Kultur
Befreit von der Band, versklavt von der Technik
Von Stefan Strittmatter. Aktualisiert am 29.10.2012 5 Kommentare
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Dass er trotz allem am Ende seines Auftritts den «Musician’s Musician»-Award der AVO Session überreicht bekam, war ihm wohl nicht ganz recht. Grosse Worte fanden Präsident Matthias Müller und CEO Beatrice Stirnimann für den sichtlich geschafften Herbie Hancock und sein Minuten zuvor zu Ende gegangenes Konzert im Musicaltheater. Der Musiker selber aber konnte sich bei seinem Publikum nur entschuldigen: für eine Darbietung, bei der so gut wie nichts funktioniert hatte.
Dabei hatte das Basler Gastspiel von Hancock am Samstagabend vielversprechend begonnen. Den Wayne-Shorter-Klassiker «Footprints» nutzte der 72-Jährige als Startrampe, von der aus er inspirierte Abstecher in unkartografiertes Gelände wagte. In dichten Clustern lotete er die Grenze zwischen Harmonie und Reibung aus, kontrastierte breit gefächerte Akkorde mit eng gedrängten Intervallen. Auch im ausgedehnten Intro seiner farbenreichen Eigenkomposition «Sonrisa» zeigte sich Hancock als berauschender Pianist.
Jede Menge Zeugs auf der Bühne
Die Freiheit, für einmal ohne Begleitband auf der Bühne zu sitzen, nutzte Hancock mit grosser Spielfreude und Mut zum Risiko. Umso unverständlicher war, dass sich der Pianist neben dem Flügel noch vier Keyboards, zwei Computer, fünf ipads und «jede Menge anderes Zeugs» – wie er stolz vorrechnete – auf die Bühne stellen liess. Denn der seit jeher Technik-affine Musiker wirkte in seinem Fuhrpark verloren wie ein alter Mann, der mit der Radio-Fernbedienung das TV-Programm zu wechseln versucht. In «Maiden Voyage» zappte er sich so behäbig und ziellos durch die Sounds seiner Maschinen, dass der Fluss des Stückes wiederholt abbrach. Was der mehrfache Grammy-Preisträger hier herbeidudelte, klang bestenfalls wie eine Verkaufsvorführung im Keyboard-Geschäft.
Spätestens jetzt hätte Hancock die Übung abbrechen und sich ausschliesslich dem Flügel widmen sollen. Stattdessen liess er sich noch mehr von der Technik versklaven, bastelte umständlich einen Drumloop, startete aus Versehen einen zweiten und löste unvermittelt die Begleitung zum Hit «Cantaloupe Island» aus.
Bloss war dieser, wie sämtliche vorbereiteten Einspielungen, in der Tonart verrutscht, und Hancocks Pianospiel verkam entsprechend zur Kakofonie. Dass ihm am Ende trotz all den Widrigkeiten eine – nun endlich rein akustisch dargebotene – rhythmisch ungemein raffinierte Version des an sich simplen Stückes gelang, bewies, welch Meister an den Tasten Hancock sein kann. Vorausgesetzt die Tasten funktionieren ohne Strom. (Basler Zeitung)
Erstellt: 29.10.2012, 13:12 Uhr
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5 Kommentare
Wie im Artikel geschrieben, hätte ich mir zwar auch gewünscht, Hancock hätte nach ersten Technikproblemen sofort an den Flügel zurückgewechselt. Den grandiosen Beginn des Konzerts hat der missglückte zweite Teil aber nicht geschmälert. Und das Gebastel war dann zwar weniger schön, doch trotzdem auch aufregend; wann erlebt man einen eingespielten Könner noch beim Basteln, statt in seichter Routine? Antworten

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