Der gute Mensch von nebenan

Ein netter Typ mit netten Liedern erobert die Welt: Ed Sheeran aus London ist so uncool, dass die coolsten Musikproduzenten mit ihm arbeiten wollen.

Leistet sich jetzt manchmal auch einen Pullover ohne Kapuze: Ed Sheeran.

Leistet sich jetzt manchmal auch einen Pullover ohne Kapuze: Ed Sheeran. Bild: Atlantic Records

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Meist sieht er aus, als habe er gerade am Wickeltisch zu tun gehabt, dabei führt sein Weg ins Wembley-Stadion. Dort, in der ehrwürdigsten Arena seiner Heimatstadt London, wird Ed Sheeran am 10. Juli nächsten Jahres seine Welttournee beenden. Und es wird wahr geworden sein, was «x», der Titel seines neuen Albums, verspricht. «x» nicht wie die verlorene Generation, sondern wie «multiply». Tatsächlich haben die zwölf Songs den Triumph des 23-jährigen Sängers und Songschreibers vervielfacht. Sie stiessen nicht nur in England an die Spitze der Hitparade vor, sondern auch in den USA, in Deutschland, in der Schweiz. Das Konzert vom Mittwochabend in der Maag-Halle in Zürich ist ausverkauft, und wenn Sheeran im Januar in die Stadt zurückkehrt, steht das Hallenstadion auf dem Tourneeplan.

Wer sehen will, wie es Ed Sheeran, das orangehaarige Landei mit irisch-katholischen Wurzeln, zu einem unserer grössten Popstars gebracht hat, der klicke auf den Videoclip zu «Thinking Out Loud». Schon das Lied ist ein Pracht­exemplar rührender Pärchenmusik, mit seinen weichen Melodien und umfassenden Schwüren. Die Bilder nun führen in einen Ballsaal, wo auf dem edel erleuchteten Parkett ein zweisamer Tanz anhebt. Sie absolviert ihn leicht und lächelnd, Sheeran ein wenig ungelenk in seiner Verkleidung aus Hemd und Weste. Aber das muss natürlich so sein, wenn ein Typ von nebenan sein Glück gefunden hat: «We found love right where we are», heisst es im Song.

Einen Klick weiter geht es zum Making-of des Clips, in dem man den verschwitzten Star bei den Proben sieht, leidend. Tatsächlich nennt ihn sein Tanzcoach einen «Nichttänzer»; aber nur, um sofort zu betonen, wie stolz auf seinen Schüler, auf dessen Fleiss und Fortschritt er sei. Das alles zeichnet diesen Sänger aus: die Fähigkeit, sich am Riemen zu reissen, wenn es der Sache und dem Stadion dient. Vor allem aber die Unfähigkeit, perfekt zu sein. Den «untypischsten Popstar unserer Tage» nennt ihn der «Rolling Stone». Aber Ed Sheeran ist nicht erfolgreich, obwohl er aussieht wie die erwachsene, vom Bier schon rundgezeichnete Version des Teen­agers, der in der Schule gehänselt wurde. Sondern genau darum.

Songs für Jenny und Jasmine

Edward Christopher Sheeran ist das Idol eines Milieus, in dem man eher mit den Castingshows des Fernsehens aufwächst als mit dem neuesten Hipsterpop aus Brooklyn. «Jenny in Stoke und Jasmine in Glasgow, das sind die Leute, die meine Platten kaufen», hat er erklärt, «ganz normale Leute, überall.» Und weil das so ist, ärgert er sich schon lange nicht mehr über die lustlosen bis ruppigen Besprechungen seiner Musik in den Feuilletons der Hauptstädte, und ebenso wenig über die Tatsache, dass ihn das Männermagazin «GQ» wegen seiner hängenden Hosen, ausgeleierten Shirts und Kapuzenpullis zum schlechtestgekleideten Promi gewählt hat.

