte keine sterile, immanente Angelegenheit, sondern etwas, das sich in Kontakten und Konflikten vollzieht und nicht unabhängig von der Aussenwelt.

Zugriff von Hitler und Stalin

Zwei grosse Kapitel gelten etwa der politischen Vereinnahmung der Musik durch das Hitler- und das Stalin-Regime. Aber auch die amerikanische Regierung griff immer wieder aktiv in das künstlerische Geschehen ein. Die Darmstädter Ferienkurse, Hochburg der Serialisten, war eine Gründung der US-Militärregierung, eine Reeducation-Massnahme. Die CIA finanzierte 1952 ein grosses Avantgardefestival in Paris: Kunst als Teil des Kalten Kriegs. Dabei wurde auch Strawinskys «Oedipus Rex» aufgeführt - und ausgebuht, weil es dem Publikum nicht radikal genug erschien!

Vor allem aber förderten die Amerikaner die Kunst im eigenen Land. Als Teil des New Deal entstand 1935 das Federal Music Project, das in seinen besten Zeiten 16 000 Musiker unterstützte, 125 Orchester betrieb, 135 Kapellen, 32 Chor- und Opernensembles. Es gab Bildungsprogramme für die Massen und billige Operntickets. Die Herrlichkeit dauerte allerdings nicht lange, 1939 wurde das Projekt beendet, auch wegen der Angst, kommunistische Strömungen zu unterstützen.

Ganz abwegig war das nicht; Moskau förderte gezielt linksorientierte Künstler und die Bildung einer «Popular Front» in den USA. Ross nennt hier den Fall der Komponistin Ruth Crawford, die Volkslieder sammelte, aber auch «einige der komplexesten und grossartigsten Musikstücke ihrer Zeit» schrieb. Ihre Begabung ging durch ihren autoritären Mann zugrunde. Sie ist ein Beispiel für die zahlreichen Entdeckungen, die man in diesem Buch machen - und dank einer hervorragenden Website auch tatsächlich hören und überprüfen kann. Hier spielen Buch und Internet einmal auf perfekte Weise zusammen.

«Musik für alle» heisst dieses Kapitel und benennt damit die geheime Sehnsucht vor allem amerikanischer Komponisten. Eine Sehnsucht, die sich oft genug erfüllte. Denn gerade in den USA gelang es immer wieder, einen «Dritten Weg» zwischen verkopfter Avantgarde und wertloser Trivialmusik zu finden. Es gelang mit George Gershwin, mit Aaron Copland, mit Leonard Bernstein: Sie alle schrieben Musik von hoher Qualität, von unbestreitbarer Modernität, die aber auch ein breites Publikum anspricht.

Wilde Experimente

Dass dies nicht nur Amerikaner können, zeigt Ross mit Kurt Weill, dessen «Dreigroschenoper» von Anfang an ein Renner war und bis heute ist. Die Zwanzigerjahre waren überhaupt eine ungeheuer fruchtbare Zeit. Nach dem Schock des Ersten Weltkrieges wurde wild experimentiert; man öffnete sich gegenüber dem Jazz, der Volksmusik, der Politik, der Technik und ihren Geräuschen, und was immer herauskam, war interessant, hörens- und bedenkenswert.

Wie hält es Alex Ross mit der U-Musik? Sie steht nicht im Zentrum seiner Betrachtung - zu Recht, denn ihre Berücksichtigung hätte den Rahmen seines Werkes endgültig gesprengt. Aber sie ist präsent - als ständige Versuchung, als nagender Vorwurf, aber auch als Einflussgeber und -nehmer. Viele Jazz- und Popmusiker haben eine klassische Ausbildung, manche haben sogar die Zwölftontechnik studiert. Und so wie sich ein Morton Feldman von John Coltranes Jazz anregen liess, so nahm die Popgruppe Velvet Underground Verfahren der Minimal Music auf, und auch Brian Eno und David Bowie gehörten zu den Fans von John Cage, La Monte Young oder Philip Glass.

Das musikalische 20. Jahrhundert, so das Fazit einer faszinierenden Lektüre, war kein enges Labor von publikumsfeindlichen Spinnern. Es war weit und vielfältig. Bei Alex Ross erscheint es als eine gigantische Werkstatt mit vielen Räumen, in denen gesungen und gefiedelt, mit Tonbandschlaufen oder Sinustönen gearbeitet wird, in denen man sich aber auch gegenseitig besucht, zitiert, bekämpft und bestiehlt. Die meisten der Handwerker wollen, dass man ihnen zuhört - und oft lohnt es sich auch. Davon kann sich jeder Leser beim Besuch der Website überzeugen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2009, 08:34 Uhr

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