Kultur

Die Stimme des Bösen

Von Nick Joyce. Aktualisiert am 13.06.2009

Heute gibt die Band Faith No More in Interlaken ein Comeback-Konzert. Ein Porträt Mike Pattons, des schrägen Sängers der Band, der auf der Bühne schon mal einen Schuh mit Urin füllt.

Unberechenbar: Mike Patton.

Unberechenbar: Mike Patton.

Ob die zahlreichen Geschichten über Mike Patton wahr sind oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. Wichtig ist eher, was man dem Sänger der amerikanischen Rockband Faith No More, die in Interlaken heute einen Revivalauftritt gibt, alles zutraut: Anfang der 90er-Jahre soll er während eines Konzerts einen Schuh mit Urin gefüllt und diesen genüsslich ausgeschlürft haben, heisst es. Bei einem anderen Auftritt habe Patton gedroht, seine Notdurft auf offener Bühne zu verrichten. Dazu sei es zum Glück dann doch nicht gekommen.

Den derben Anekdoten zum Trotz: Michael Allan Patton, 1968 im kalifornischen Eureka geboren, ist kein musizierender Barbar. Vielmehr ist er ein Performance-Künstler und Absurdist, der Rockkonzerte als Spielwiese benutzt. «Für mich ist die Bühne ein Ort, wo alles passieren kann und darf», hielt Patton 1995 fest und ist dieser Maxime bei seinen zahllosen Nebenprojekten stets treu geblieben.

Seine Arbeitswut soll einer von vielen Faktoren gewesen sein, die 1998 zur Auflösung von Faith No More führten. Seither kennt Pattons Tatendrang keine Grenzen: Seine Vita listet Unterfangen wie die Ambient-Metal-Band Fantômas und die Gründung des Avantgarde-Labels IpEcac ebenso auf wie improvisierte Auftritte mit John Zorn und Studiogastspiele bei Björk.

Der volle Terminkalender, dem seine Ehe zum Opfer fiel, liegt nicht zuletzt an Pattons erstaunlicher Wandlungsfähigkeit. Rappen kann er, wenn das verlangt wird, aber auch herrische Drohgebärden bellen und Schnulzen von Lionel Richie und den Bee Gees ironiefrei zum Besten geben. So hat Patton auch Arbeit fern der Rockmusik gefunden. Für das Computerspiel «The Dark-ness» lieferte er die Stimme der dunklen Macht, die Zombies, die im Action-Streifen «I Am Legend» auf Will Smith Jagd machen, verdanken ihm ihre entsetzlichen Schreie.

Obwohl er als Stimmakrobat und Songwriter für das Finstere zuständig ist, widerspricht Patton dem verbreiteten Image, ein wutgeladener Menschenfeind zu sein. «Wäre ich ein Amokläufer, würde ich nur ein paar Schüsse in eine Wand abfeuern, und ohne jemanden verletzt zu haben, wieder friedlich abziehen. Meine Songtexte sollte man nicht allzu ernst nehmen. Bei der Wortwahl geht es mir mehr um Sound als um Bedeutung.»

2009 nun steht Patton mit Faith No More zum ersten Mal nach elf Jahren wieder auf der Bühne, dabei war das Quintett einst für interne Streitereien und Gemeinheiten berüchtigt. Vorerst will man die Wiedervereinigung auf eine Europatournee beschränken, die die Band heute Samstag ans Greenfield-Festival Interlaken führt. Beinah Zeitgleich ist die neue Retrospektive «The Very Best Definitive Ultimate Greatest Hits Collection» erschienen. Der programmatische Titel verdeutlicht Faith No Mores aktuelle Haltung: Jetzt wird Kasse gemacht, ohne darüber hinwegzutäuschen.

Live wolle man dem eigenen Erbe gerecht werden, heisst es, und dafür liegt die grösste Verantwortung bei Patton. Dank diesem menschlichen Dynamo vermochten Faith No More zu ihrer Hochzeit andere Bands von der Bühne zu fegen: Der Basler Auftritt im Vorprogramm von Guns N’Roses liess die Headliner 1992 ziemlich flau aussehen, die Vorvorband Soundgarden ging weitgehend unbemerkt unter. Für diese Glanzleistung vor fremdem Publikum musste Patton nicht einmal ausfällig werden. Seine Stimmgewalt und Bühnenpräsenz reichten vollends. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2009, 12:01 Uhr


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