«Alle meine Freunde ziehen sich so an», hat Sheeran gesagt, wissend um die faszinierende Wirkung, die das auf seine Fans hat: «Sie sehen in mir jemanden, der auch der Kumpel ihres grossen Bruders sein könnte.» So diniert Ed Sheeran mittlerweile zwar an Galas von Elton John, holt sich Karrieretipps bei Taylor Swift und schreibt Songs mit Pharrell Williams. Doch ist hier ein Kerl ins Zentrum des Popzirkus vorgestossen, der so normcore ist, dass sich jede und jeder mit ihm identifizieren will. Er entgleist manchmal mit Alkohol und singt darüber. Er fährt in den Ferien nach Ibiza, probiert dort Ecstasy und erzählt es dem Musikmagazin. Und er singt, anders als die meisten sensiblen Sänger seiner Sorte, nicht nur über Gefühle, sondern wörtlich, wenn auch nicht besonders wortgewandt über Sex.

So erscheint Ed Sheeran immer noch als der nette Sängerkumpel mit Gitarre, als der er drei Jahre lang durch die Cafés und Bars von London trampte, nachdem er mit 17 Jahren von zu Hause weg und in die Hauptstadt gezogen war. Er konnte es immer mit dem Publikum: 2009, als er angeblich 312 Konzerte spielte, ebenso wie 2012, als er im Kaufleuten sein erstes Zürcher Konzert gab und mal derb, mal selbstironisch durch den Abend führte. Und er konnte es noch, als er 2013 im Vorprogramm von Taylor Swift in 64 amerikanischen Stadien spielte – und am Ende auch ohne seine Mentorin dreimal den Madison Square Garden in New York füllte.

Es ist also eine Mischung aus uncoolem Auftritt und cooler Professionalität, die den Erfolg von Ed Sheeran bestimmt. Und keineswegs hindert ihn sein Image daran, mit dem Geld seiner Plattenfirma immer neue Videoclips zu drehen, die schicker sind als er selber und seine Musik. In «Don’t» etwa performt der amerikanische Tänzer PacMan einen sozialen Aufstieg aus dem schäbigen Viertel in die Villa hin, als sei dies das Leichteste der Welt. Sheeran selbst steckt als Zaungast in einem Holzfällerhemd und wirkt in den glossen Bildern, die ja nichts anderes als seine Karriere zeigen, wie ein staunender Fremdling.

Die summende Liebe

Der Song ist eine ansteckende Tanznummer, die illustriert, wie nahe Ed Sheeran und Starproduzenten wie Rick Rubin oder Pharrell Williams das Album an die Mitte des Mainstreams herangeführt haben. «x» klingt wie eine Castingshow: Die sanft aufmoussierte Folkballade steht neben dem munter aufgequirlten Rhythm & Blues, und der Spassbefehl neben der wahrhaftig summenden Liebe. Und doch ist es, als beglaubige Sheeran all den Popkonfekt gerade durch seine Erscheinung. Durch seine Haare, durch seine banalen Kleider, aber auch durch seine dünne und nicht sehr wendige Soulstimme. Solch ein Sänger kann kein Produkt feuchter Marketingträume sein.

Doch ebenso wenig ist zu übersehen, mit wie viel Talent und Cleverness dieser Ed Sheeran seine unwahrscheinliche Starexistenz verwaltet, jetzt, da er sie nun mal lebt. Nicht nur vertraut er seinem Melodiengeschick, auch führt er seine Texte nie weit weg von der Basis, an der sie gehört werden. «Don’t» zum Beispiel ist nicht aus den glamourösen Höhen einer Affäre mit Ellie Goulding herab erzählt, von der der Song offenbar handelt. Sondern so, als handle die bittere Lovestory auf den Strassen von Stoke oder Glasgow, über die eine Jenny oder eine Jasmine gerade eine Flasche Gin trägt, um bei ihrem Freund ein paar Tage und Nächte mit Sex, Drinks und Takeaway-Pizzas zu verbringen.

Klar, das endet alles in Tränen. Aber auch im Trost, dass da draussen ein Star ist, der den Weg zum Wickeltisch auch noch nicht gefunden hat.

Ed Sheeran: Heute, 20 Uhr, Maag Zürich (ausverkauft);
28. Januar 2015, 20 Uhr, Hallenstadion Zürich.
(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.11.2014, 23:11 Uhr

Video

Tanz den Aufstieg: Das Video zu «Don't».

Video

Tanz die Liebe: Das Video zu «Thinking Out Loud».

Video

Sing die Party: Das Video zu «Sing».

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Und so wurde es gemacht: Das Making-of zu «Thinking Out Loud».

Video

Ein früher Erfolg: Das Video zu «The A Team».

Video

Bau einer Karriere: Video zu «Lego House».

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