Kultur
Der Stones-Bassist in Aarberg im Auge des Hurrikans
Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 25.01.2010 1 Kommentar
«Si si, je suis un rockstar», beteuerte Bill Wyman schon in den 70ern. Die Zweifler brachte er mit dem Statement nicht zum Schweigen. Der Bassist spielte zwar gut 30 Jahre bei den Rolling Stones, doch den wilden Rocker nahm man ihm in der ganzen Zeit nie wirklich ab, auch wenn seine Autobiografie «Stone Alone» von diversen Eskapaden berichtet.
Wer Bill Wyman am vergangenen Freitagabend im Saal des Gasthofs Krone in Aarberg erlebte, kam auch nicht wirklich auf die Idee, es hier mit einem früheren Rebellen zu tun zu haben. Umgeben von einer Band aus Stars und Session-Assen bearbeitete Wyman mit dezidierten Handgriffen sein Instrument, gab ab und zu einen knappen Kommentar ab und bewegte sich, falls überhaupt, im Zeitlupentempo.
Bill Wyman spielt im Auge des Hurrikans – vielmehr: Er ist das Auge des Hurrikans. Um ihn herum wieselten die Gitarristen und wirbelten die Bläser, doch der Star selbst blieb stoisch und schickte höchstens mal ein anerkennendes Lächeln in Richtung seiner entfesselten Kollegen. Wie man hörte, war Wyman an diesem exklusiven Konzert im – trotz Eintrittspreisen zwischen 105 und 195 Franken – ausverkauften Hotel-Saal gesundheitlich angeschlagen.
Archivar in eigener Sache
Alles Überschwängliche überlässt der ehemalige Stones-Bassist aber auch sonst den Anderen. Er ist ein glühender Fan schwarzer Musik und angefressener Archivar in eigener Sache: Von jedem Konzert bringt Bill Wyman ein Plakat und ein Ticket nach Hause. Und so gründlich, wie er seine Leidenschaft hegt, so solide ist er auch beim Musikmachen: Das Repertoire bringt mehr als nur Gassenhauer, die Mitglieder seiner Band sind handverlesen. Wäre dieser Qualitätsmusiker nicht Engländer, er könnte auch als Schweizer durchgehen.
Acht Musiker, darunter der lässige Soul-Crooner Georgie Fame an der Hammondorgel, der innig lächelnde Wundergitarrist Albert Lee, der Charismatiker Geraint Watkins am Akkordeon und die schwarze Soulsängerin Beverley Skeete luden in Aarberg zur Geschichtslektion. Von Ray Charles «I Got a Woman» bis zu Gene Vincents «Race With the Devil» huldigten die Briten ihren Vorbildern aus den Vierziger-, Fünfziger- und Sechzigerjahren und interpretierten urigen Rock ’n’ Roll, Soul, Zydeco und Chicago Blues. Den beiden Bläsern Nick Payn und Frank Mead war der Showpart zugedacht, den sie mit hochgerissenen Instrumenten und lockeren Tanzschrittchen souverän erledigten.
«Honky Tonk Women»
Was dem spritzigen Oldiesprogramm abging, war eine Dramaturgie, und so stellten sich nach über zwei Stunden Konzert Wiederholungseffekte ein. Das Publikum, das nicht jung, aber auch noch nicht ganz in Wymans Alterssegment (er ist 73) war, genoss das Gebotene, ohne in Ekstase zu geraten. Nur als der Ex-Stone gegen Schluss mit «Honky Tonk Women» den einzigen Jagger/Richards-Song des Abends intonierte, gab es Standing Ovations. Doch doch, Bill Wyman ist ein Rockstar. Aber als Rhythm ’n’ Blueser überzeugt er deutlich mehr. (Berner Zeitung)
Erstellt: 25.01.2010, 10:41 Uhr








