Kultur
Starfotografin muss ihr Lebenswerk verpfänden
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 26.02.2009 5 Kommentare
Ausstellung
Annie Leibovitz. A Photographer’s Life. 1990 - 2005, c/o Berlin, bis 24.05.09
www.co-berlin.info
Leibowitz hat ihr gesamtes Lebenswerk verpfändet, und zwar nicht nur die ausgeführten Arbeiten, sondern auch alle künftigen Projekte. Eine zu teure Hausrenovation, Schulden für Studioausrüstungen und Hilfspersonal, Steuerversäumnisse – Leibovitz lebte den amerikanischen Albtraum.
Gerüchte um finanzielle Probleme der Fotografin hatten im letzten Herbst zu kursieren begonnen, nachdem sie bei einem auf Kunst spezialisierten Pfandhaus ein Darlehen von fünf Millionen Dollar aufgenommen hatte. Was zunächst unklar blieb, war die Art des hinterlegten Pfandes. Vor kurzem stockte Leibovitz das Darlehen auf 10,5 Millionen Dollar auf – und die «New York Times» fand heraus, was sie dafür als Sicherheit hinterlegte. Zwei Stadthäuser im Greenwich Village sowie einen Landsitz unweit New Yorks am Hudson River; und darüber hinaus die Rechte an sämtlichen Fotografien.
Leicht anstössige, traumartige Fotos
Diese Rechte reichen zurück in die Frühzeiten des Musikmagazins «Rolling Stone», bei dem Annie Leibowitz ab 1973 zehn Jahre lang Chef-Fotografin war. Ihre intimen, provokativen, ins Letzte inszenierten Bilder prägten das Image des Magazins zu einem erheblichen Teil. Der grösste Coup gelang ihr im Dezember 1980. Sie sollte ein Foto von John Lennon für die Frontseite liefern; doch auch Yoko Ono war zugegen; und so kam es zu einem Bild des Paares, das in seiner Offenheit schockierte. Der nackte Lennon kuschelt sich an die unbeteiligt daliegende Ehefrau; ein perfektes Bild einer schwierigen Beziehung. Nur fünf Stunden nach der Aufnahme wurde Lennon vor seinem Haus in Manhattan erschossen.
Seit 25 Jahren ist Leibowitz zudem die Hoffotografin des Hochglanzmagazins «Vanity Fair». Ihre zunehmend pompösen, oft leicht anstössigen und traumartigen Fotos aus der Welt der Schönen, Reichen und Möchtegerne sorgten zunehmend für kontroverse Reaktionen. So setzte sie das erst 15-jährige Popsternchen Miley Cyrus halbnackt in Szene. Und sie machte eine Reihe von Aufnahmen ihrer todkranken Freundin öffentlich, der Schriftstellerin Susan Sontag. Ihre letzte grosse, im Januar ausgeführte Auftragsarbeit zeigt eine Serie von Disney-Märchenfiguren, dargestellt von Prominenten wie Scarlett Johansson (als Aschenbrödel), Rachel Weisz (als Schneewittchen) und Roger Federer (als König Arthur).
Unbezahlte Rechnungen
In die Schuldenspirale war sie in klassischer Art durch eine Serie unbezahlter Rechnungen geraten. Nach einer Steuernachforderung von 1,4 Millionen Dollar setzte es Klagen von über 500'000 Dollar von Makeup-Künstlern ab, dann verlangte ein Kameraverleih 220'000 Dollar wegen unbezahlter Mietverträge. Hinzu kamen aufwendige Renovationen an einem der Stadthäuser in New York. Auch ihre Haushaltrechnung stieg: Als 51-Jährige brachte sie 2001 ihr erstes Kind zur Welt; zwei weitere Kinder liess sie vor drei Jahren von Leihmüttern austragen.
Ihr Einkommen von geschätzten zwei Millionen Dollar im Jahr ist damit offenbar überfordert. Für das Pfandhaus ist die Not der Fotografin ein gutes Geschäft. In der Regel werden die Werke der Künstler mit höchstens 40 Prozent des geschätzten Wertes belehnt. «Wir sind geehrt, sie als Kundin zu haben», sagte der Chef des Pfandhauses Art Capital, Ian Peck. «Wir sind wohl die Einzigen, die ihr Lebenswerk echt schätzen können.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.02.2009, 11:26 Uhr
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