Kultur
Der untote Michael Jackson
Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 08.12.2009
Unsterblicher King of Pop: Auch Monate nach seinem Tod ist Michael Jackson mitten unter uns. (Bild: Keystone)
Fünf Tage nach seinem Tod, am 30. Juni 2009, wartete Michael Jackson am Manchester Airport auf seinen Flug nach Dubai und amüsierte sich über einen Zeitungsartikel, der von ihm handelte. Er sah sehr dünn aus und bleich, fast leichenhaft. Aber als er bemerkte, dass er bemerkt wurde, verschwand er schnell. Am 3. Juli wurde er in New Jersey gesehen, am 28. August in einem Hotel in North Carolina. Sein Kopf war bandagiert, sodass er erst im September nach Budapest und Prag reisen konnte, um Kranke zu heilen. Am 28. Oktober wartete er in Blackpool am Postschalter, als ihn ein Polizist erkannte.
«You are not alone», sagte der Polizist; es war ihm gerade nichts Passenderes eingefallen als der Titel dieses Jackson-Songs.
Und Michael antwortete: «I am here with you.»
Das war nun kein Songtitel, aber der endgültige Beweis, dass Michael Jackson noch lebt.
Man kann die Botschaft wörtlich nehmen: Michael Jackson ist mitten unter uns. Wenigstens im Sinne einer Omnipräsenz, die ihn 14 Jahre nach seinen letzten grossen Erfolgen an die Spitze der Hitparaden zurückbrachte. Nach seinem Tod am 25. Juni wurde die Best-of-CD «Number Ones» zum einträglichsten Album des Jahres, und bis Ende Oktober verkaufte Jackson laut dem Branchenblatt «Billboard» weltweit 10,4 Millionen CDs. Im November dann wurde «This Is It», aus Aufnahmen von Jacksons letzten Proben geschnipselt, zum erfolgreichsten Musikfilm aller Zeiten.
Hört man heute «Bad», klingt die berühmte letzte Zeile dieses Songs so, als sei sie umgeschrieben worden: Who's dead? In den Massenmedien ist Michael Jackson auch Monate nach seinem Tod so anwesend, als führe er nach wie vor eine Popstarexistenz. Nur noch erfolgreicher, noch bizarrer. «Niemand hat die Allgegenwart, die Ausgelassenheit, das Abartige, das Schreckliche und das Amüsante dieses zweiten Lebens voraussehen können», schrieb der Musikkritiker Greil Marcus. Allerdings 1991 in «Dead Elvis», seinem Buch über Leben und Werk des toten Elvis Presley.
Ein Kostenfaktor stirbt
Marcus berichtet darin von einer Umfrage bei Zweit- und Drittklässlern einer Kleinstadt in den USA: Alle kannten Elvis, aber fast keiner wusste, ob er lebendig oder tot, schwarz oder weiss war. Dies zeigte Marcus, «dass es noch einen anderen Elvis gab, einen, der aus Nachklängen, nicht aus Tatsachen gemacht war». Bei Michael Jackson war dieser Nachklang schon in den Tagen nach seinem Tod eine ohrenbetäubende Kakofonie. Klar, da war die schiere kommerzielle Durchschlagskraft des Ereignisses: Wo der «Guardian» den Startod zurückhaltend «eine der grössten Gelegenheiten in der Geschichte des Marketings» nannte, wiesen andere abgebrüht darauf hin, mit Jackson sei auch der grösste Kosten- und Unsicherheitsfaktor dieser Karriere gestorben.
Das ist richtig. Entscheidend aber ist, dass erst mit seinem Tod auch der Abstieg eines Künstlers vermarktbar wird. Jacksons müde Performance in «This Is It» zum Beispiel: Seinen schlagendsten Moment hat der Film, als Jackson in einer Imitation von Jimi Hendrix' Gitarrenopfer von 1967 in Monterey so tut, als verbrenne er seine rote Lederjacke: Da es nur eine Probe ist, gibt es keine Jacke. Es gibt aber auch kein (inneres) Feuer. Es ist wie so vieles in Jacksons später Karriere eine hohle Scharade.
Bronze-Medaille der bestverdienenden Toten
Noch ohne die Einnahmen aus «This Is It» stiess Michael Jackson in der Jahresliste der bestverdienenden Toten, die «Forbes» im November veröffentlichte, auf Rang drei vor – hinter Yves Saint Laurent und Rodgers and Hammerstein, aber vor Elvis Presley. Und natürlich hat sein Erbe das Potenzial, Jackson genauso wie Presley für viele Jahre auf den vordersten Plätzen dieser Liste zu etablieren. Versucht man aber, nicht den finanziellen, sondern den kulturellen Impact von Jacksons Tod zu messen, wird es schwieriger. Einen Hinweis geben die Auktionen, in denen im Oktober je ein Haarbüschel von Michael Jackson und Elvis Presley versteigert wurden: War die Strähne von Elvis für 15'000 Dollar gut, erzielte Jacksons Locke nur 1900 Dollar. Ganz klar, die Jackson-Reliquien müssen noch zulegen.
