Kultur

Nun folgt der letzte Akt im Pissarro-Raubkunstfall

Das Gemälde hing in einem Wiener Haus. Dann raubte es die Gestapo. Nach langem Suchen fand es seine wahre Besitzerin in Zürich. Jetzt wird das Bild versteigert.

Opfer der Wirren: Camille Pissarros «Le Quai Malaquais et l’Institut», 1903.

Opfer der Wirren: Camille Pissarros «Le Quai Malaquais et l’Institut», 1903.
Bild: PD

Am 23. Juni wird in den Räumen des Auktionshauses Christie’s an der Londoner King Street ein Gemälde versteigert, das eigentlich weit mehr ist als ein Gemälde: nämlich ein Stück Geschichte. «Le Quai Malaquais et l’Institut» des Impressionisten Camille Pissarro ist Gegenstand eines der spektakulärsten Raubkunstfälle.

Ende 2007 hatte ein Liechtensteiner Gericht verfügt, dass «Le Quai Malaquais» an Gisela Bermann-Fischer zurückzugeben sei. Damit kam das Gemälde, exakt 100 Jahre nachdem es von Gisela Fischers Grossvater gekauft worden war, in die Familie zurück. Der Gerichtsentscheid habe bei ihr kein Jubelgefühl ausgelöst, aber er habe sie sehr erleichtert, sagt die 80-jährige, in Zürich wohnhafte Kinder- und Jugendpsychologin. Kein Wunder: Die Suche nach dem Bild war zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit geworden.

Im Zentrum des deutschen Geisteslebens

Beide, das Gemälde und Gisela Fischer selbst, waren Opfer der Wirren des 20. Jahrhunderts. Solange der Pissarro verschollen war, so lange empfand Fischer einen Rest von Unordnung in ihrem Leben. Gisela Fischer ist die Enkelin von Samuel Fischer, dem Gründer des S.-Fischer-Verlags. Dieser und später sein Schwiegersohn – Gisela Fischers Vater Gottfried Bermann-Fischer – verlegten die Werke von Thomas Mann, Heinrich Mann oder Hermann Hesse. Die Fischers standen im Zentrum des deutschen Geisteslebens. Und sie waren Juden.

Samuel Fischer hatte «Le Quai Malaquais et l’Institut» 1907 erworben. Später hing das Gemälde im Wiener Haus der Familie Bermann-Fischer. In dieses war die Familie gezogen, nachdem sie vor den Nazis aus Berlin hatte fliehen müssen. Im März 1938, unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch in Österreich, fiel die Gestapo in das Haus ein und raubte den Pissarro samt weiterer Kunstwerke. Die Familie war bereits weg. Sie war in der Nacht vor dem Einmarsch nach Italien geflohen. Viele Fluchtstationen später emigrierte die Familie in die USA.

Bereits kurz nach Kriegsende machte sich Gottfried Bermann-Fischer auf die Suche nach den entwendeten Gütern. Er schaltete die zuständigen Restitutionsbehörden ein, doch der Pissarro blieb verschwunden. Nach dem Tod ihres Vaters führte Gisela Fischer die Recherchen fort. Sie suchte auf der halben Welt nach dem Pissarro und fand ihn schliesslich einen Kilometer von ihrer Wohnung entfernt – in einem Safe der Zürcher Kantonalbank an der Bahnhofstrasse.

Pissarro im Zürcher Banksafe

Mieterin des Safes war eine liechtensteinische Stiftung – freilich nicht irgendeine Stiftung, sondern eine Stiftung von Bruno Lohse. Dieser war einst ein Protégé Hermann Görings; Göring hatte ihn beauftragt, für ihn privat wie auch für Hitlers Führermuseum in Linz Kunst zu sammeln. Lohse war nach dem Krieg von den Alliierten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Zudem war ihm verboten worden, je wieder als Kunsthändler tätig zu sein. Daran hielt sich Lohse offensichtlich nicht. Es ist anzunehmen, dass er nach dem Krieg einige der ihm bekannten Raubkunstdepots geleert und mit dem Inhalt einen Kunsthandel aufgezogen hatte. Lohse starb im März 2007 in München.

Die Entdeckung des Pissarro-Gemäldes im ZKB-Safe und die Aufdeckung von Lohses Machenschaften sorgten im Sommer 2007 rund um die Welt für Aufsehen. Ende Juni wird jetzt das vorläufig letzte Kapitel der Geschichte von «Le Quai Malaquais» geschrieben: Das Werk wird versteigert.

Entscheid war gereift

Der Entscheid, dass sie das Gemälde zum Verkauf gebe, sei im Lauf der Zeit gereift, sagt Gisela Fischer. Aus Sicherheitsgründen hätte sie das Bild sowieso nicht in ihrer Wohnung aufhängen können. Zudem müsse sie die Auslagen für die vieljährige Suche decken. Und schliesslich sei es eine grosse Erleichterung, die Verantwortung für das Gemälde abgeben zu können. «Seit es bei Christie’s ist, kann ich ruhig schlafen», sagt Gisela Fischer.

Dass das Bild in London versteigert werde, hänge mit der Rolle der Stadt als europaweit wichtigster Umschlagplatz für impressionistische Kunst zusammen, sagt Dirk Boll, Direktor von Christie’s Schweiz. Das Auktionshaus schätzt, dass das Bild einen Preis zwischen 1,6 und 2,6 Millionen Schweizer Franken erzielen wird.

Raubkunst besonders beliebt

Boll betont, dass bei Christie’s nur Kunstwerke versteigert würden, deren Besitzverhältnisse lupenrein seien. Dabei würden Bilder wie der Pissarro, die aus der Raubkunstversenkung befreit worden seien, beim Publikum als besonders attraktiv gelten.

Die Restituierung eines Raubkunstbilds sei mit grossem Aufwand verbunden. Dieser werde nur bei hochwertigen Werken in Kauf genommen, sagt Boll. Für potenzielle Käufer ist damit klar: Ein Bild mit einer Geschichte à la «Quai Malaquais» ist ein wichtiges Bild – also ein Bild, das ein hohes Gebot rechtfertigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2009, 19:54 Uhr

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