Kultur

«Die Leute wollen Musik – bloss nicht zu ihrem heutigen Preis»

Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 13.02.2009 23 Kommentare

300 Songs für 30 Franken: Eric Garland, amerikanischer Experte für Onlinemedien, kündigt bessere Zeiten an – für die Fans wie für die Musikindustrie.

Neue Musikgeneration: Katy Perry an den MTV Music Awards 2008.

Neue Musikgeneration: Katy Perry an den MTV Music Awards 2008.
Bild: Keystone

Kenner der Online-Medien: Eric Garland.

Kenner der Online-Medien: Eric Garland. (Bild: Keystone)

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Eric Garland

Eric Garland ist Mitgründer und CEO der auf die Analyse von Onlinemedien spezialisierten Firma BigChampagne mit Sitz in Beverly Hills bei Los Angeles. Seine Firma analysiert die Zugriffs- und Verkaufszahlen so wichtiger Internetportale wie i-Tunes, Youtube oder Myspace. Für Aufsehen sorgte eine Studie über das Album «In Rainbows» von Radiohead, die Garland letztes Jahr mitverantwortete: Im Oktober 2007 hatte die englische Band das Album auf ihrer eigenen Webseite zum Download angeboten und es den Käufern überlassen, ob und, wenn ja, wie viel sie dafür bezahlen wollten.
Die Studie «In Rainbows, on Torrents» zeigt auf, wie positiv sich der Coup später auf die Verkaufszahlen der realen CD auswirkte; aber auch, dass sich 2,3 Millionen Fans die Songs trotz dem Gratisangebot nicht auf der offiziellen Webseite besorgten, sondern bei illegalen Anbietern. Eine Zusammenfassung kann unter www.mcps-prs-alliance.co.uk/economics heruntergeladen werden.

Herr Garland, der illegale Download von Songs hat die Musikindustrie an den Abgrund geführt. Wie stark ist dieser illegale Markt heute in den USA?
Sehr stark. Der grösste Anbieter auf dem legalen Markt, iTunes, verkauft momentan pro halbes Jahr rund eine Milliarde Songs. Der Schwarzmarkt ist zehnmal so gross. Die meisten Musikfans zahlen heute nichts für Musik. Aber das ist nicht das Problem. Eigentlich ist die Piraterie irrelevant.

Wie bitte?
Sie muss es sein. Piraterie ist eine Konstante, die Musikindustrie muss mit ihr leben. Sie hat Hunderte von Millionen Dollar ausgegeben, um die Piraten zu bekämpfen – mit welchem Resultat? Im Gegensatz dazu haben sich vergleichsweise kleine Investitionen in den digitalen Handel längst gelohnt.

Sehen Sie Wege, die Gratiskonsumenten zurück auf den legalen Markt zu holen?
Es gibt Wege, die zu einem florierenden legalen Markt führen – und ich rede nicht von langfristigen, sondern kurzfristigen Chancen. Ganz bestimmt aber spielt das Wort «zurück» dabei keine Rolle.

Bleiben wir noch kurz bei den Problemen der Musikindustrie: Die Leute kaufen keine Alben. Wenn ein Fan früher eine CD für 30 Franken kaufte, lädt er davon heute vielleicht zwei Songs für 3 Franken herunter.
Ja, das ist ein riesiger Verlust, unabhängig davon, ob der Fan die zwei Songs bezahlt oder nicht. Auf dem legalen Markt kommen in den USA auf ein verkauftes Album momentan 17 Singles, auf dem illegalen Markt ist dieses Verhältnis noch viel extremer. Der Markt für Popmusik ist heute mehr durch Singles dominiert als in seinen Anfängen in den 50er-Jahren. Die Folge: Die Zahl der Transaktionen – am virtuellen oder realen Ladentisch – nahm 2008 in den USA zwar leicht zu. Der Umsatz brach nochmals ein.

Umso schlimmer, wenn der Preis für einen Song ständig sinkt: Von 99 Cent bei iTunes über 89 Cent bei Amazon bis zu 79 Cent bei Wal-Mart.
Man kennt die Klagen der Musikindustrie, die Musik dürfe nicht derart an Wert verlieren. Wer so redet, möchte «zurück» zu den alten Verhältnissen. Ich glaube: Wenn der Preis für einen Song gegen null tendiert, wird das Geschäft insgesamt an Wert gewinnen.

Das Rezept lautet also: Gib den Leuten für 30 Franken nicht 10, sondern 100 Songs.
Eher 300. Die Leute wollen all diese Musik – bloss nicht zu ihrem heutigen Preis. Der Download bringt die Kunden heute dazu, auf zwei, drei Songs zu fokussieren, denn sie sagen sich: 1 Dollar pro Song, das läppert sich. Kunden, die von solchen Bedenken frei sind, kaufen von Beginn an auf einem höheren Level ein. Das Musikgeschäft beginnt dort neu zu blühen, wo sich der Kunde sagt: Wenn ich für 150 Dollar im Jahr so viele Songs laden kann, wie ich will, ist das ein faires Angebot.