Allerdings hat das kulturelle Rauschen, das nach Jacksons Tod anhob, bereits alle Themen aufgebracht, wie sie auch in der erwähnten Schülerumfrage über Elvis zutage traten: Tot oder lebendig? Schwarz oder weiss? Auf gleich zwei Internetseiten erzählen Leute, wann und wo sie Michael Jackson nach seinem Tod gesehen haben. Eine der skurrilsten Theorien aber, die im Web kursiert und in Videoclips auch «belegt» wird, besagt: Michael Jackson ist nicht tot, sondern in Wahrheit niemand anderer als Conrad Murray, sein Leibarzt. Logisch: Um aus der Öffentlichkeit abzutauchen, liess sich Jackson zu dem zurückoperieren, was er mal war: zu einem Schwarzen.
Sein amerikanische Traum: weiss werden
Die übliche Infantilität des Internets erzeugte hier ein einigermassen unheimliches Echo auf Michael Jacksons surreale Lesart des amerikanischen Traums: Wenn du alles werden kannst, was du willst, warum nicht auch weiss? So gesehen, ist diese Verschwörungstheorie aber auch nur eine durchgedrehte Version dessen, was am 7. Juli an der Trauerfeier in Los Angeles zu sehen war. Dass fast nur Schwarze auftraten, legte nahe, dass Michael Jackson an diesem Abend in die Black Community zurückverbracht werden sollte.
Aber warum gab es an diesem Abend keine von Jacksons bekannten Dance-nummern zu hören? Sondern nur die Schnulzen, die das weisse Amerika so liebte und wie sie die weissen Traumfabriken von Hollywood und Las Vegas nicht sentimentaler inszeniert hätten?
Obama tanzt Jackson
Wie sehr Jacksons changierende Hautfarbe in den USA unerledigte Rassenfragen aufwühlte, zeigt aber niemand so klar wie jener anonyme Tänzer, der auf Youtube die berühmten Tanzschritte von Jackson imitiert – und dazu eine Papiermaske mit dem Gesicht Barack Obamas trägt. In seinem eine Spur zu exaltierten Tanz und seinem zu grossen Anzug wirkt er wie ein Komiker aus einer Minstrel-Show des 19. Jahrhunderts, in denen sich weisse Entertainer mit eingeschwärztem Gesicht über die Gesänge und Tänze der Schwarzen lustig machten. In drei, vier beunruhigenden Minuten schiessen diese Clips zwei der grossen afroamerikanischen Utopisten unserer Zeit direkt in die Ära von Jim Crow und der Rassensegretation zurück.
So kann auch für Michael Jackson gelten, was Greil Marcus über Elvis Presley schrieb, nämlich dass er «mehr von Amerika enthielt, mehr von seinen Widersprüchen und Paradoxien geschluckt hatte als jede andere Persönlichkeit.» Der Nachklang oder das kulturelle Rauschen, das ein Popstartod vom Range dieser zwei Sänger erzeugt, macht diese Paradoxien nur noch lauter. Dabei ist es nicht zu vermeiden, dass das Aufschlussreiche mit dem Verwirrenden, das Wahre mit dem Debilen untrennbar vermischt wird: Es ist von geradezu genialer Verschrobenheit, wie ein Internaut belegt, dass Michael Jackson nicht tot, sondern bloss abgetaucht ist: Wer «This Is It» – den Song, der vor kurzem aus dem Nachlass auftauchte – rückwärts und leicht verlangsamt abspiele, höre die Botschaft, die beweise, dass sich Jackson aus dem Showbiz zurückziehen wollte. Die da nämlich lautet: «This is it» («Das wars»).
Parfüm aus Jackos DNA
Auch hier ist so weit alles logisch: Erst als Geheimbotschaft wird die Aussage wahr. Und so, wie hier der Mainstreamkünstler schlechthin in fröhlich-dreister Volte zum Kronzeugen gegen das fiese Musikgeschäft umgemodelt wird, ist Jackson seit dem 25. Juni erst recht für jede Deutung zu haben. Greil Marcus in «Dead Elvis»: «Die Leute begannen mit seinem Tod seine Geschichte zu schreiben, also: ihre eigene. Eine Geschichte von etwas, das für einen Körper oder ein Gesicht viel zu gewaltig ist.»
Die vorerst letzte Wendung dieser Geschichte erreichte uns soeben aus der Parfümindustrie. Aus der DNA des Toten soll ein Duft kreiert werden. Smells like Michael Jackson.
Jackson-Show «Thriller live»: 8. bis 20. Dezember, Theater 11, Zürich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.12.2009, 06:26 Uhr








