Kultur
Farin Urlaub startet mit einem «Erdbeben»
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 05.12.2008
Nur die Winterthurer Eulachhalle, halb Hangar und halb Schlachthof, wird uns diesen Auftritt vermiesen können, der vom Publikum gefeiert wird wie ein Endspiel ohne Gegner. Urlaub ist ein Sänger, Schreiber und abgebrochener Archäologiestudent aus Berlin, der vor 45 Jahren als Jan Ulrich Max Vetter geboren wurde und seit den Achtzigerjahren beim Trio Die Ärzte engagiert ist. Seit sieben Jahren ist er auch in eigener Sache unterwegs. Und fängt mit seinem Racing Team das Konzert so an, wie Konzerte normalerweise aufhören. «Mit einem Erdbeben beginnen», wie man bei Metro Goldwyn Meier den Drehbuchautoren eingeschärft hat, «und dann langsam steigern.»
Auf diese Weise brennt er in zwei Stunden dreissig Stücke ab, er verliert also keine Zeit: Intro, Strophe, Refrain, kurzes Solo und dann der Abgang. Seine elfköpfige Band, sieben Frauen und vier Bläser, spielt elegant und sicher. Immer wieder wird das Tempo variiert, harte Rocknummern verflüssigen sich zum wiegenden Rhythmus des Ska, komplett mit Posaunensolo, dazwischen singt der Frauenchor a cappella, die Musik bleibt einen abrupten Break lang stehen oder wechselt den Takt.
Glänzender Unterhalter
Womit noch nichts darüber gesagt ist, was der Mann auf der Bühne sagt und singt. Alleine seine Ansagen lohnen den Umweg, er ist ein glänzender Unterhalter. Selbst wenn er sich über sein Publikum lustig macht, tut er es nicht aus Herablassung, sondern weil er ihm die nötige Selbstironie zutraut: «Könnt ihr langsam tanzen? Blöde Frage, wir sind ja hier in der Schweiz.» Man versteht übrigens jedes Wort, das er singt, und das mit Gewinn. Mit schmucklosen, pointensicheren Zeilen verhandelt Farin Urlaub Alltägliches wie den Einkauf in der Fussgängerzone, das Ende der Liebe, die Lust am Nasenbohren, die schwimmende Leiche im Teich vor seinem Fenster und den lieben Staat («danke, dass du mich regierst»). Lagerfeuermoral gibt es keine bei ihm.
Dass das Konzert nach etwas mehr als einer Stunde dennoch absackt, hat nichts mit seinen Texten zu tun, sondern mit der Musik, die er spielt. Da man nicht dreissig Jahre lang wütend sein kann, ohne sich lächerlich zu machen, hat sich der Punk bei ihm zur Präzision gezähmt, zu einem fugenlos vorgetragenen Spiel, das frei von Versuchung ist oder Schmerz, anders gesagt: Die Musik swingt nicht, und sie begehrt auch nicht auf. Punk ohne Zorn ergibt Spass, was zwar immer besser ist als gesungene Empörung, aber es fehlt trotzdem etwas. Einer, der sich Farin Urlaub nennt, hat vermutlich den Strand einfach zu gern. «Mit dem Meer ist es wie mit den Frauen», singt er einmal, «es ist genug für alle da.» Dafür legt er bei den Zugaben noch ein Brikett nach und spielt sie hart, schnell und mitreissend, nicht wütend, aber hellwach. Und klingt plötzlich so, als ginge es ihm noch um etwas in seinem Endspiel. Auch wenn er keine Gegner hat.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.12.2008, 08:31 Uhr
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