Sie sprechen von einer Flat Rate?
Nein. Ich selber brauche nicht unbegrenzt viel Musik. Der Teenager in seinem Studierzimmer am College aber will vielleicht genau das. Meiner Mutter wiederum reicht ein kleineres Package, mit dem sie pro Monat vielleicht 20 Songs laden kann. Aber in allen drei Fällen ist klar: Dies sind treuere Kunden als jene, denen man jeden Song einzeln verkauft.

Welche Rolle können die alten Plattenfirmen noch spielen? Braucht es sie noch?
Es gibt keine sinnvolle Rolle mehr für die Musikkonzerne, wie wir sie kannten. Aber es gibt einen Bedarf an Firmen, die Musiker und Fans zusammenbringen. Ich glaube nicht, dass das Internet allein diesen Kontakt herstellen kann. Es braucht jemanden, der die Musik mit Wert anreichert.

Was meinen Sie damit?
Es geht darum, aus einer Band eine Marke zu machen. Reicht Talent? Nein, man muss es entdecken, fördern, bekannt machen und verkaufen. Musikfirmen werden in Zukunft sehr viel und sehr smart darüber nachdenken, wie sie zwischen einer Band und ihrem potenziellen Publikum eine Beziehung aufbauen und festigen. Das ist eine kreative und langwierige Arbeit – also nichts, das die Plattenfirmen in den letzten Jahren getan haben.

Wie das Beispiel von Radiohead zeigt, braucht eine Band keine Musikfirma mehr, wenn sie einmal bekannt ist.
Was ist falsch daran, auf eigenen Füssen zu stehen? Es ist doch grossartig, wenn eine Band das schafft. Wenn ich eine Hypothek aufnehme, um ein Haus zu bauen, und sie abzahle, dann gehört mir irgendwann das Haus. Und irgendwann verlässt mein Kind das Haus und lebt sein eigenes Leben – so läuft die Evolution. Die neuen Musikfirmen helfen einer Band in die Unabhängigkeit und werden für ihre Arbeit durch fixe Gebühren oder durch Beteiligungen entschädigt.

Zeichnet sich bereits ab, wie man Bands im Internet erfolgreich macht?
Das Internet ändert nichts daran, dass der Traum vom Band-Jet für die meisten ein Traum bleibt. Im Gegenteil, die Sache ist komplizierter geworden: Es gibt heute zwischen Popularität und Verdienst so gut wie keinen Zusammenhang mehr. Bruce Springsteen verdient sehr viel Geld mit CDs und Tourneen. Im Internet findet man ihn kaum. Dafür bringen viele der populärsten Songs der Welt – gemessen an Hits auf Myspace oder Youtube – ihren Interpreten finanziell so gut wie nichts ein.

Was heisst das für eine junge Band?
Wer langfristig erfolgreich sein will, vertraut besser nicht auf Internet-Hypes, sondern geht ganz altmodisch vor. Schritt für Schritt, Konzert für Konzert.

2,3 Millionen Fans haben sich das Radiohead-Album auf illegalen Seiten besorgt, obwohl sie es auf der offiziellen Website gratis hätten haben können. Die Loyalität der Fans gilt den illegalen Anbietern.
Ich glaube tatsächlich, dass der legale Markt mindestens eine Generation von Fans für immer verloren hat.

Die rebellische Attitüde zeigt sich in der Popmusik heute nicht mehr in ihrem öffentlichen Konsum, sondern in der Art und Weise, wie man sie sich besorgt.
Ja, ist das nicht ironisch? Aber man sollte nicht überbewerten, wenn Kids beim illegalen Download glauben, sie unterwanderten das Establishment. Das ist eine Pose. Wer in den eigenen vier Wänden auf die Maus klickt, ist in der grossen Mehrheit durch die genau gleichen Dinge motiviert: Gewöhnung, Bequemlichkeit, Budget. Was heisst das für die Musikindustrie? Sie muss Angebote machen, die so vernünftig sind, dass die meisten vernünftigen Menschen sie annehmen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2009, 08:27 Uhr

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23 Kommentare

Jürg Gösken

13.02.2009, 09:21 Uhr
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Der Download ist in der Schweiz legal und die Musikindustrie verdient bereits mit: DSL ist radiokonzessionspflichtig und sogar auf Speichermedien werden Urheberrechtsgebühren erhoben. An beidem verdient die SUISA und damit auch die Musikindustrie mit und verdient dreifach, wenn ich für iTunes zahle und diese noch brenne. Wer beklaut nun eigentlich wen? Antworten


jan houtsma

13.02.2009, 08:54 Uhr
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Die musikindustrie schreckt nicht davor zurück um gesetze zu "kaufen" damit sie zu ihr geld kommt. Eine reine mafia. Jeder der auch nur 1 rappen für musik zahlt macht sich mMn mitschuldig an dieser korruption der gesellschaft. Ja auch ich fühle mich schuldig darüber dass ich nach 5 jahren abstinenz wieder ein paar songs auf itunes gekauft habe. Antworten




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