New Yorks Moma kuscht vor Kim

Das berühmte Museum nimmt einen Dokfilm über den Alltag in Nordkorea aus dem Programm. Aus Angst.

Der Dokumentarfilm «Under the Sun» erzählt von dem Leben einer Vorzeigefamilie in Nordkoreas Hauptstadt Pyongyang.


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«Under the Sun» ist ein russischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2015, der von Nordkorea handelt. Im begleitenden Presseheft heisst es sarkastisch: «Dies ist ein Film über das ideale Leben in einem idealen Land. Und darüber, wie neue, ideale Menschen Teil dieser perfekten Welt werden ... Wir sehen ein Mädchen in einer idealen Schule, die Tochter idealer Eltern, die in einer idealen Fabrik arbeiten und in einer idealen Wohnung im Zentrum der Hauptstadt von Nordkorea leben.»

Es scheint sich bei «Under the Sun» um einen gelungenen Dokumentarfilm zu handeln, jedenfalls ist er mit Erfolg auf Festivals in Leipzig, Helsinki und Luxemburg gezeigt worden. Und nun sollte er eigentlich im Rahmen einer zwei Wochen langen Dokumentarfilmreihe im Museum of Modern Art (Moma) in New York laufen. Aber dann kam etwas dazwischen.

In einer Serie von E-Mails äussert eine Mitarbeiterin des Museums die Sorge, dieser Film könnte eventuell problematisch sein: «Ich wollte sichergehen, dass es gegen diesen Film keine heftigen Reaktionen aus Nordkorea geben würde.» In Zeitungsartikeln wollte die Mitarbeiterin Hinweise auf gewisse Diskussionen gefunden haben, so ganz verstehe sie die Sache noch nicht. Aber: «Wir müssen dies sehr sorgfältig prüfen, ehe wir uns darauf festlegen, diesen Film im Programm zu belassen.» In einer weiteren E-Mail fasst die Mitarbeiterin das Ergebnis ihrer Recherche zusammen: In einem Internetbeitrag hätten Blogger «Under the Sun» mit der Hollywood-Komödie «The Interview» verglichen, die bekanntlich der Anlass für einen Angriff nordkoreanischer Hacker auf die Vereinigten Staaten war. Allerdings sei «Under the Sun» wesentlich weniger «beleidigend» für Nordkorea, als es seinerzeit der Hollywood-Film war.

Uff! denkt der Leser erleichtert. Allerdings kommt in der folgenden E-Mail der Museumsmitarbeiterin dann gleich die schlechte Nachricht: Die Fristen für die Prüfung des Dokumentarfilms seien abgelaufen, «Under the Sun» könne deshalb im Museum of Modern Art nicht gezeigt werden.

Nun halt Pilgerreise

Fassen wir kurz zusammen, was hier passiert ist: Eines der renommiertesten amerikanischen Museen verzichtet darauf, einen Dokumentarfilm zu zeigen, weil es befürchtet, damit einem widerwärtigen diktatorischen Regime auf die Füsse zu treten. Jenes Regime musste sich gar nicht erst beschweren oder drohen: Die blosse Furcht genügte.

Es ist ein wenig unfassbar. Bei der Wasserstoffbombe, die Nordkorea neulich getestet haben will, soll es sich nach Meinung von Experten bestenfalls um eine stinknormale Atombombe gehandelt haben – die seismischen Erschütterungen seien für einen richtig grossen Knall nicht dramatisch genug gewesen. Aber sie reichten offenbar aus, dass den Angestellten des Museum of Modern Art die Knie zitterten.

Wenn das so weitergeht, werden wir in New York bald nur noch liebliche Dinge über Kopfabschneider, Vergewaltiger, KZ-Wärter und andere totalitäre Grossverbrecher zu hören bekommen; erinnern wir an jene Mitglieder des amerikanischen Pen-Clubs, die den Opfern von «Charlie Hebdo» postum bescheinigten, sie seien üble Rassisten gewesen. Das Moma wird nun anstelle von «Under the Sun» übrigens einen Dokumentarfilm mit dem Titel «Paths of the Soul» zeigen. Er handelt von einer spirituellen Pilgerreise in Tibet und trägt das offizielle Siegel des chinesischen Propagandaministeriums.

Dieser Artikel erschien zuerst in der «Welt». (baz.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.02.2016, 12:41 Uhr)

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