Netflix-Film in Cannes nach Buhrufen unterbrochen

Bei der Vorführung des Netflix-Films «Okja» in Cannes wurde geklatscht und gejohlt – und dann ging das Licht wieder an.

Kinospass aus Korea: Trailer des neuen Netflix-Films «Okja»

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Die Witze kamen schnell. Sie drehten sich alle um einen Streamingdienst, der seine Filme besser nicht im Kino zeigen sollte. Andernfalls könnte es passieren, dass ein Drittel der Bildfläche fehlt, weil etwas nicht richtig eingestellt ist, denn das hier ist die grosse Leinwand, nicht dieser Streamingplunder. Und sind sich die Leute vom Fernsehen nicht sowieso gewohnt, alles aufs Miniformat zu stutzen für die Tablets und Handys dieser Welt?

Am Freitagmorgen wurde die Pressevorführung von «Okja» in Cannes nach rund sieben Minuten unterbrochen. Das Problem war der Kasch an der Leinwand, der einen Teil der oberen Bildhälfte verdeckte, was vor allem auf den Balkonreihen spürbar wurde. Die Buhrufe hatten schon beim Netflix-Logo begonnen, nun wurden sie von Minute zu Minute stärker. Dagegen begannen dann andere Kritiker im Parterre anzuklatschen, wahrscheinlich hielten sie den Unmut für einen Anti-Netflix-Protest. Insgesamt entstand grosse Konfusion, weiter verkompliziert durch das, was man auf der Leinwand sah. Da redete Tilda Swinton als CEO mit Zahnspange von einer Revolution, die alles Bekannte auf den Kopf stellen wird. Gings da auch um Streaming?

Wohnwagengrosses Schmusemonster

Cannes entschuldigte sich umgehend für die technische Panne. «Okja» ist einer von zwei vom Streamingdienst Netflix finanzierten Filmen, die das Festival im Wettbewerb zeigt. Ab nächstem Jahr ist der Anbieter ausgeschlossen, weil er seine Filme nicht zuerst im Kino, sondern über seine Streaming-Plattform anbietet. Die Kontroverse zum Auftakt der 70. Ausgabe ist Symptom einer tektonischen Verschiebung im Filmgeschäft: Der Zuschauer geht weniger ins Kino, dafür kommt das Kino zum User.

Das Paradox: «Okja» ist ein Kinospass, Regisseur Bong Joon-ho aus Korea lässt sich inspirieren von der Fantastik eines Steven Spielberg oder Hayao Miyazaki. Ein Mädchen in den koreanischen Bergen ist der Held seines Films, es hütet seinen Begleiter Okja wie einen Schatz. Okja ist ein Tier, das als Junges zu dem Mädchen kam, ein amerikanischer Chemiemulti hatte es damals ins Land gebracht. Jetzt ist es in saftiger Umgebung herangewachsen zum wohnwagengrossen Schmusemonster, zu je einem Drittel Schwein, Dackel und Seekuh (und mit ein paar Eigenschaften von E. T. und Shrek). Was für ein süsses Untier! Allerdings will der Konzern das Superferkel nun zurückhaben. Er hegt finstere Pläne, in denen es um Gentechnik und Marktanteile geht. Angeführt wird er von Tilda Swintons CEO, die aus dem Schatten ihres Vaters treten möchte, indem sie das Ernährungsproblem der Weltbevölkerung löst.

Der antikapitalistische Kampf gegen Big Agro wird zum Heist Movie, bei dem auch eine Tierschützerzelle mitmischt. Dabei kommt es oft vor, dass Dramatik in Komik in Klamauk kippt, denn Bong Joon-ho ist ein Regisseur, der zu überraschenden Sprüngen zwischen den Genres ansetzen kann. Besonders in seinem Monsterfilm «The Host», in dem er bereits von der Gewalt erzählte, die Profitgierige der Natur antun – und den angeblich einfältigen Leuten, die sich dagegen erheben. In «Okja» vergreift er sich ein paar Mal im Ton, im Kino spürt man so etwas schnell. Ob man es am Fernsehen auch merkt? «Okja» hat am 28. Juni Premiere auf Netflix, in die Schweizer Kinos wird der Film nicht kommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 14:19 Uhr

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