Kultur

Breakdance im Schatten der Hamas

Von Ben Hubbard. Aktualisiert am 30.07.2010

Zwischen Islamismus und Blockade: Jugendkultur im Gazastreifen sucht sich Nischen der Entfaltung.

1/8 11. Mai 2010
Lassen sie sich zu weit auf die Äste hinaus? Zwei Mitglieder von den DARG TeaM Rappers posieren auf einem Baum – ihre Musik wird von den meisten radikalislamischen Hamas nicht toleriert.
Bild: Keystone

   

Sie stehen Kopf, rennen gegen Wände und rappen sich die Seele aus dem Leib. In Hinterzimmern, in Flüchtlingslagern, in Schulen suchen sich Jugendliche im Gazastreifen Nischen, wo sie sich austoben können. Hip-Hop, Breakdance oder Parkour, der akrobatische Hindernislauf im städtischen Gelände - alles nicht gerade bevorzugte Freizeitbeschäftigungen der radikalislamischen Hamas.

Die junge Generation, die Mehrheit der 1,5 Millionen Einwohner des Gazastreifens, steckt in der Klemme. Regiert von einer glaubensstrengen Obrigkeit und eingesperrt durch die Blockade Israels und Ägyptens sitzen sie in dem palästinensischen Gebiet fest, in dem es viele Menschen gibt und wenig Arbeit. Doch in der Enge blüht die Kreativität, wenn sie sich auch zuweilen mit Sitten und Gebräuchen und den Anstandsregeln der Hamas stösst.

Nachwuchs kommt von selbst

Rap zum Beispiel stösst auf Argwohn. «Als wir anfingen, sagten alle: Warum tragen die schlabberige Klamotten? Warum begrüssten die sich so?», erzählt Ayman Mghamis von den Palestinian Rapperz, einer von etwa zehn Rap-Gruppen in Gaza. Die Leute hätten sich langsam an sie gewöhnt, berichtet der 25-Jährige - doch nicht die Hamas-Regierung.

Eine Veranstaltung im März, bei der auch Rapper auftraten, wurde von der Polizei aufgelöst. Zur Begründung hiess es, die Veranstaltung sei nicht genehmigt. Doch die Rapper verstanden es als Wink mit dem Zaunpfahl. Sie tauchten ab, jetzt verbreiten ihre Songs über das Internet, treten bei Veranstaltungen internationaler Organisationen auf und halten sich so die Behörden weitgehend vom Leib.

Andere Vergnügungen haben ihre eigenen Stolpersteine. Ein paar Mal die Woche schleichen sich vier junge Männer in eine Grundschule, um über Geländer zu flanken, Treppen hinunterzuspringen und über Mauern zu balancieren. Sie gehören zu einer von mindestens zwei Gruppen in Gaza, die sich dem Trendsport Parkour verschrieben haben.

«Ich war echt stolz»

Manchmal alarmieren die Nachbarn die Polizei. «Die sehen dich auf dem Dach 'rumturnen und halten dich für einen Dieb», erklärt der 19-jährige Mohammed Irgayig. Die vier sind alle arbeitslos, genau wie die meisten Rapper auch, genau wie die meisten Jugendlichen in Gaza. «Ich mache das, um mich von meiner Situation hier abzulenken und mich frei zu fühlen», sagt Parkour-Akrobat Irgayig.

Junge Frauen sind bei Untergrund-Aktivitäten allerdings selten dabei. Von ihnen wird erwartet, sich im Haushalt nützlich zu machen und nicht aufzufallen.

In einer kleinen Wohnung üben die neun jungen Männer der ersten Breakdance-Truppe von Gaza, sie wirbeln über den Boden, springen in den Handstand, stehen Kopf. Mohammed Ghreis, heute 23, hat die Camps Breakerz 2004 gegründet. Neue Tanzfiguren schauen sie sich im Internet ab. Inzwischen gibt es noch mindestens eine weitere Gruppe. Ghreis' Gruppe betreibt Nachwuchsarbeit und gibt Unterricht für Kinder.

Neulich tauchten drei Halbwüchsige, die er nicht kannte, zum Training auf. Sie hätten sich den Breakdance mit den Videos auf der Webseite der Gruppe selbst beigebracht, meinten die Jungs. Ghreis legte Musik auf und liess sie machen. «Die waren gut!», sagt er strahlend. «Ich war echt stolz.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2010, 11:32 Uhr


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