Kultur
«Einen Song schreiben ist wie Spaghettikochen»
Interview: Michèle Binswanger. Aktualisiert am 29.09.2012
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Sophie Hunger: The Danger of Light. Das Album erscheint am 28.9.
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Sie waren gerade ein ganzes Jahr unterwegs auf Tour, jetzt legen Sie bereits ein neues Album vor. Fühlen Sie sich durchs Unterwegssein inspiriert oder sind Sie kreativer, wenn Sie sesshaft sind? Unterwegs zu sein hilft mir, Sachen zu erfinden. Dieses Tripping ist ein Zustand, in dem ich mich wohlfühle. Sonst müsste ich mich isolieren, um in denselben Zustand zu kommen.
Ist man nicht auch gerade auf Reisen isoliert?
Eher nicht. Ich beschäftige mich selten mit mir selber, sondern mit dem, was ausserhalb von mir ist. Wenn ich mich frage, was ich selbst bin, sehe ich nur Weiss.
Wenn Sie ein Lied schreiben – womit fängt es an? Mit einer Melodie, einem Gedanken, Wortfetzen?
Alles zusammen. Das Lied «Likelikelike» zum Beispiel: Ich wollte immer schon ein ganz simples Lied haben, so wie Dylans Lied «Baby, Let Me Follow You Down». Das ist ein Gefühl, das jeder kennt, es ist sehr einfach, aber in einem bestimmten Moment kann es alles sein.
Von der Inspiration zum Sammeln des Materials bis zur Ausarbeitung – welcher Teil des Arbeitsprozesses sagt Ihnen am meisten zu?
Ich mag die Anfänge. Ein konkretes Beispiel ist das Lied «Walzer für Niemand». Eines Tages kam mir auf dem Nachhauseweg die Idee, ein Lied zu schreiben, bei dem der Protagonist niemand ist. Ich wollte die Leerstelle personifizieren. Ich hatte noch Dinge zu erledigen, wusste aber, sobald ich daheim bin, muss ich das aufschreiben. Als es endlich so weit war, setzte ich mich hin und schrieb diesen ganz simplen Walzer. Es war eine Sache von zwei Minuten. Es ist, wie wenn man einkaufen geht, alle Zutaten kauft, und wenn man dann alles zusammenhat, das Salz sich im Wasser auflöst, die Spaghetti kochen, das ist dann der Moment.
Im Song «Rererevolution» geht es um die Sehnsucht nach einer Revolution und das Wissen, dass sie nicht kommen wird. Glauben Sie, dass Sie eine Revolution erleben werden?
Nein. Ich glaube, das geht noch etwa 100 Jahre, bis es zu massiven Veränderungen der Machtpositionen kommen wird.
Wünschen Sie sich eine Revolution?
Ich versuchte einfach, ein Lied zu schreiben aus der Perspektive von jemandem, der dieses Gefühl hat, am Morgen mit Kaffee und Gipfel auf der Strasse steht und bereit ist zum Losmarschieren. Und dann stellt er fest, dass gar niemand da ist. Dass er da ganz alleine steht. Am Schluss des Liedes realisiert er, dass das Ganze eine Wahnvorstellung war, und er fragt sich, ob er vielleicht nur seine eigene Stimme gehört hat, dass das Flimmern, welches er für ein Feuer hielt, nur eine Werbung für tiefere Benzinpreise war.
Wenn es eine Revolution geben würde, wären Sie ein Teil davon?
Kommt ganz drauf an, worum es gehen würde. Wenn das Frauenstimmrecht zurückgezogen würde, dann würde ich natürlich mit der Mistgabel zum Haus rausgehen, das ist klar. Diese Frage nehme ich sehr persönlich.
Glauben Sie, dass in Sachen Gleichberechtigung schon alles erreicht ist?
Keine Ahnung, aber mir fällt auf, dass viele der interessanteren populären Künstlerfiguren der letzten Jahre, wie zum Beispiel Pussy Riot, dass das oft Frauen sind. Und ich glaube auch, dass die Frauenfrage, was die Entwicklung der Gesellschaften angeht, ein grosses Potenzial hat. Was man allerdings auch bedenken muss: Eine Revolution ist nicht die Vernichtung eines Systems, sondern die Ersetzung des einen Systems durch ein nächstes.
Was halten Sie von der Occupy-Bewegung?
Es freut mich immer, wenn Widerstand erkennbar wird. Manchmal ist es enttäuschend, zu sehen, dass all diese Kräfte untereinander so schlecht organisiert sind. Die Finanzwelt im Gegensatz dazu ist hervorragend strukturiert und organisiert, da wirkt eine Occupy-Bewegung relativ harmlos.
Liegt das nicht in der Natur dieser Art von spontanem Widerstand? Alles andere wäre ja der Versuch einer Machtübernahme durch ein neues System.
Es gibt ja nicht nur diese beiden Möglichkeiten. Es gibt auch die Möglichkeit der Anpassung. Wir leben in einer Demokratie, wir sollten uns nicht beklagen. Wir haben alle Chancen, das System an die neuen Gegebenheiten anzupassen.
Das erfordert, dass wir uns dem System anpassen müssen, das sehr träge und bürokratisch ist.
Das ist zwar richtig, trotzdem ist dieses System, unsere Demokratie, eine grosse Errungenschaft, der man Respekt zollen muss. Ich bin dagegen, dass man immer zuerst sagt: «Das ist ein Scheiss», sondern das sind alles Möglichkeiten, die wir haben.
Der Song «Perpetrator» handelt von einem Amokläufer – was interessiert Sie daran?
Ich fragte mich, was ein Amokläufer auf dem Weg zu seiner Tat hört. Es fängt ja an mit: «I'll take it easy, I wont go too fast.» Er läuft und weiss, was er vorhat, und für ihn ist das Schönheit. Das habe ich mir vorgestellt…
Können Sie diesen Geisteszustand nachvollziehen?
Ich glaube nicht, dass ich das beantworten darf. Aber im Moment, da ich das Lied schreibe, mache ich genau das.
Die letzte Zeile lautet: «I know that you believe in me.» Was meinten Sie damit?
Im Moment, da er auf die Leute zielt, merkt er, dass sie an ihn glauben, ihn sehen.
An ihn glauben als Amokläufer oder als Mensch?
Als Mensch. In dem Moment, da sie ihn sehen, wissen sie, dass es ihn gibt und dass er echt ist, dass er jetzt da ist.
Und sie töten wird?
Ja.
Sie sind eine Sängerin, die einfach alle gut finden. Misstrauen Sie eigentlich dem Lob, das Sie bekommen?
Es kommt auch immer darauf an, wer lobt. Aber eigentlich denke ich nicht so viel darüber nach. Meine Aufgabe als Künstlerin ist es, etwas anzubieten, das Urteil darüber obliegt dann dem Publikum. Ich denke nicht, dass ich ein Recht auf Lob oder auf Erfolg habe.
Glauben Sie, dass man sich selbst bleibt über die Jahre oder dass die eigene Person sich stetig verändert?
Letzteres.
Wenn Sie nicht Musikerin wären, was wären Sie dann?
Musikerin?
Von all den Liedern, die Sie geschrieben haben, gibt es einen Lieblingssong?
Nein. Das ist wohl einer, der erst noch kommt.
Wie kann man Sie verführen?
Mit Humor.
Wenn Sie sich in einen Mann verlieben, bekommen Sie ihn dann auch?
Über solche Dinge spreche ich nicht.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.09.2012, 10:40 Uhr

















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