Kultur
Eine Art Heldengeschichte
Von Christoph Merki. Aktualisiert am 23.01.2010
Ein Mann, der nicht lesen und kaum schreiben konnte, dafür aber Gitarre spielen: Django Reinhardt. (Bild: Keystone)
CD
Django Reinhardt: Rétrospectives 1934–53 (Universal), drei CDs mit den wichtigsten Aufnahmen des Gitarristen.
Zum Ende seines Lebens, das 43 Jahre dauerte, ging er lieber fischen, als Gitarre zu spielen. Auch sah man ihn in Billardsalons. Oder er versteckte sich hinter der Staffelei, denn er malte leidenschaftlich gern. Diese späte Beschaulichkeit erstaunt angesichts der energischen Anfänge des stolzen jungen Mannes namens Django Reinhardt. Sein Schicksal hielt ihm widrigste Umstände bereit – doch Django Reinhardt überwand sie alle mit viel Biss. Und als er 1953 im französischen Samois-sur-Seine starb, an einer Gehirnblutung, stand der Gitarrist selbst bei amerikanischen Jazzern in so hohem Ansehen, dass John Lewis vom alsbald weltbekannten Modern Jazz Quartet ihm «Django» als Requiem komponierte.
«Marseillaise» statt «Tiger Rag»
Worin solche Hommagen gründeten? Zu einer Zeit, als US-Jazzer wie Coleman Hawkins als rare einschüchternde Idole durch Europa nomadisierten, in den 1930ern, hatte Django Reinhardt seinen Zigeunerjazz entwickelt: eine Mischung aus Swingjazz, französischer Musette-Musik und der traditionellen Spielweise der Zigeuner. Bei Reinhardt hiessen die Jazzstücke nicht mehr nur «Tiger Rag» oder «St. Louis Blues», sondern auch «Echoes de France» (die «Marseillaise») oder «Rêverie». Django Reinhardt lieferte das früheste Beispiel einer sinnfälligen Verschmelzung zwischen Jazz und einer Musiziertradition Europas. Er schuf den ersten Jazz ausserhalb der afroamerikanischen Musiktradition, erste strahlende Edelsteine des europäischen Jazz.
Reinhardts Aufnahmen sind gut dokumentiert. Noch heute lässt sich bei ihrem Durchhören leicht begreifen, wieso sie einst so einschlugen. Die Aufnahmen mit dem klassischen Quintette Du Hot Club de France, 1934 bis 1939, kamen ganz ohne Schlagzeug aus. Intime Klänge voller Charme, denen es zugleich nicht an Drive fehlte: der unübertroffene Stéphane Grappelli an der Violine, der feurige Django Reinhardt selbst an der akustischen Sologitarre; zwei weitere Begleitgitarristen, die alle Zählzeiten durchgängig spielen (das zweite und vierte Viertel kurz), dazu ein Kontrabass. Die Besetzung ausschliesslich mit Saiteninstrumenten war damals im Jazz völlig neu.
Aus der Biografie Django Reinhardts könnte man leicht ein Stück Erbauungsliteratur machen. Reinhardt kam von ganz unten und schwang sich auf. Er wurde 1910 in Belgien als Sinti in einem Zirkuswagen geboren. Sein Vater verschwand bald. Mit seiner Mutter wohnte Reinhardt später am Rande von Paris mit weiteren Sinti zusammen. Bei ihnen lernte er durch Abschauen und Abhören das Gitarrenspiel, quasi in einem Do-it-yourself-Ansatz. Reinhardt konnte keine Musiknoten schreiben und auch nicht lesen, und er schaffte es später knapp, seinen Namen für Autogrammzwecke in Druckbuchstaben hinzumalen. Django Reinhardt konnte nur Gitarre spielen. Das aber tat er ganz vollendet.
Ein schrecklicher Unfall
Und da ist etwas in seinem Leben, das Reinhardt gleichsam zu einer Erbauungsfigur macht. Am 2. November 1928 schien sein Leben in einer Tragödie zu enden. In dieser Nacht kehrte Django Reinhardt nach einem Konzert in Paris zurück in seinen Holzwohnwagen. Im Schlaf wurde er von einem Feuer überrascht, der Wohnwagen stand sofort in Flammen, Reinhardt erlitt schwere Verbrennungen. Auch an den Händen: Die linke, die Greifhand für die Gitarre, war gelähmt. Doch in anderthalbjährigem stetem Muskeltraining gelang es ihm, Zeige- und Mittelfinger wieder zu bewegen (Ringfinger und kleiner Finger blieben dagegen fast steif). Was eigentlich für einen Gitarristen das Aus hätte bedeuten müssen, war für Reinhardt Ansporn, eine ganz eigene Technik zu entwickeln, an deren Ende trotz der Handicaps enormes Virtuosentum stand. Wahrhaft erbaulich!
Andererseits muss auch gesagt sein, dass Reinhardts Leben nicht nur Nachahmenswertes enthält. Gemeinsam mit Charlie Parker führt er wohl die Top-Liste in Sachen Unzuverlässigkeit im Jazz an. Ein wilder, unberechenbarer, verschwenderischer Charakter. Er hielt Verträge nicht ein, hatte eine unersättliche Sucht nach Glückspielen aller Art, verprasste enorme Summen – und als ihn der grosse Duke Ellington zu Konzerten in die New Yorker Carnegie Hall einlud, kam er bei einem der beiden Konzerte drei Stunden zu spät.
Ein Parvenü war er auch, der ausspielen wollte, dass er oben im Olymp angekommen war. Reinhardt hatte die Angewohnheit, seine Gitarre immer von anderen tragen zu lassen. Er mietete sich zeitweilig eine der prunkvollsten Wohnungen auf den Pariser Champs Elysées. Und als er 1946 in die USA fuhr, nahm er nicht einmal seine Gitarre mit. Er dachte, es würde eine Ehre sein für die amerikanischen Gitarrenhersteller, ihm ein Instrument zu schenken.
Sie taten es natürlich nicht. Und hatten damit am Ende vielleicht doch Unrecht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.01.2010, 07:02 Uhr
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