Umgeben von den attraktivsten Frauen der Welt
Die Lebensgrosse «Venus».
In eine Mona Lisa kann sich ein Mann von heute nicht verlieben. In eine Frau von Botticelli schon. Um mit der Wahrheit herauszurücken, sie war mein erstes Pin-up-Girl. Es war in den Uffizien in Florenz, als ich mich vor fünfzehn Jahren in sie verguckte. Und das ist doch erstaunlich. Denn Botticellis Frauen sind fünfhundert Jahre alt. Sie sind die attraktivsten alten Frauen, die es gibt.
Sandro Botticelli (1444/45–1510) ist der Maler der Bellezza. Seine Frauenbildnisse sind zu Ikonen der italienischen Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts geworden. Auch wer nie im Raum 10–14 im zweiten Stock der Florentiner Uffizien war, kennt sie von millionenfach gedruckten Reproduktionen. Vor den beiden Hauptwerken «Geburt der Venus» und «Primavera» stockt regelmässig der Besucherstrom. Die goldhaarige, unbekleidete Venus, ihrer Sinnlichkeit bewusst und dennoch schamvoll das Geschlecht mit der Hand verdeckend, schlägt alle in ihren Bann. Der Maler hat den Moment gewählt, als die Frischgeborene in einer Muschel ans Ufer treibt. So viel Liebreiz war für private Gemächer bestimmt, und auch dort war er nur entrückt – in den Gefilden der Mythologie – darstellbar.
Tiefschürfende, niemals nur oberflächliche Schönheit
In vielen Werken Botticellis erblickt man denselben Frauentyp: mit melancholischem Blick aus versonnenen Augen, die den Betrachter nie erreichen, mit spitzem Gesicht wie das junger Models, mit einem Teint so gläsern wie bei Tilda Swinton, mit einer Nase schmal und energisch wie die von Uma Thurman, mit klug geschlossenem Mund, sodass man träumt, wie es wäre, wenn er sich zu einem Lächeln öffnete. Es ist eine tiefschürfende, niemals nur oberflächliche oder passive Schönheit, die uns bei Botticelli entgegentritt. Aber so lebhaft präsent diese Bildnisse sind, so unerreichbar wirken sie auch – zu gross wäre die Gefahr, uns an der Schönheit der Damen zu verbrennen.
Zwar fehlen in der Frankfurter Ausstellung die beiden (nicht leihbaren) Florentiner Hauptwerke Botticellis. Das schmälert aber ihren Wert nicht. Denn Kurator Andreas Schumacher bekam einige erlesene Leihgaben aus den grossen Museen der Welt. Die Uffizien traten das mythologische Schlüsselwerk «Minerva mit dem Kentaur» ab, aus dem Louvre und der National Gallery of Scotland stammen zwei der schönsten Madonnendarstellungen Botticellis.
Rolle beim Ritterspiel
Ein Coup: Die Ausstellung vereint in herausragenden Bildnissen das Promipaar des Goldenen Zeitalters der Stadt Florenz. Aus Washington reiste das Porträt des Giuliano de Medici an, Spross der mächtigen Bankiersfamilie, die Florenz mit eiserner Hand regierte. Es findet sich nun Seite an Seite mit dem hauseigenen Trumpf des Städels: dem «Weiblichen Idealbildnis» einer Dame, die als Simonetta Vespucci identifiziert wird. Simonetta und Giuliano de Medici verband eine innige, aber platonische Liebe. Giuliano machte die sagenhaft schöne, jedoch verheiratete Simonetta 1475 zu seiner Turnierdame. Die ihr zugedachte Rolle im Ritterspiel war es, das männliche Begehren durch Entsagung auf eine höhere Bestimmung hinzulenken. Sie verkörperte damit das Idealbild der florentinischen Frau: verführerisch und tugendhaft zugleich.
Botticelli bringt in seinem Bildnis genau diese Ambivalenz zum Ausdruck: Das aufreizend wallende Haar, im realen Leben unschicklich für eine Dame von Rang, kennzeichnet Simonetta als liebreizende Nymphe; der zwischen ihren Brüsten blitzende Metallpanzer jedoch weist sie zugleich als Minerva aus, Göttin der Weisheit und der Tugend.
Unsterblich dank frühem Tod
Es war eine tragische Wende, die Simonetta unsterblich machte: Das It-Girl der Florentiner Aristokratie verstarb 23-jährig an Tuberkulose. Giuliano de Medici fiel seinerseits wenig später einem Mordkomplott des rivalisierenden Pazzi-Clans zum Opfer. Eine Legende war geboren. Die «Regina della Bellezza» wurde im Auftrag der Medici zum Mythos verklärt. Dichter besangen sie. Und es fiel Botticelli zu, ihr Ebenbild zu malen. Ihre idealschönen Züge schmücken Madonnen oder antike Göttinnen.
In der lebensgrossen Venus aus der Berliner Gemäldegalerie, einem Glanzlicht der Schau, setzt Botticelli äusserst effektvoll seine manieristische, von der Zeichenkunst geleitete Stilsprache in Szene: Der blasse Körper hebt sich scharf vor dem schwarzen Hintergrund ab. Arme und Silhouette sind seltsam gebogen, die Schönheit der Linie triumphiert über das Anatomiestudium. Spätestens hier wird ersichtlich: Das Hauptaugenmerk Botticellis galt der ornamental-dekorativen Gesamtwirkung.
Vorbilder aus der Antike
Botticelli mehrte den Ruhm der Medici. Er inszenierte zum Beispiel Mitglieder der Familie in Form idealisierter Rollenporträts als die Heiligen drei Könige. So gab er ihrer Herrschaft Glanz und den Anstrich von Menschlichkeit. Seine Kunst war das Schmiermittel der Politik. Einer Politik, die schon damals wesentlich über Bilder funktionierte – und die Machiavelli als Modell für rücksichtslose Machtpolitik diente.
Wie alle Renaissance-Künstler wetteiferte auch Botticelli mit den Vorbildern der Antike: Er übernahm römische und griechische Bildthemen, fand aber zu unkonventionellen formalen Lösungen. Mit schmalen, bühnenartigen Bildräumen rückte er etwa seine Figuren nach vorne, sodass sie beinahe in den Betrachterraum fallen. Kompositorische Schlichtheit verlieh seinen Schöpfungen ihre monumentale Wirkung.
Nach dem Tod vergessen
Erstaunlich ist es daher, dass Botticelli schon vierzig Jahre nach seinem Tod in Vergessenheit geriet. Schuld daran ist die literarische Rufschädigung durch Giorgio Vasari (1511–1574). In seinen berühmten Künstlerviten schmähte der einflussreichste Kunsthistoriker der frühen Neuzeit Sandro Botticelli und hob stattdessen den von ihm bewunderten Michelangelo aufs Podest.
Am 17. Mai 2010 jährt sich Botticellis Todestag zum 500. Mal. Spätestens dann wird der Maler der Schönheit wieder der Star sein, der er im Goldenen Zeitalter der Medici schon einmal war.
Bis 28.2.2010. Katalog 39.90 Euro.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.12.2009, 04:00 Uhr
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