Kultur
Geboren, um unsterblich zu werden
Von Michael Gurtner. Aktualisiert am 25.01.2012 4 Kommentare
Video (Quelle: Youtube)
Ihr grosser Hit: «Videogames».Artikel zum Thema
- Gaga und das liebe Geld
- Stars & Styles: Freches Weihnachtsgeschenk für Gaga
- Lady Gaga gegen Katy Perry
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Videospiele: Die einen vergnügen sich leidenschaftlich tage- und nächtelang mit ihnen, die anderen verteufeln sie und schreiben ihnen allerhand negative Einflüsse zu. Und nochmals andere starten damit mal eben eine Weltkarriere. So geschehen bei Lana Del Rey. «Video Games» heisst das Lied, das sie mit tiefer, trauriger Schlafzimmerstimme intoniert und in eine geisterhafte Soundlandschaft mit Streichern und Harfenklängen taucht. Dazu schnipselte sie aus Cartoons, alten Filmen, Skateboarderszenen sowie Aufnahmen von sich selber ein Video zusammen und stellte es auf Youtube. Das war vor sieben Monaten, als Del Rey eine unbekannte Sängerin war, deren Debüt unter ihrem bürgerlichen Namen Lizzy Grant kaum jemanden interessiert hatte und schon nach kurzer Zeit nirgends mehr erhältlich war.
Sie sagt, sie habe «Video Games» nur für sich geschrieben. Und offenbar Hunderttausenden aus dem Herzen gesprochen. Innert Wochen wurde sie zum Internetphänomen, bis heute haben weit über 20 Millionen den Song auf Youtube angeklickt – und die Karriere der 25-Jährigen so richtig angekickt. Eben noch gab sie einen Vorschuss der Plattenfirma für einen Wohnwagen aus, um einen Platz zum Schlafen zu haben – plötzlich erhielt sie Awards als «Next Big Thing» und fand sich auf Magazincovers wieder. Wegen eines einzigen Songs.
Was ist hier echt?
Aber Obacht: Sind die Karriere und die mysteriöse Aura der in Lake Placid im Staat New York aufgewachsenen Elisabeth Grant tatsächlich blosser Zufall, Teil eines modernen Märchens? Oder stecken eine schöne Portion Kalkül und ein sorgsam gepflegtes Image hinter dem enigmatischen Auftreten? Längst kursieren im Internet Gerüchte, dass nicht alles ganz so echt ist an der jungen Dame. Die hübsche Story mit dem Wohnwagen. Gefälscht? Die vollen Angelina-Jolie-Lippen. Gespritzt? Der glamourös klingende Künstlername. Gekünstelt?
Laut Wikipedia verbindet «Lana Del Rey» den Vornamen der Actrice Lana Turner und das Ford-Modell Del Rey. «Scheiss Wikipedia», blaffte die Sängerin kürzlich in einem Interview. Sie kenne nicht mal Turners Filme. «Lana» und «Del Rey» töne einfach schön, das sei alles.
Plötzlich richtig neckisch
Fakt oder Fiktion: Das alles verblasst, sobald Lana Del Rey zu singen beginnt. Und sofort eine faszinierende Atmosphäre kreiert, einen dunklen, unentrinnbaren Sog. Das Titelstück ihres Albums «Born to Die»: Schleppende Trip-Hop-Beats, lakonischer Gesang, Erinnerungen an das geniale Portishead-Album «Dummy», Gänsehaut à gogo. Das elegische «Blue Jeans»: Die Geschichte einer gescheiterten Liebe – und das ganze Drama, das in der mädchenhaft verklärten Refrainzeile «I will love you till the end of time» steckt.
Das mit Samples und synthetischen Streichern aufgepeppte, hypnotische «Off to the Races»: Das Psychogramm einer verrückten, mit Drogen, Moneten, gefährlichen Leidenschaften angereicherten Beziehung – und am Ende des Refrains wird Del Rey plötzlich richtig neckisch. «National Anthem»: Eine Mischung aus klassischen Filmscores und modernem R’n’B-Feeling mit einem übergrossen Chor-Refrain. Ganz selten nur schleicht sich wie bei den schmucklosen Computerbeats von «Dark Paradise» eine Spur Banalität ein.
Lana Del Rey vereint scheinbare Widersprüche, thematisiert im musikalisch schwermütigen Hit «Video Games» das Glücklichsein, klingt seltsam sediert und doch leidenschaftlich, verbindet gespenstische Stimmungen, die direkt aus einem David-Lynch-Filmsoundtrack zu stammen scheinen, mit anschmiegsamem Retro-Feeling. Atemberaubend. Es scheint, als könne Lana Del Rey mit «Born to Die» ein Stückchen Unsterblichkeit erhaschen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 25.01.2012, 08:19 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
4 Kommentare
warum sind musikjournalisten heutzutage immer so wahnsinnig schnell dafür zu haben, jemanden gleich zum fast unsterblichen künstler herbeizuschreiben, wenn der betreffende gerade mal 1 (!) album veröffentlicht hat, das zudem in seinem stil sehr einem aktuellen hype entspricht? da frage ich mich, wo die objektivität bleibt. es ist der künstlerin ja zu gönnen, nur: kennt man sie noch in 5 jahren? Antworten
Ja Video Games ist ein cooler Song und ich war erst auch begeistert. Allerdings hört sich die Lifeperformance aller Songs nicht sehr prikelnd an (siehe Youtube). Entweder ist sie immer supernervös oder sie kann schlicht nicht singen... ich hoffe auf ersteres, aber warscheinlich ist ihr hochgejubeltes Talent so unecht wie ihre Lippen. Antworten

Bitte warten






