Kultur

Eine Musik für Schlafwandler

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 21.02.2011 3 Kommentare

Radioheads achte Platte «The King of Limbs»: Das Quintett macht es einem immer schwerer, seine Musik zu mögen. Diesmal sind sogar die Fans tief gespalten.

Gehen den Weg von der Lärmgitarre zur elektronischen Verrätselung: Radiohead.

Gehen den Weg von der Lärmgitarre zur elektronischen Verrätselung: Radiohead.
Bild: PD

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Das Album

Radiohead: «The King of Limbs».

Zum Stück «Lotus Flower» ist auf der Homepage ein Video zu sehen.

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Kaum hatte die Band ihr neues Album am Wochenende ins Netz gestellt, wo es für sieben Franken heruntergeladen werden kann, lärmten die Stimmen los im Internet. Kurz nach dem Erstkontakt mit den neuen Stücken von «The King of Limbs», dem achten Album von Radiohead, hatten die Rezensionen der BBC, des «Guardian», des «New Musical Express» und anderen Medien und Fanseiten schon Hunderte von Reaktionen ausgelöst, und es kamen immer mehr dazu. «39 weitere Kommentare in Bearbeitung», notierte lakonisch der NME am Samstagnachmittag.

Das Ende der Songs

Keine Band vermag ihren hohen Anspruch einem so ergebenen Publikum dermassen erfolgreich zu vermitteln, kaum eine wird von den Fans so rückhaltlos verehrt und von allen anderen als geschmäcklerisch abgetan, für langweilig und überschätzt gehalten. Kunst hat im Pop eben keinen guten Ruf. Der Punk hatte das Genre von allen Anmassungen der Siebziger befreit. Wie die Karriere von Radiohead immer deutlicher macht, gehen die Engländer den umgekehrten Weg: von der Lärmgitarre zur elektronischen Verrätselung, vom Schrei zum Wispern, vom Song zum Track, von der Akkordfolge zum Sound.

«The King of Limbs» forciert diese Entwicklung mehr als alle früheren Platten der fünf Engländer zusammen. Das Misstrauen gegenüber der Songstruktur, schon auf früheren Alben wie «Kid A» oder «Amnesiac» formuliert, wird hier noch weiter getrieben. Das neue Album bringt es mit acht Stücken auf gerade mal 37 Minuten Spiellänge, es scheint der Band also entgegen ihren Behauptungen nicht leichtgefallen zu sein, die neue Musik zu schreiben. Das schlägt auf die Stimmung: Der Grundton der neuen Platte klingt lethargisch schwer, die Instrumentierung düster, Thom Yorkes Gesang kommt als durchgängig hohes Klagen daher. Der Sänger klingt wie ein Narkoleptiker, der bei jedemWort gegen den Schlaf ankämpfen muss.

Blosse Varianten von Einfällen

Seine Stimme gibt bei dieser Band auch am meisten zu reden. Wo die Fans Sensibilitäten vernehmen, hören die Gegner ein manieriertes Greinen. Was die einen für Selbstbefragung halten, werten andere als grenzenloses Selbstmitleid. Diesmal scheint der Vortrag des Sängers und das Mitspiel der Band sogar die Fans gegeneinander aufzubringen. Trotzige Kommentare halten das neue Album für eines der besten der Band, Enttäuschte hören blosse Varianten von Einfällen, die auf früheren Platten überzeugender gelangen.

Nach dem ersten und zweiten Durchhören neigt man dazu, Letzteren recht zu geben. «The King of Limbs» klingt nach künstlerischer Ratlosigkeit. «This is how you disappear», hat Thom Yorke vor elf Jahren gesungen. Diesmal scheint er es mit dem Verschwinden ernst zu meinen: dem Verschwinden in sich selber. «Bloom» zum Beispiel, das Eröffnungsstück, mag sich kaum zu einer Melodie erheben, ohne dass die Alternative wirklich interessierte. Auf «Feral» ist die Stimme nur noch als Sample zu vernehmen, ein Klangfetzen, der Begleitung achtlos beigerührt. Viele Stücke gleichen sich zu sehr, die Arrangements klingen monoton, der Gesang schwingt sich kaum je auf. Bass, Schlagzeug und Elektronik dominieren die Platte, Johnny Greenwoods Gitarre, die früher das Material konturierte, ist fast nicht mehr zu hören.

Sie gefällt immer besser

Mit jedem weiteren Hören dann eröffnen Songs wie «Cortex» oder «Little by Little» unerhörte Qualitäten und Subtilitäten: die Schönheit des Unscheinbaren. Die guten Stücke gefallen immer besser, die schlechten enttäuschen etwas weniger. Zu Ersteren gehören «Lotus Flower» und «Separator», die erste Single des neuen Albums und das letzte Stück. Beide entwickeln aus der sparsamen Begleitung hypnotische Qualitäten, die effektvoll mit Yorkes Gesang kontrastieren; man wünscht sich schon jetzt, diese Stücke live zu hören, steuert sie immer wieder an und versucht sich vergeblich an die Gründe zu erinnern, warum sie einen zunächst so gleichgültig liessen.

Noch besser ist «Morning Mr Magpie» geraten. Es baut auf einem Gitarrencluster auf, von einer melodischen Basslinie kommentiert, und inspiriert den Sänger zu seinem besten Auftritt auf der neuen Platte. «You got some nerve coming here», singt er eingangs: Du hast schon Nerven, dich hier zu zeigen.Und wir dachten immer, wir seien eingeladen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2011, 08:02 Uhr

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3 Kommentare

Raphael Bühler

21.02.2011, 20:35 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ich erinnere mich nur zu gut, wie enttäuscht ich war, als ich Kid A zum ersten Mal hörte. Eine kleine musikalische Welt brach zusammen. Alle für mich wirklich lang anhaltend guten Platten brauchten viel Geduld. Und die wird sicher auch mit The King of Limbs wieder belohnt werden. Antworten


Marco wettstein

21.02.2011, 08:11 Uhr
Melden

Dem Bericht gebe ich in vielen Punkten recht. Aber radiohead wäre nicht radiohead, wenn jedem das Album uneingeschränkt gefallen hätte. Mich hatte schon jedes neue album von radiohead anfangs enttäuscht; und doch wurde jedes mit jedem mal hören besser. King of limbs ist da wohl keine ausnahme. Antworten




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